Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 widerten hierauf, daß die Geldopfer gebracht werden müßten und bei der bekannten Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen auch gebracht würden, daß die Zuschüsse an die christlichen Körperschaften nicht gesetzlich festgelegt seien und daß eine Verpflichtung des Staates hierzu nicht bestehe. Tie Gelder werden alljährlich „bewilligt" und würden nach seinen Informationen auch den Juden derartige Be- Willigungen zuteil werden. Grundsätzlich ablehnend sprach sich Jeidel-Pfungstadt aus. Sein Widerstand gilt insbesondere dem zu schaffenden Oberrate. Trotzdem Freiheit des Kultus und des Ritus dem einzelnen sowohl wie den Gemeinden im Gesetze zngesichert werde, enthalte dasselbe namentlich in den Artikeln 104 und 105 eine Anzahl Bestimmungen, welche diese Freiheit schwer gefährden. West- Heimer-Rimbach 'weist auf die gefährlichen Folgen hin, welche die Trennung cher Schächtfunktionen von dem Lehreramte sowohl in religiöser ^als auch in finanzieller Beziehung haben würde. Zustimmend äußerten sich dagegen Kommerzienrat Heichelheim-Gießen, Friedberg und Seligenstadt. Ter Vorsitzende gab die Notwendigkeit einer Anzahl Abänderungen zu und schloß die Debatte. Hierauf gelangte eine Resolution zur Annahme, welche ausspricht: „Der vou der Regierung vorgelegte Gesetzentwurf, die Verfassung und Verwaltung der israelitischen Gemeinden des Großherzogtums Hessen betreffend, kann als Grundlage zur gesetzlichen Regelung verwendet werden, bedarf aber wesentlicher Abänderungen und Zusätze." Der Vorstand der Gemeinde Darmsladt wurde beauftragt, den Gemeinden des Landes von über 100 Seelen von vorstehender Resolution Kenntnis zu geben, mit dem Ersuchen, den Gesetzentwurf in ihrem Vorstande zu berateil und etwaige Wünsche und Verbesserungen an den Vorstand innerhalb 14 Tagen gelangen zu lassen. Nach Sammlung und Sichtung dieses Materials sollen weitere Beratungen veranlaßt werden. Aus dem Gang der Verhandlungen war übrigens ersichtlich, daß die Bewegung zur Nenderung der hessischen Judengesetze im Lande viel Billigung und Unterstützung findet. Demgemäß hat die an den Minister des Innern zu richtende Eingabe viele Unterschriften erhalten. Die g r o ße Nt e h r h e i t der jüdischen Interessenten steht auf dem Boden der Eingabe, und selbst manche Gemeindevorsteher, deren Macht- und Geltungsbereich doch eine Beschränkung erfahren soll, stehen diesen Bestrebungen zur Beseitigung veralteter und unhaltbar gewordener Zustände (als solche gelten vornehmlich die besondere Art der Veranlagung zu Gemeiude- und Proviuzialsteuern und die Ernennung der lebenslänglichen Vorstande durch die Provinzialbehörde, Vorsteheramt) sympathisch gegenüber. 1. Nürnberg, 2. Oktober. Gestern und heute tagte hier die zehnte Versammlung des Verbandes der Tierschutzvereine im Deutschen Reich, an der auch mehrere jüdische Delegierte teilnahmen. Der ganze erste Verhandlungstag war dein Antrag auf...Einführung des allgenreinen Betäubungszwangs für sämtliche Schlachttiere, das heißt auf Verbot des Schlichtens, gewidmet. Die Darlegungen des Referenten und sämtlicher Diskussionsredner beschäftigten sich denn auch fast ausschließlich mit dem Schächten. Als Referenten fungierten Schlachthofdirektor Heiß-Slraubing. Kanzleirat Kaeflein-Karlsruhe und Obersekretär Raabe-Leipzig. Ersterer behandelte das Thema vom technischen, der zweite vom sozialen, der letzte vom statistischen Gesichtspunkt. Alle drei gelangten unter Vorführung der längst .widerlegten Argumente zur Verurteilung des Sch achtens. Ihnen antworteten in sachlicher und eingehender Weise Herr C. Weingart-Mannheim und Rabbiner Dr. Cohn-Kattowitz, der folgenden Antrag stellte: „Der Verbandstag wolle beschließen, daß in dem Antrag auf Einführung des Betäubungszwangs der Zusatz hinzugefügt werde: „Das Schächten der Israeliten bleibt von dem Betäubungszwang ausgeschlossen." Hieraus „hielt Tr. Hirsch Hildesheimer-Berlin einen längeren und sehr gediegenen Vortrag, der alle Argumente der Gegner in wahrhaft vernichtenderWeise zurückschlug und großen Beifall fand, ferner sprachen di^ Herren Professor Volkmar-Offenbach und Kreistierarzt Beckers-Breslaü, Pfarrer Brandes-Burgdorf und Gymnasialdirektor Göttgens gegen den Antrag des Verbandes auf Einführung des allgemeinen Betäubungszwangs unter Ablehnung des Zusatzantrags, der das Schächten ausnimmt. Die Abstimmung über den Antrag, die heute stattfand, ergab trotzdem eine Majorität für denselben. Es