Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 dortigen Vorschußvereins wiedergewählt worden. — Geheimer Sanitütsrat Dr. Sachs in Schönlanke begeht demnächst seinen 70. Geburtstag. Herr Dr. Sachs ist eine lange Reihe von Jahren daselbst städtischer Beigeordneter. — In Pu de Witz ist Kaufmann Aron Wreschinskr, langjähriger Vertreter der Shnagogengemeinde daselbst, im Repräsentanten-- und Vorstandskollegium, gestorben. — Dem langjährigen Magistratsmitgliede in Samter, Herrn Bergas, sind anläßlich seiner Uebersiedelung nach Berlin städtischerseits Ehrungen zuteil geworden. — Ein Kaufmann aus Pleschen wurde in Kalisch durch einen russischen Gendarmen mit den Werten angehalten: „Ich verhafte Dich, denn Du wirst Dich erinnern, daß Du vor zirka einem Jahre in einem Eisenbahnzug auf der Strecke Jarotschin—Posen abfällige und stark beleidigende Aeußerungen über den russischen Zaren getan hast. Ich saß damals in Zivil in demselben Wagen und erkenne Dich genau wieder." Ter Kaufmann beteuerte seine Unschuld, wurde aber trotzdem zur Wache gebracht und darauf unter scharfer Bewachung zum Gendarmerieobersten Kettow transportiert. Dieser nahm ein eingehendes Verhör mit ihm vor, entließ aber den Deutschen, da die angebliche Beleidigung auf deutschem Boden getan war. Er gab jedoch den ausdrücklichen Befehl, daß der Kaufmann russischen Boden nicht mehr betreten dürfe. Hiergegen hat der Kaufmann Schritte bei der deutschen Behörde getan. n. Breslau, 27. September. Die Ereignisse der Kaisertage bilden hier noch immer das Stadtgespräch. Ein Vorgang dürfte Ihre Leser besonders interessieren, da er authentisch. Zn einem hiesigen jüdischen Konsul kamen die Quartiermacher des Hofstaates, um seine Gastfreundschaft zu erbitten. Selbstverständlich stellte er sein Haus zur Verfügung. Infolgedessen wurde auch er zur Galatafel in den Zwinger geladen, er aber lehnte bestimmt und höflich ab. Die Begründung war: der Zwinger ist eine absolut christliche Gesellschaft, in die sonst Juden keinen Zutritt haben, er würde es als Zudringlichkeit und Selbsterniedrigung betrachten, sich dort bei dieser Gelegenheit gewissermaßen einzuschmuggeln. Wer die Zwinger-Ressource kennt und den Geist, der dort herrscht (Oberbürgermeister Bender sott die Ehrenmitgliedschaft abgetehnt haben, weil eine große,, einflußreiche Gemeinschaft ausgeschlossen ist) wird wissen, daß dies eine Ehrenrettung des jüdischen Charakters war. G. Glogau, 9. Oktober. Am heutigen Tage hat der seit 2l/4 Jahren hier amtierende Kantor Hei mann unsere Gemeinde verlassen, um die Stelle eines ersten Kantors und Neligionslehrers in Bromberg zu übernehmen. Mit Bedauern sieht die ganze Ge-- meinde den stimmbegabten, musikalisch gebildeten jungen Mann von hier scheiden. Die Gemeinde Bromberg kann sich freuen, für ihren Kultus eine so tüchtige Kraft gewonnen zu haben. — Ein hiesiger Kaufmann, der ebensowenig wie seine Frau auch nur einmal im Jahre die Synagoge besucht, hatte an seinem vor zirka zwei Monaten geborenen Sohn die Cirkumcision nicht vornehmen lassen. Vor acht Tagen mußte aber die Operation aus Gesundheitsrücksichten vorgenonunen werden und zwar geschah dies durch einen getauften Arzt! Dessau, 8. Oktober. In der letzten Sitzung der Repräsentanten der israelitischen Kultusgemeinde wurden Hofbankier Maerker zum Mitglieds des Gemeiudevorstandes und Rechtsanwalt Dr. Cohn zum Vorsitzenden der Repräsentantenversammluug gewählt, während Rechtsanwalt Dr. Ascher als Kurator und Kaufmann Friedlünder als Kommissionsmitglied in die Verwaltung der israelitischen Baronin ' twn Cohn-Oppenheim-Stiftung entsandt wurden. Als Kuratoren dieser Stiftung fungieren jetzt die Herren Geh. Kommerzienrat Sonnenthal, Kommerzienrat Tuchmann, Hofbankier Maerker, Rechtsanwalt Dr. Cohn und Rechtsanwalt Dr. Ascher. Die Wahl des Herrn Dr. Ascher unterliegt noch satzungsmäßig der Bestätigung des Herzvglichen^Staatsministeriums. 