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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-12 · Heft 41 (12.10.1906) · p. Seite 489

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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m Zelotismus hat sich mehr als gut ist der Diener Gottes bemächtigt, und er hält sie umfangen im Judentum wie im Christentum. Auch einen jener vorzeitigen aszetischen Büßer träumte ich mir. nicht, deren frömmstem der Talmud nachrühmt, daß er durch vierzig Jahre tagtäglich nur eine einzige Feige als Nahrung zu sich genommenum ein Beispiel menschlicher Bedürfnislosigkeit zu geben. Aber auf einen geriebenen Schlaukopf war ich gefaßt, der die Leichtgläubigkeit der Menge ausnützte und seine angebliche Kenntnis kabbalistischer Mysterien iiu schwunghaften Großhandel verwertete. Anstatt dessen erhob sich aus einem tiefen Lehnsessel eine düttne, ausgetnergelte Gestalt, das fahle Gesicht von einem kargen weißlichen Barte umgrenzt, die farblosen Augen müde, sast tot, und die Oberlippe unschön emporgewulstet. Ein schwarzer Tuchrock schlotterte bis zu den Knöcheln, den Schädel bedeckte ein Käppchen von dunklem Samt, und in der rechten Hand baumelte ein mächtiger Pfeifenstock mit einem riesigen Mundstück von Bernstein. Einen Augenblick stand ich verdutzt. Was imponiert an dieser Figur den Hunderten, welche jahraus, jahrein tief aus dem Lande des Zars und weit von dem Strande des Pontus herbeipilgern, um draußen vor der Schwelle wie vor einem Königspfosten zu kauernd „Ihr seid ein weitberühmter Mann, Rabbi/' begann ich das Gespräch. Ein selbstgefälliges Grinsen war die Antwort. „Ihr könnt, sagt man. Kranke heilen und Unglückliche von ihrein Leid befreien." „Man sagt." „So seid Ihr Euch dessen nicht bewußt?" „Ich hab's von meinem Vater." „Und wem schuldet Euer Vater sein Wissen?" „Wir sind von königlichem Geschlecht." „Von David her, nicht wahr?" „Jti gerader Linie." „Doch sägt mir, Räbbi, wes Geschlechtes sind all' die anderen „guten Jüden", die wie Ihr der Wunder kundig sind?" „Geschwisterkinder, Herr. Als Titus, der Tyrann, mit Keller Und Schwert das heilige Zion zerstört hatte, da kam nur einer unseres Geschlechtes, Rabbi Jochanan, mit seinem Leben davon. Vier kräftige Männer stahlen ihn in einem Sarge durch die Reihen der Feinde. Und da er glücklich geborgen war, trat ein Engel zu ihm und lehrte ihn die Geheimnisse des Daseins. Er vererbte sie weiter durch zahlreiche Geschlechter und schließlich wählte die Gnade Gottes einen wohlgefälligen Lehrer, Rabbi Simon ben Jochai, auf daß er, was ihm aus der Quelle des Lebens zugeströmt war, nieder- schreibe in einem heiligen Buche, dem Sohar. Von ihm stanunen wir und sein Buch ist unser Erbe." „Aber der Sohar," sagt man, „sei erst um vieles später, wahrscheinlich in Spanien entstanden?" „Wer sagt? Die WsnaZäim (rabbinische Gegner), die sich ärgern, daß unser Buch älter und heiliger ist als das ihre, die uns hassen, weil die Kabbala ihnen unverständlich bleiben wird bis zur Ankunft des Messias." „Und ist es wahr, Rabbi, daß jeder Kabbalist weiß, wie groß Gott von Gestalt, wie lang sein Arm, wie schwer sein Gewicht ist?" „Ja. Als Moses ben Maimon, unser Elternvater, nach Afrika flüchten und in einer Höhle sich verbergen mußte, da rechnete er und rechnete, denn er hatte von einem Engel das Buch der Schöpfung und des Lebens. Und wie er sieben Jahre gerechnet hatte, da wußte er, wie groß Gott ist von Körper und wie schwer von Gewicht. Aber er wußte noch mehr. Er konnte einen Menschen