stimmten dafür 45, dagegen 30 der Anwesenden. Gesterretch-Nngarn. A Wien, 8. Oktober. Das österreichische Verwaltungsgericht wird sich in nächster Zeit mit einer interessanten Entscheidung zu beschäftigen haben. Ein österreichischer Untertan jüdischer Konfession verlangte bei einer amtlichen Aufnahme seiner Personaldaten, daß in die Rubrik „Nationalität" von amtswegen „jüdische" eingetragen werde, was die Behörde erster Instanz unter Hinweis darauf verweigerte, daß die Bezeichnung „jüdische" nur in der Konfessionsrubrik zum Ausdruck gebracht werden könne. Der Beschwerdeführer, der bis an das Ministerium appellierte, blieb bei seiner Behauptung, daß es eine jüdische Nationalität gebe, deren grundsätzliche Anerkennung er verlange. Das Ministerium des Innern wies den Reklamanten nicht kurzweg ab, sondern holte ein Gutachten der Universität Wien und der Kultusreferenten der Regierung ein, die, allerdings nicht in so bestimmter Weise wie die Unterbehörde, ihre Ansicht dahin aussprachen, daß die Anerkennung einer eigenen jüdischen Nationalität, ihrer Meinung nach, wegen ihrer Folgen nicht opportun erscheine. Der Beschwerdeführer will nunmehr an die höchste und letzte Instanz, das Verwaltungsgericht, herantreten. Der Entscheidung dieser Stelle sieht man mit großer Spannung entgegen. — Ein hübsches Skandälchen hat einer Ihrer Berliner gelehrten Antisemiten, der zweite Direktor Ihres Staatsarchivs, Herr Dr. P. Bailleu, hier auf dein Historikertag aufgeführt, indem er in einer Tischrede Herrn Lueger und dessen Amtswirksamkeit in unglaublicher Weise herausstrich und die gesamte Journalistik — natürlich ist die „jüdische" gemeint gewesen — vor den Kops stieß. Die Sache hat hier, obwohl schon am nächsten Tage ein anderer Teilnehmer des Historikertags den Fehler gut zu machen suchte, peinliches Aufsehen erregt. Bezeichnend ist, daß in dem vom Rathause ausgegebenen offiziellen Berichte einige besonders taktlose Stellen der Rede Bailleus ausgelassen wurden. — In Prag ist einer der Führer der frühern alt-tschechischen Partei, zugleich einer der hervorragendsten Rechtslehrer, Hofrat Prof. Dr. Alois Zucker, im Alter von 64 Jahren plötzlich am Schlagfluß gestorben. Sein Sondergebiet, auf dem er als Autorität galt, waren Strafrecht und Strafprozeß. — Eine Meldung aus Stanisl au schildert die galizische Wirtschaft des Polenklubs in anschaulicher Weise. Der Zionist Rabbiner Dr. B r a u d e. der dort das Amt eines jüdischen Matrikelführers und Predigers versieht, wurde durch die Bezirkshauptmannschaft ans ausdrücklichen Auftrag der Statthatterei von seinem Amte suspendiert. Der Grund war angeblich folgender: Dr. Brande verließ am 14 d. M. Stanislau ohne Urlaub und begab sich nach Brody, um dort bei der Reichsratswahl für den zionistischen Kandidaten Stand zu agitieren. Während seiner Abwesenheit erschien im jüdischen Matrikelamte der Bezirkskommissär, durchsuchte alle Schränke und Tische und nahm die Bücher und sonstigen Akten mit sich in die Bezirkshanptmannschaft. Abends bei seiner Rückkehr erfuhr Brande auf den: Bahnhofe, daß er suspendiert sei. — Der Witwe Frau Sigmund Gomperz in Budapest wurde in Anerkennung ihrer auf dem Gebiete der Kultur und der öffentlichen Wohltätigkeit bekundeten Opferwilligkeit das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Frau Rosa Gomperz hat vor kurzem die wertvolle Bibliothek des unvergeßlichen Prof. David Kaufmann, um welche sich zahlreiche ausländische Bibliotheken bewarben, der ungarischen Akademie der Wissenschaften geschenkt. Die Bibliothek ist bereits ausgestellt, geordnet und katalogisiert. Daß diese Bibliothek nicht der dortigen Nabbinerschule zugewendet wurde, ist sehr beklagenswert. Freilich, diese hat feine Orden zu verleihen. — Der Wunderrabbi von Sadagora, Israel Friedmann, ist am 1. d. M. gestorben. Während seiner letzten Lebensstunden liefen über 6000 Telegramme aus allen Teilen der Welt in dem kleinen polnischen Orte Sadagora, der „Residenz" des Rabbi, ein. Ebenso zahlreich war der Zuzug der Fremden aus Rußland, Rumänien und Galizien. Viele Tausende umstanden wehklagend das Schloß. Mindestens 10 000 Personen folgten um 3 Uhr morgens dem Sarge 'zur Beisetzung. Der Wunderrabbi hinterläßt sechs Söhne und drei Töchter, von denen die jüngste acht Jahre alt, aber bereits verlobt ist. — Ein Budapester Blatt meldet aus Magyar-Kanizsa: Vor ungefähr fünf Wochen verschwand Plötzlich das 17 jährige Dienstmädchen Marie Juhasz, das bei dem Kantor Aron Weiß sich in Stellung