Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228732--62980-3290175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
490 Und zu ihrer Seite lehnen Töchter und Schwiegertöchter, mit zierlicher Hand Zigaretten drehend und nach neuestem Pariser Schnitt adjustiert, wie nur irgendein Dämchen aus dem autochthonen Adel des Landes. „Der Segen Gottes ruht auf dem Hause Davids," murmelt andächtig der „Chassid", wenn er an diesem Anblick sich erlabt. Derweil befriedigt der Rabbi daheim die Kundschaft. Ein ganzes Bataillon von Kammerherrn, von wohlgestalteten für die kousultierendeu Frauen, von minder gefälligen für andere Bedürftige, versieht die Honneurs. Karg und dunkel sind die Ratschläge des Wundermanues. „Wenn du über den Halhs gehst, wirst du ein Reich zerstören." In Dodona und Delphi kam sie auf, diese famose Unzweideutigkeit der Rede, und zu Sadagora hat sie sich erhalten. Da kommt ein verzweifelnder Gatte, reich beladen mit Pretiosen oder Goldfüchsen und fragt: „Die Aerzte wünschen daß mein Weib sich in Wien einer Operation unterziehe; soll ich den Rat befolgen, Rabbi?" — „Wenn die Doktoren in Wien," so lautet der Bescheid, „die Operation vornehmen wollen, so ist es gut, wenn nicht, nicht." Oder es schleicht tief betrübt der Vater eines kranken Kindes herbei. „Rabbis betet für mein armes Kind!" — „Ich werde beten, Gott wird helfen." Des öfteren hilft Gott nicht — was tut's? So war die Hilfe der Tod und der Rabbi sah ihn voraus. Nicht wahr, die Arznei ist einfach, welche der Rabbi zur Anwendung bringt? So einfach, daß er für sich und seine eigene Familie eine kompliziertere vorzieht. Und zwar diejenige eines rite promovierten Czernowitzer Arztes. Vielleicht findet sich auch im Sohar, dem Geheimbuche der „guten Jüden", der Grundsaß: iVIeäieus meäieum non 83nat? Im Talmud steht ganz sicher das Prinzip, daß niemand sich selber ein guter Arzt sei; aber was versteht der Rabbi vom Talmud? Also einfach bis zum Einfältigen ist die Weisheit des Hexenmeisters, und nichtsdestoweniger hat sie ihn zum reichsten Manne des Buchenlandes gemacht. Aber nicht bloß zum reichsten, sondern auch zum mächtigsten. Wenn er im Stillen die Parole austeilt: „Der Mann da ist mein Feind; sein Kukuruh bringt Unglück, sein Korn und Schnaps nicht minder," so hat er um ein Menschenkind wie um einen Pestkranken eine Quarantäne gezogen, denn welche unter seinen Kreaturen würde sich unterfangen, seinen Wink zu mißachten? Er flucht nicht und schleudert keinen Bannblitz, um mit dem Gesetze des Staates nicht in unsanfte Berührung zu kommen. Wozu auch, wenn ein väterlicher Rat die nämliche Wirkung tut? Und er tut sie ganz gewiß. Der Grundherr von Sadagora, ein stattlicher rumänischer Kavalier, weiß davon eine erbauliche Geschichte zu erzählen. Vor geraumer Weite beschloß derselbe, auf einem Platze unweit des israelitischen Friedhofes auf eigene Kosten eine Kirche aufzurichten. Plan und Zeichnung wurden vollendet, und insbesondere das Kreuzlein'auf dem Kirchturme versprach einen trefflichen Anblick darzubieten. Da kommt plötzlich vom Rabbi ein Bote: „Ihr dürft nicht bauen, Herr, der Rabbi Wehres Euch. Der Schatten Eures Kreuzes soll nicht fallen auf das Grab seines Vaters." Im ersten Augenblick springt der Kavalier vor Zorn in die Höhe; dau, nachdem die Erregung ein wenig gewichen, bemüht er sich selbst zu dem frommen Nachbar, um ihm seinen Einspruch gütlich auszureden; schließlich verzichtet er auf das liebgewordene Projekt. Er muß wohl, denn er hat Kukurutz und Vieh und eine Propination, und der Jude ist sein bester, sein einziger Kunde. Solches vermag in dem schönen Buchenlande der „gute Jüd" von Sadagora. Der Dummheit kann man nicht zürnen, weil