bilden mit seiner Hand und ihm Atem einhauchett in seinen Körper. Die Bücher hat er verbrannt, in denen seine Weisheit sich barg. Aber ein Teil des Geheimnisses ist ihm im Gedächtnis verblieben und übergegangen auf seine Enkel." „Wer war der Nächste nach Moses ben Maimon, der in den Besitz der göttlichen Geheimnisse gelangte?" „Viele behaupteten es von sich, und jeder von ihnen bekam seinen Teil. Aber das Ganze, Herr, verpflanzte sich nur auf einen, auf meinen Urgroßvater Beer ans Meseriz, um den sich — es sind hundert Jahre — alle Kinder Israels sammelten, welche im Laude der Jewanim (Griechen) ihr Exil hatten." „Uttd seitdem?" „Seitdem pflanzt der Besitz sich fort in gerader Linie auf alle Enkel meines Urgroßvaters; ich bin der fünfte in der Reihe." Ich hatte just genug an Vieser Probe. Der Mann spricht und handelt nicht aus eigenem Antrieb so, dachte ich im Fortgehen, sondern ist bloß ein Werkzeug in anderer Hand. Doch wes ist diese Hand? Wer versteht so schlau eine Tradition, die Gott weiß woher ihren Ursprung nahm, aufrecht zu er- - halten und auszubeuten? Ich sann und saNN und kam nicht auf die Fährte. Da rief mir lächelnd ein Freund, der den Inhalt meines Sinnes ahnte, die Lösung zu: „Suche die Frau!" Und als ich Umsrage hielt, bald hier bald da, so blieb die Auskunft gar nicht spröde. Eine robuste Frau, diese „gute Jüdin" von Sadagora! Dick von Figur wie alle Jndenfrauen im Osten, doch von entschlossener Physiognomie, wie wenige ihresgleichen. Sie führt die weltlichen Geschäfte ihres Heiligen, wie weiland Pythia jene des delphischen Apoll. Denn der Rabbi selbst ist zag und scheu, seitdem ein häßlicher Verdacht ihn seinen Gläubigen entzog und zu ungestörtem Nachdenken über die Allmacht der weltlichen Gesetze verdammte. Dreizehn Monde währte diese Episode. Und kein Rabbi Jochanan, noch Moses ben Maimon, kein Sohar, noch ein Buch der Schöpfung vermochten sie abzukürzen. Das war die eine Schmach in diesem Zweige des Hauses David. Aber es kam noch eine zweite, unseligere. Des Rabbi Bruder, gleich wie er ein „guter Jüd", entbrannte von Liebe zu einem Christenweibe, ja aß am Passahfeste gesäuertes Brot und noch sonst streng verbotene Speisen, Milch und Fleisch durcheinander, und Fleisch, das nicht einem Wiederkäuer angehört hatte. Unter den „Chasstdim" von Stanislau bis Kiew und von Jsmael bis Dubno war Jammer und kein Ende. Denn alles, was geboten war vom Berge Sinai, verhöhnte ein davidischer Enkel; die Gefahr schien groß für die Tradition des Hauses von Sadagora. Da nahm das Weib des Rabbi die Zügel in die Hand. Sie internierte den Abtrünnigen hart unter ihren Augen lind bewachte ihn, eine andere „eiserne Maske", bis zu seinein Tode; sie lispelte dem Gatten die Orakelsprüche, um welche die Menge bettelte, ins Ohr; sie hielt die Handfläche hin, daß jegliches Geschenk eine gute Stätte finde, und sorgte klüglich für den Ruf ihrer Dynastie. Agenten wandern seitdem zwischen Sadagora und den Juwelierläden in Lemberg, Wien und Paris unerniüdlich hin und her. Denn gewaltig sind an Gold und Silber und Edelgestein die Gaben, welche von seinen Bekennern dem Rabbi' gespendet werden, und kluge Oekonomie macht derlei Tand zu barer Münze. Daß aber hinwiederum das Kapital nicht unproduktiv roste, ist der Heilige von Sadagora ein Grundherr geworden, Herrscher eines Areals, um das ihn mancher rumänische Grande beneidet. Nun schnaubt die Frau Rabbi gar oft in I vierspänniger Karosse querfeldein, über ihren eigenen Acker.

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