Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-12 · Heft 41 (12.10.1906) · p. Seite 491

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228732--62981-3290176
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

491 mit der Menge, ja betet nicht einmal mit ihr. In dem zierlichen Synagogenrohbau, den er neben seinem herrschaftlichen Wohnhause aufgerichtet, ist abseits, durch eine Tür getrennt, ein stilles Gemach. Ueber Parkett gleitet der Fuß. Mahagoni, Gold und Edelgesteine sind mit schreiender Prunksucht verschwendet. Ein silberner Tisch, eine Thoradecke voll köstlicher Perlen, werden als besondere Merkwürdigkeiten unter allerhand frommen Lügen und Aufschneidereien dem Fremden präsentiert. Auch baden darf der Rabbi nur allein, ja nicht einmal seine Spaziergänge soll er in Gesellschaft eines gewöhnlichen „Chassid" machen. Zu diesem Zweck ergeht er sich bisweilen in einem Garten, der zwar ein abschreckendes Beispiel hortikoler Verwilderung ist, aber dennoch zwischen dem mannshohen Unkraut eiserne Sessel modernster Konstruktion und farbige Glaskugeln enthält, welche, wenn man sie putzte, gewiß den Sonnenstrahl blitzend reflektieren würden. Aber was soll der Sonnenstrahl in dieser Finsternis? Nach mehrstündigem Aufenthalte verließ ich die Residenz des Rabbi. Gelbes Laubwerk raschelte unter den Rädern meines schmalen Gefährtes und geheimnisvolle Melancholie wob, der Jahreszeit entsprechend, über der Landschaft. Vornher funkelten vom Hügel wie leuchtende Feuerkörper die vergoldeten Kuppeln des Czernowitzer Bischofspalastes, rückwärts lagerte dunstgrauer Nebel über den sanften Berglehnen, an welche links die Podolische Steppe und rechts das Wellenland der Moldau sich anschmiegt. Abseits glitt verdrosien der Pruth zwischen waldigem Ufersumpf gen Süd, dem Pontus die schwermütigen Grüße der Karpathenriesen zu entbieten. Der Kontrast war seltsam. Auf dem schönen Landschaftsbilde lag die von Moder und Unflath starrende Nesthöhle des religiösen Schwindels wie ein dicker garstiger Klecks, doppelt widerwärtg zu schauen, da gerade die Mittagssonne unbarmherzig auf ihn herniederstrahlte. Aus trüber Leit. Eine historische Erzählung. VH. un gut." nahm Francesco d'Ariza wieder das Wort, „es ist Perez gelungen, aus seinem Gefängnis in Madrid zu entkommen, und er hat sich nach Saragossa geflüchtet. Dort befindet sich der Gefangene unter dem Schutze der Justicia mayor, des obersten Gerichtshofes von Arragonien, gegen welchen sogar der König selber ohnmächtig ist. Da es an überführenden Beweisen gegen Perez fehlt, wird er entlassen werden. Philipp weiß das wohl; er hat auch Befehl gegeben, Perez der Inquisition zu überliefern, die ihn der Ketzerei anklagt und täglich ein Mittel findet, die Leute zu verurteilen. Man sagt, daß das Auslieferungsdekret, kraft dessen Perez aus dem weltlichen Gefängnis in das des heiligen Offieiums übergehen soll, bereits unterzeichnet ist; das wird aber eine offenbare Verletzung der Verfassung sein, und der größte Teil des Adels und der Bürgerschaft ist fest entschlossen, sich der Ausführung, sogar mit den Waffen in der Hand zu widersetzen. Alle Leidenschaften sind rege und es bedarf nur eines Funkens, damit der Brand zum Ausbruch kommt." „Es genügt auch," antwortete der Mönch, „daß ein Neuchrist diesen Funken hineinwerfe, um die ganze Sachlage 31t ändern. Habt Ihr schon die Geschichte von Peter von Arbues vergessen, und wißt Ihr nicht mehr, wie dieser grausame, verhaßte und vom Volke verwünschte Priester fast sein Abgott wurde, weil ihn