man sie bemitleiden muß. Das ist ihr Glück. Deswegen wird sie bestehen bis an der Welt Ende, wachsend und zunehmend, anstatt sich zu mindern, denn die Kultur ist duldsam auch gegen sie. Seitdem ich dem Unfug von Sadagora an Ort und Stelle zugeschaut, ist mir das Lächeln näher als der Groll. Ein geistig beschränkter Mensch beherrscht die Menge; er lehrt nicht, Predigt nicht und kasteit sich nicht. Und dennoch pilgern Hunderte ekelhaft vernachlässigter Gesellen und nicht minder unvernünftige Frauen oft über enorme Entfernungen und zu Fuße in seine Nähe, um mit ihm die nämliche Luft einzuatmen. Sie lagern sich, wenn ihrer zu viele sind, auf offener Gasse, schlafen hinter Dachluken, an Gartenzäunen und in Schweinskobern, geben den letzten Kreuzer hin, den ihre Tasche birgt, bloß um den Enkel des Königs David zu sehen, sein Wort zu vernehmen oder seinen Schicksatsspruch zu erfragen. Und man zeigt ihnen nicht einmal, oder doch nur selten, den Wunsch ihres Herzens, denn „das Geheimnis ist die Bürgschaft des Erfolgs". Um die Person des Rabbi soll die Legende ihre Schleier weben, damit sie nicht alltäglich werde. Es könnte ja ein schlauer „Chassid" auf die Idee kommen, daß er nicht weniger als diese Jammergestalt von Sadagora zum „guten Jüd" qualifiziert sei. Mit Ahnen ist man bald versehen; alle Messias-Schwindler von ehedem bewiesen ihre direkte Abstammung von Jsai, dem Vater Davids. Und ist erst der Stammbaum vorhanden, so versteht sich die Wundertätigkeit von selbst. Denn diese ist nur ein Ausfluß, nicht eine individuelle Fähigkeit, und sie erbt vom Vater auf den Sohn, gleichviel, ob die übrige Beschaffenheit des Inhabers einem „guten Jüd" zur Zierde oder Unzierde gereicht. Ja, so mächtig ist dieses Fluidum, daß es trotz des Subjekts, in welchem es strömt, den gewöhnlichen Vorgängen in der Natur Einhalt zu tun vermag. Der hohe Rabbi Löb von Prag bildete von Lehm eine Meuschenfigur und hauchte ihr Atem ein; da rumorte sie, als er sie eines Tages aus den Augen ließ, so lange und verheerend in den Gassen der Moldaustadt, bis ihr Meister sie gewaltsam zertrümmern mußte. Ein anderer „guter Jüd" gab einem Patienten ein Mittel wider den „bösen Geist", der in jenen gefahren war; unglücklicherweise geriet das Mittel an einen andern und zwar gesunden Menschen, ttnb der gute reagierte nun gegen den bösen Geist so heftig, daß der ärmste elendiglich starb. Irrig ist ein Ausspruch, welchen der Rabbi tut, niemals; wohl aber bisweilen die Deutung, welche demselben zuteil wird. In Sadagora brach vor nicht langer Zeit ein Feuer aus, und der Rabbi bannte es, indem er sagte: „Das Feuer wird nicht weiter brennen." Nun sprang aber die Flamme, anstatt sich in der ursprünglichen Richtung sortzupflanzen, infolge des wechselnden Windes um; sie raffte zwar noch ein halbes Dutzend von Häusern fort, das Zauberwort war jedoch gleichwohl wahr geworden, wie die Bekenner des Rabbi behaupteten, denn „weiter" hatte das Element in der Tat nicht gegriffen. Es ist nicht leicht, den Doppelsinn der Rede so gleichsam „auf der Schneide des Schermessers" dialektisch zu führen. Wahrsagen und prophezeien darf der „gute Jüd" nicht, denn diese Gaben fielen nach dem Hingange des Propheten wieder zurück all ihre ursprüngliche Quelle. Aber seine Fürsprache wird erhört, denn Davids Geschlecht hat einen besollderen Sachwalter an dem Throne Gottes. Hier, wie überall, zeigt der Pöbel das nänlliche Gesicht; seine Dummheit macht ihn zum Sklaven des Vorurteils, des historischen wie des religiösen. Es auszunützen verstehen hinwiederum nur die Priester, der Adel hat es verlernt. Den Nimbus uralter Aristokratie wahrt sich der „gute Jüd" mit peinlicher Sorgfalt. Er verkehrt nicht