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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-12 · Heft 41 (12.10.1906) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
Seite 492 (sequence 12)
Language
German
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492 Die beiden Männer, welche diesen Platz zu ihrer Zusammenkunft gewählt hatten, waren Mateo, der Provinzialhauptmann in der Gardunja, und Alonzo, der Sohn des Grafen von Ramira. Was sie sich zu sagen hatten, mußte geheim bleiben, und gerade dort hatten sie, vollends bei Nacht, am wenigsten unberufene Zeugen zu befürchten.. „Was wollt Ihr von mir?" fragte der Capatoz, nachdem er sich die Ueberzeugung verschafft hatte, daß er wirklich den jungen Mann vor sich habe, der ihn hierher bestellt hatte. „In Saragossa lebt ein Mann, der mir im höchsten Grade unangenehm ist . . „Nun also?" „Und dessen Tod für meine Pläne notwendig ist." „Eine Verdunkelung", murmelte der Capatoz in der Gaunersprache der Gardunja, in welcher man hierunter den Meuchelmord verstand, „das ist teuer!" Der junge Graf glaubte in diesen Worten eine Anspielung auf die zerrütteten Vermögensverhältnisse seines Vaters zu erblicken. „Ich bezahle bar," antwortete er. „Wie viel?" Der Capatoz flüsterte dem jungen Manne die Summe, die er forderte, leise ins Ohr, als ob dadurch die Höhe der Ziffer gemildert würde. „Gut," antwortete der junge Mann, „ich habe noch mehr bei mir. Nehmt, Ihr könnt morgen nachzählen, es fehlt kein Deut." „Wir werden sehen," antwortete der Capatoz, indem er das Geld in Empfang nahm. „Um wen handelt es sich?" „Um Diego d'Almora." „Um Diego?" rief der Capatoz, „niemals! Nehmt Euer Geld zurück." „Ihr wollt nicht?" „Nein." „Warum?" „Während ich nicht zu Hause war, haben meine Frau und mein kleiner Estedan Schutz und Hilfe im Hause Diegos gefunden. Niemals!" Wenn der Capatoz die reine Wahrheit hätte erzählen wollen, hätte er sagen müssen: als ich zehn Jahre auf den Galeeren war. Dort hatte er nämlich erst den Rang eines Räuberhauptmannes empfangen; aber der gute Mann wollte ja dem jungen Grasen hier nicht seine Lebensgeschichte zum Besten geben. „Ueberlegt es Euch noch einmal, ehe Ihr das letzte Wort sprecht," entgegnete der junge Graf, „Ihr schlagt ein hübsches Sümmchen aus." „Ihr könnt Euch alle Mühe sparen, ich will nicht." „Ich werde andere Leute finden, die mit dem Gelde gern zufrieden sein werden." „Keiner rührt die Hand ohne meinen Befehl," sagte der Capatoz, in seiner Würde als Hauptmann einigermaßen verletzt. „Ich bin der alleinige Gebieter." „Mein Vater hat gleich gesagt, daß wir auf diesen Widerstand stoßen würden, aber wir werden ihn schon zu besiegen wissen." „Was heißt das? Ich habe zu befehlen." „Ja; aber Ihr müßt auch noch einem andern gehorchen, dem Hermana mayor, dem obersten Vorsteher der Gardunja." Mateo antwortete nicht, die Worte des jungen Alonzo mußten ihn überraschen; er schien zu überlegen. „Nun," nahm der junge Mann wieder das Wort, „nehmt Ihr mein Geld an?" „Ihr kennt also den Hermana mayor?" sagte der Capatoz, ohne auf die letzte Frage einzugehen. „Soll ich Euch seinen Namen sagen?" erwiderte Alonzo. „Das ist nicht nötig; von dem Augenblicke an, von dem Ihr ihn kennt, wißt Ihr auch, daß man seinen Namen nicht ausspricht. — So sei es denn, ich schlage ein." „Ihr wollt Diego ermorden?" „Wann muß er weg sein?" „Das wird Euch mitgeteilt werden." „Wann?" „Bald." „Wo?" „In der „roten Herberge". In der Dunkelstunde wird ein Mann zu Euch sagen: Nun ist es Zeit! Das bedeutet dann den Tag später." „Es ist gut." „Jch zähle auf Euch." „Habt keine Angst; die Gardunja hält immer Wort!" Mit diesen ziemlich laut gesprochenen Worten entfernte sich Mateo. Alonzo, der mit dem Capatoz nicht zusammen gehen mochte, verfolgte ihn mit den Blicken, so weit es die Dunkelheit der Nacht verstattete, und trat dann ebenfalls den Heimweg an. In diesem Augenblick wollte Fernando aus dem dichten Gebüsch, das die Ruinen umgab, hervortreten. Die Marannen, die sich hier versammelt hatten, entfernten sich nach verschiedenen Richtungen; der Mönch kehrte entweder in sein Kloster oder in den Jnquisitionspalast — beide Gebäude lagen außerhalb der Stadt — zurück; Fernando allein mußte den Weg nach Saragossa einschlagen. Er ging mit der den Marannen eigenen Vorsicht vorwärts, zerteilte so geräuschlos wie möglich das dichte Gezweig und blieb bei jedem Schritt, aufmerksam auf das geringste Geräusch lauschend, stehen. Plötzlich, als er gerade ins Freie heraustreten wollte, sah er eine Gestalt unbeweglich vor sich stehen. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber in den Nächten des Südens, und namentlich Spaniens, eigentümlichem Halbdunkel konnte man mit ziemlicher Genauigkeit alle Gegenstände ringsumher erkennen. Fernando blieb überrascht und besorgt stehen. Wer war dieser Mann? Was wollte er hier zu so später Stunde? Im ersten Augenblicke glaubte er, es sei ein Maranne, der sich verirrt habe; aber als er die vor ihm stehende Gestalt genauer prüfte, unterschied er bald die wohlbekannten Züge. Es war Graf Alonzo von Ramira. Diese Entdeckung verdoppelte Fernandos Schrecken. Was konnte den jungen Edelmann um Mitternacht an diesen verrufenen Ort führen? Plötzlich machte jener eine wilde Bewegung: „Jetzt," sprach er laut zu sich selbst, „werden sie mir nicht inehr entschlüpfen!" Und er entfernte sich, indem er die Richtung nach der Stadt zu einschlug. Eine unsägliche Angst bemächtigte sich Fernandos, als er diese Worte vernahm. Offenbar hatte Ramiro ihn und seine Glaubensgenossen in den Ruinen belauscht und wollte sie jetzt alle der Inquisition überliefern. Was hätte er anderes an diesem Orte zu tun gehabt, und welchen andern Sinn konnten seine letzten Worte haben? (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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