0. Hannover, 14. Oktober. In unserer Gemeinde scheint nunmehr Ruhe und^ Frieden wieder eillgekehrl zu sein. Nachdem, wie verlautet, die Königliche Regierung den mit etwa dreiviertel Majorität gefaßten Beschluß der Gemeindeversammlung ans Anstellung des Ortsrabbiners bestätigt hat und seitens der Gemeindeverwaltung die Stelle ausgeschrieben worden ist, hat sich nun auch die kleine Minorität derjenigen Gemeindemitglieder, welche eigentlich nur durch Erregung der Gemüter teils aus persönlichen, teils aus formellen oder finanziellen Gründen gegen den Beschluß stimmten, sich ganz zufrieden gegeben und mit der Tatsache sich vollkommen und auch ganz gern abgefunden, so daß. wie man hört, voraussichtlich schon im nächsten Monate die Probepredigten der Kandidaten beginnen werden. Selbst einige wenige Mitglieder, die in der ersten Erregung auf formellen Gründen gegen den Beschluß einen übrigens von der Aufsichtsbehörde inzwischen zurückgewiesenen Protest erhoben hatten, haben mittlerweile die Zweckmäßigkeit der Anstellung eines Ortsrabbiners anerkannt. Es ist begreiflich, daß die ausgeschriebene Stelle stark umworben wird, zumal das Anfangsgehalt 6000 Mark beträgt — und zwar exkl. Sporteln, die bei einer Gemeinde, deren Mitgliederzahl bald 1000 beträgt, deren Seelenzahl an 5500 heranreicht, nicht zu unterschützen sind und zumal das Arbeitsfeld hier ein sehr anregendes, erfolgreiches zu werden verspricht. Die Synagogengemeinde Hannover ist fast die einzige Grobgemeinde Deutschlands, die nur eine einzige Synagoge besitzt und die es verstanden hat, liberale und konservative Elemente zusammenzuhalten; eben deshalb wird auf eine rednerische Kraft ersten Ranges reflektiert, zumal man bestrebt ist, im Gottesdienst den bisherigen Ritus beizubehalten, weshalb im Lause der Jahre denn auch nur wenige Reformen eingesührt sind. Gerade durch eine hier durchgeführte äußerlich moderne Form des Gottesdienstes will man auch ferner unter Ausschließung der Orgel, die nur zufolge eines hier geradezu hervorragend wirkenden vielstimmigen Männer- und Knabenchores (für den man eine enorme Summe aufwendet) und durch einen vortrefflichen Oberkantor und hervorragenden Kanzelredner hier zu ermöglichen ist bezw. ermöglicht wird, die Gemeinde Zusammenhalten, was auch nach wie vor gelingen dürfte. o. Frankfurt a. M., 2. Oktober. Am 23. v. M. fand hier eine Versammlung der israelitischen Religionsgemeinden Hessens auf Einladung des Darmstädter Vorstandes zum Zwecke der Beratung des Gesetzentwurfes „die Verfassung und Verwaltung der israelitischen Religionsgemeinden betreffend", statt. Anwesend waren Vertreter sämtlicher Gemeinden der Städte und vieler Landgemeinden. Ferner die Herren Justizrat Oppenheim-Mainz, Kommerzienrat Heichelheim- Gießen, Professor Landsberg und Ludwig Trier-Tarmstadt. Otto Wolff-Darmstadt eröffnete die Versammlung, begrüßte die Erschienenen herzlich, warf einen kurzen Rückblick auf die zur Beratung stehende Angelegenheit und schloß mit dem Wunsch, daß dieselbe einen gedeihlichen Erfolg haben möge. Erschlug Bnreauwahl vor. Zur Geschäftsordnung fragte Kommerzienrat Baruch-Worms,weshalb die orthodoxen Religionsgesellschaften nicht eingeladen seien, da kein Grund vorliege, diese von der Beratung auszuschließen. Justizrat Oppenheim erwiderte, daß man bei der grundsätzlich oppositionellen Stellung der Orthodoxen gegen das Gesetz von deren Einladung abgesehen hätte. Dieser Standpunkt wurde von Dr. Goldschmidt-Offenbach und Levy-Worms bekämpft. Trier-Darmstadt erklärte, daß nur die Gemeinden eingeladen wurden, nicht aber die Religionsgesellschaften, welche nur Privatvereine seien. Justizrat Oppenheim-Mainz wurde zum Vorsitzenden gewählt. Er sprach sich einleitend über die Bedeutung und Tragweite des Gesetzes aus und erteilte das Wort Kommerzienrat Baruch-Worms. Dieser lehnte das Gesetz in der vorliegenden Form ab, da dasselbe den Gemeinden sehr große finanzielle Opfer anflege, die sie nicht tragen könnten. Der Staat habe für die jüdischen Gemeinden nichts übrig, während sowohl für die evangelische als auch katholische Kirche alljährlich große Summen aufgewendet würden, sogar der kleinen alikatholischen Gemeinde in Offenbach werden aus Staatsmitteln ca. 2500 Mark bezahlt, zu welchen Geldern auch die Juden beitragen müßten; deshalb müsse verlangt werden, daß der Staat auch uns ähnliche Zuschüsse bewillige. Außerdem aber vermisse er einen genügenden Schutz der Orthodoxie gegen Uebergriffe seitens des Oberrates. Aehnlich sprach sich Dr. Goldschmidt-Offenbach aus, welcher besonders auf Art. 105 Ziffer 7 hinwies, auf Grund dessen der Oberrat die Lehrbücher für den Religionsunterricht bestimme, wodurch die orthodoxen Schulen dem Einflüsse eines freisinnigen Oberrats vollkommen preisgegeben werden. Auch Levy- Worms wies auf diesen Umstand hin, indem er erklärte, daß er niemals einem Gesetze zustimmen würde, durch das Andersdenkende verletzt werden könnten. Geheimrat Landsberg und O. Wolff-Darmstadt er«