die Neuchristen niedergestochen hatten? Aber, nein, glaubt mir! Ich habe diese Frage sorgfältig überlegt; bleiben wir dem Streite, der vorbereitet wird, gänzlich fern. Mir ist das Resultat nicht im mindesten zweifelhaft, der. Sieg wird dem König und der Inquisition verbleiben; wir können höchstens darauf rechnen, daß man uns in der Aufregung vergessen wird und daß es leichter sein wird, unbemerkt zu entkommen. Das ist meine Ansicht, ist es nicht auch die Eure?" Alle Marannen nickten als Zeichen der Zustimmung leicht mit dem Kopfe. Francesco d'Ariza selber sah ein, daß das Urteil des Mönches richtig sei und aus tiefer Sachkenntnis beruhe. „Ihr habt Recht," sagte er, „Enriquez, man muß fliehen oder heucheln." „Das bleibt uns allein übrig. Wir können uns hier nicht mehr zum Gebete versammeln, Brüder!" Des Mönches Stimme zitterte und seine Erregung hatte alle Herzen ergriffen. Ein Augenblick feierlichen Schweigens trat ein, in welchem sich alle Männer schweigend die Hände drückten, denn man mußte sich trennen . . . „Und nun," begann der Mönch wieder, haben wir noch eine letzte traurige Pflicht zu erfüllen. Diese Gebetbücher, die heilige Rolle, die das Wort Gottes enthält, welches wir von heute ab nicht mehr cm dieser Stelle verlesen werden, dürfen hier nicht so bleiben, da wir nie mehr hierher zurückkehren. Uebrigens kann sie der Zufall täglich entdecken und jeder möglichen Entweihung anssetzeu lassen. Machen wir es, wie unsere frommen Brüder in Palästina: Wem: sie ihre Bücher und heiligen Gesetzrollen nicht mehr gebrauchen können, vertrauen sie sie der Erde an, wie man ihr den Ueberrest derer anveriraut, die uns teuer sind und die wir nie mehr Wiedersehen sollen." Nach diesen Worten zog der Mönch ein Grabscheit unter seinen Kleidern! hervor und benutzte das Werkzeug dazu, den Boden auszutiefen. Einige Marannen taten ein Gleiches und bedienten sich dabei der Hände oder der Schwerter, die sie als Edelleute stets bei sich trugen; die anderen hatten sich um sie gruppiert und blieben stumme Zuschauer der eigentümlicher: Szene. In kurzer Zeit hatte man eine ziemlich tiefe Grube hergestellt, der Mönch legte die Gebetbücher auf die Erde und auf sie die fünf Bücher Mosis, über alles breitete er sodann das weißwollene Tuch ans, und bald war alles wieder mit Erde bedeckt, die mau vollkommen ebnete, um auch nicht durch die geringste Spur die Handlung, die nran eben vorgenonrmen hatte, zrr verraten. Für die Marannen, die schon so lange im Kampfe ihren Glauben gegen die Allrnacht der Inquisition verteidigten, bedeutete die erhabene Handlung, die sie soeben vollführt halten, das Verschwinden jeglicher Hoffnung und die sichere Aussicht auf einen gewaltsamen Untergang innerhalb der Grenzen des fpanischen Vaterlandes. Sie entsagten nicht ihrem Glauben, wohl aber diesem schönen Lande, an das sie durch so viele Bande der Liebe gefesselt waren. Alle Anwesenden waren tief gerührt, die meisten vergossen bittere Tränen, und selbst Enriquez, der Mann des eisernen Willens, konnte kein Wort zu ihrem Tröste finden. Er begnügte sich damit, ihnen die Hand zu drücken und ihnen noch einmal durch ein Zeichen Vorsicht und Verschlossenheit anzuempfehlen. Während diese Ereignisse fernab von jedem entheiligenden Blick in die Tiefe der „Ruinen" vor sich gingen, fand ganz in der Nähe eine andere nächtliche Unterredung statt, im Schutze der dichten Gebüsche, welche den Zugang zu diesem vom Volksaberglauben allgemein gefürchteten Orte abschnitten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.