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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-12 · Heft 41 (12.10.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 befunden hatte. Gewissenlose Hetzer verbreiteten unter der Bevölkerung das Märchen, das Mädchen sei einem Ritualmorde zum Opfer gefallen. Gestern wurde die Leiche des Mädchens nächst Zenta aus der Theiß gezogen. Als sich in der Stadt die Nachricht verbreitete, daß am Halse der Leiche Würgespuren bemerkt wurden, zogen zahlreiche Bauern mit Sensen. Heugabeln und Dreschflegeln vor das Haus des Kantors Weiß und zertrümmerten daselbst sämtliche Fensterscheiben. Mehrere Juden wurden von der erregten Menge am Leben bedroht. Nur dem Eingreifen der Gendarmerie ist es zu danken, daß den fanatisierten Bauern kein Menschenleben zum Opfer fiel. Die Aussorschung der Rädelsführer wurde eingeleitet. Vun Aah und fern. — Ter Charakter als Justizrat wurde verliehen: den Rechtsanwälten Leys erson, Dr. Paul Alexander Katz, Adolf Loewe, Dr. Franz Lipmann-Wulf, Julius Grünschild und Julius Cohn in Berlin, Brieger und Marck in Breslau, Dr. Freund in Beuthen, Mankiewicz in Frankfurt a. M., Dr. Frankenstein in Bielefeld, Behrendt in Danzig, Placzek in Posen. — Die königliche Akademie der Künste macht bekannt, daß der Wettbewerb um die Stipendien der Michael Beerschen Stiftungen im Betrage von je 2250 Mark im Jahre 1907 bei der ersten Stiftung sür Bildhauer jüdischer Religion, bei der zweiten für Maler ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses stattfindet. Zugelafsen werden nur Künstler im Atter von 21 bis 32 Jahren, die ihre Studien aus einer deutschen Akademie gemacht haben. — Wie in früheren Jahren, so hat auch am vergangenen Sonnabend die Berliner Judenmission im Saale der Brüdergemeinde eine „Jom-Kippurfeier" veranstaltet, in welcher „über.Israels Last, Hoffnung und Heil" gepredigt wurde. Auch in diesem Jahre unterstützte der Männerchor der Berliner Stadtmission die Judenmission mit Gesang. „Es war eine ergreifende Feier," berichten konservative Blätter!! — Die Akademie in Posen ist als Zentralstätte deutscher Kultur gedacht. Ihre Hörer sollen Pioniere des Deutschtums sein. Interessant ist nun in dieser Hinsicht das Hörerverzeichnis der Akademie in Posen. Nach den Angaben des Kultusministeriums ergab sich, daß von den 1139 Akademiebesuchern nicht weniger als 299 jüdischen Glaubens sind. 26,2 Prozent aller Hörer gehören also dem jüdischen Bekenntnis an. — Der an der Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem bereits im zehnten Jahre wirkende Herr Inspektor Albert Sil b erb erg ist zum Direktor ernannt worden. — In Gürzenich bei Köln wurde die neue Synagoge eingeweiht. — Geheimrat Coppel und sein Bruder Arnold in Solingen stifteten ihrer Vaterstadt für das Walderholungsheim und die Waldschule für schwächliche Kinder je 40 000 Mark, ersterer anläßlich seiner goldenen Hochzeit, letzterer aus Anlaß seines 80. Geburtstages. — Professor Pützer-Darmstadt erhielt vom Preisgericht für den Neubau einer Synagoge in Frankfurt den dritten Preis, 1500 Mark. Den ersten Preis, 4500 Mark, erhielt die Architektenfirma Graf und Nöckle in Stuttgart, den zweiten Preis, 3000 Mark, Wilhelm Wetterdick in Frankfurt a. M. — In letzter Zeit wurden in Mainz eine ganze Reihe altjüdischer Grabsteine gefunden. Der bekannte Typologe Wal lau ist in Verbindung mit dem Großherzoglichen Provinzialrabbiner Dr. Salfeld mit dem Entziffern und Reinigen der Inschriften beschäftigt. Das Resultat dieser Arbeit wird ein mit photographischen Aufnahmen der Steine versehenes Buch sein. — Am 23. d. M. geht von Budapest mittels Separatzuges eine große israelitische Reisegesellschaft nach dem heiligen Lande ab. Die Ausflügler werden in Konstantinopel von einem eleganten Separatdampfer erwartet. Im Rahmen des 25tägigen Programms werden außer Jerusalem und Umgebung auch Bethlehem, Jericho, Jordan, Totes Meer, die jüdischen Kolonien Beyruth, Libanon usw. besucht. Der Teilnahmepreis beträgt von Budapest bis Budapest mit vollständiger Pension und allen programmäßigen Spesen 530 Kronen. — Der Regierungsrat hat die Demission des Professors Rabbiner Werth eim er in Genf unter Anerkennung der geleisteten Dienste angenommen und ihm den Titel Honorarprofessor der Universität Genf verliehen. — Der Oberst Dennery, Kommandeur des 128. Infanterieregiments in St. Denis, ist zum Brigadegeneral ernannt worden. Derselbe ist ein glaubenstreuer Jude. — Der Kommandant Bernard, ein I Bruder des unvergeßlichen Bernard Lazare, ist zum Oberstleutnant > befördert worden.. Derselbe ist einer der jüngsten Offiziere der j französischen Armee. — Im November und Dezember d. I. wird in j der Whitechapel Art Gallery zu London eine Ausstellung jüdischer Kunstgegenstände und Altertümer veranstaltet werden. Angeregt wurde der Gedanke von mehreren jüdischen literarischen Gesellschaften, und schon im vorigen Jahre sollte in der genannten Galerie die Ausstellung abgehalten werden. Da aber die Räume der Galerie anderweitig in Anspruch genommen waren, so mußte man die Ausführung des Planes einstweilen verschieben. Die Leitung ist von der Direktion der Whitechapel Art Gallery übernommen worden; ihr steht ein jüdisches Komitee beratend zur Seite. Da nur ein beschränkter Raum verfügbar ist, so wird das Unternehmen nicht den Umfang der jüdisch-historischen Ausstellung von 1887 erreichen. Es sollen Bilder zeitgenössischer und früherer jüdischer Maler, ferner Gegenstände von religiösem und historischem Interesse, wie Synagogenausstattungen, seltene Handschriften, Drucke, Bücher usw. dem Beschauer dargeboten werden. — Oberstleutnant Frederick Nathan wurde zum Inspektor der Zeughäuser und Pulverwerkstätten Indiens bestimmt. — Der russische Senat fällte eine bejahende Entscheidung über allseitiges Wohnrecht der jüdischen Hebammen erster und zweiter Ordnung, nachdem ihnen dieses Recht administrativ streitig gemacht war. — In Bielozerkow hat der Gendarmerieoberst vom Vorstände der jüdischen Gemeinde die Auslieferung sämtlicher revolutionär gesinnten Mitglieder verlangt mit der Drohung, daß er andernfalls alle Judenhäuser zusammenschießen lassen würde. — Zu Tausenden wurden in Kischinew Flugblätter mit der Aufforderung' zu Jndenmetzeleien verteilt. Provokationen der Hooligans finden täglich statt. Die Befürchtungen der Bevölkerung sind groß. Die Auswanderung steigt. — Ein Gerücht, dem aber ernste Beachtung zu schenken ist. besagt, daß der Ministergehilfe Krisch an owsky zum Minister des Innern ernannt werden und Stolypin Ministerpräsident bleiben soll; Krischanowsky unterhält engste Beziehungen zum „Verbände des russischen Volkes". — Purischkowitsch schlug den Posten eines Vizedirektors im Polizeidepartement aus, mit der Begründung, daß er jetzt als Präsident des „Verbandes des russischen Volkes" die Minister zwingen könne, seine Forderungen zu erfüllen, während er als Vizedirektor im Polizeidepartement ihr Untergebener wäre und ihre Befehle auszuführen hätte. — Dagegen hat am 3. d. M. wieder Herr Stolypin eine Deputation aus Siedlce empfangen. Er beruhigte die Erschienenen und sprach sehr liebenswürdig zu ihnen. Es ist das ein Beweis der persönlichen Empfindung des Ministers, aber keine Garantie für seine Macht, künftig Ausschreitungen zu verhindern. — Der Truppenchef von Sjedlce, Oberstleutnant Tichanowski, wurde einstweilen seines Amtes enthoben. — lieber den Verlaus der jüdischen Feiertage in Warschau berichtet das hebräische Blatt „Hajom": Die Feiertage sind ruhig vorübergegangen. In den Synagogen fanden Durchsuchungen, die erwartet waren, nicht statt. Blob auf der Wolskastraße wurde eine Synagoge einige Stunden lang durchsucht und dabei der Fußboden ausgerissen. Es wurde jedoch nichts gefunden und niemand verhaftet. — Das Gesamtvermögen der jüdischen Synagogen von Groß-Newyork, einschließlich den Wert der ihnen gehörenden Grundstücke, wird neuerdings auf 14 813 850 Dollar geschätzt. Allein die beiden Tempel in der vornehmen Fifth Avenue, Emanuel und Betel, werden auf 3100 000 Dollar geschätzt. Vor kurzem starb daselbst der in Rußland geborene Louis Perlmann im Alter von 109 Jahren. Perlmann hinterläßt in Newyork 28 Enkel und 26 Urenkel. — Eine unerhörte Schandtat wird telegraphisch aus Newyork gemeldet: Gegen den weltbekannten, edlen und uneigennützigen Philantropen Jakob H. Schiff ist ein Attentatsversuch, bereits der dritte, unternommen worden, der aber, Gott sei Dank, mißglückte. Vor Jahresfrist verhängten die Nihilisten über Schiff das Todesurteil in der irrigen Annahme, die Firma Kuhn, Löb & Company, deren Chef Schiff ist, habe die russische Anleihe besorgt. Tatsächlich hat Schiff stets in der liberalsten Weise die russischen Flüchtlinge unterstützt. Die Nachricht wird überall, wo man das Wirken des ausgezeichneten Mannes kennt, die tiefste Empörung Hervorrufen.

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