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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-12 · Heft 41 (12.10.1906) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
Seite 488 (sequence 8)
Language
German
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488 Gesetz oder als Literatur studiert und dargestellt, nicht aber als eine lebendige Wahrheit, als Glaubens- oder als Lehrsystem. Man hat sich immer damit begnügt, den mittelalterlichen jüdischen Denkern zu folgen, die unter dem Einstuß arabischgriechischen Denkens eine lückenhafte Religionsphilosophie anstatt einer alle Glaubensgegenstände in klarer, positiver Form umfassenden jüdischen Theologie uns gegeben haben. Wir besitzen auch nicht ein einziges Werk, das uns über das Wesen und die Bestandteile des Judentums genügenden Ausschluß gibt. Weder die Versuche aus früherer Zeit, noch die jüngsten genügen. Sie können mit den Arbeiten christlicher Theologen weder an Gehalt, noch an Gründlichkeit und Bedeutung sich messen. Mit Recht bemerkt Professor Margolis, wir können uns nur selbst die Schuld beimessen dafür, daß Webers Synagogale Theologie, die ausschließlich im Geiste und im Interesse der herrschenden Kirche, der eeelesia mililsns, geschrieben ist, einen solchen Einfluß auf die ganze christliche Gelehrtenwelt ausübt, weil wir es vernachlässigt haben, der Welt eine zuverlässige Darstellung der jüdischen Theologie, sei es der biblischen und talmudischen, sei es der heutigen Zeit, darzubieten. Wir bedürfen einer jüdischen Theologie, die keine bloß apologetische Tendenz versolgt oder im parteilichen Geist die Religionsqnellen beurteilt, sondern die im Lichte moderner Geschichtsforschung und vergleichender Religions- und Seelenkunde den jüdischen Glaubensinhalt klar und objektiv, vor allem positiv zusammenfassend, darstellt. Eigentlich ist hier eine doppelte Arbeit erforderlich, eine historische und eine systematische Theologie, und muß dieselbe, da sie die Arbeitskraft eines einzelnen bei weitem übersteigt, von einer Anzahl von Männern, von denen jeder ein besonderes Gebiet als Spezialist beherrscht, unternommen werden nach einem Plan, der umfassend genug ist, um sowohl der konservativen wie der fortschrittlichen Richtung gerecht zu werden. Nur so wird die große Welt, die jüdische wie die nichtjüdische, zum richtigen Verständnis und zur besseren Würdigung des Judentums, als das anvertraute Gut Israels und als sein Ruhm durch die Jahrtausende, gelangen. Und da werden von selbst auch die Ziele und Hoffnungen sogut -wie die Errungenschaften des modernen Judentunis in das rechte Licht gerückt, um erkennen zu lassen, daß der Trompetenschall der Reformpioniere es aus seinem langen Winterschlafs geweckt hat, um es zur lebendigen Wahrheit, zum lebendigen Glauben, zur lebenskräftigen Hoffnung für die Gesamtmenschheit zu machen. Der Munderrabbi von Lsdagora. Von Wilhelm Goldbaum. urch die Blätter geht die Kunde, daß der „gute Jüd" von Sadagora am Tage nach dem Versöhnungsfeste gestorben sei. Das weckt alte Erinnerungen wieder auf. Mir ist lange Zeit ein Rätsel gewesen, was eigentlich' ein „guter Jüd" bedeute, bis ich vor etlicher Zeit von dem Rabbi in Sadagora, dem besten aller „guten Jüden", persönlichen Augenschein nahm. Ich trug keine Wunde im Herzen, wie der Jüngling in dem Heineschen Gedicht. Aber Neugierde ist auch ein Uebel, und zwar nicht bloß, wie man insgemein wähnt, ein weibliches. Sie überkam mich, so oft ich auf dem Ringplatze von Czernowitz stand und über die Lembergergasse hinweg tief unten im Pruthtale das Häusernest des jüdischen Kevlaar erblickte; sie zerrte an mir, wenn vom Cäcina der abendliche Dämmerschein in die flinke Welle des blauen Hierasos tauchte, und sie hörte nicht auf, mich mit dein Phantasiebilde des Wundermannes zu necken, der in halbstündiger Nachbarschaft die Lahmen in Schnellläufer, die Blinden in Sterndeuter, und die Stummen in Volksredner verwandelt. Ja, sie brachte, um mich unrettbar in ihre Fesseln zu schlagen, allerhand absonderliche Legenden und Reminiszenzen in ihrem Gefolge mit sich. Der hohe Rabbi Löb von Prag stieg vor mir auf und ich schaute ihn, wie er seinem Gönner und Freunde, dem Kaiser Rudolf, an erstaunlichen Experimenten die Geheimnisse der Kabbala erschloß. MaimonideS, der Aristoteliker, bohrte mir seine tiefen Augen in die Seele, dieselben Augen, init welchen er die Mysterien des Todes erspäht und die Kunst der Wiederbelebung an gestorbenen Menschenkindern geübt haben soll. Kurzum, die Wunder aller Zeiten zogen an mir vorüber, und keines blieb ebenbürtig bestehen neben der Zauberkraft des „guten Jüd" von Sadagora. Da überwand ich denn die Scham der Aufklärung, verabschiedete auf eine Weile mein modernes Ich und pilgerte fürbaß, den Hexenmeister zu schauen. Ich habe es schwer bereut; denn Fratzenbilder brachte ich von jener Wallfahrt heim, so demütigend für jegliches Menschettbewußtsein, so beweiskräftig für die Affentheorie, daß es mir seitdem zu Sinne ist, als müßte ich mit Sack und Pack zu den blutigen Verächtern des Bipedengeschlechtes, zu Arthur Schopenhauer und seinem mißvergnügten Heerbanne flüchten. Der religiöse Wahnsinn ist mir in so widerwärtiger Gestalt noch niemals begegnet, noch niemals habe ich die Dummheit so schmutzig und abstoßend, so ungenügsam und frech einherschreiten gesehen. Und es ward mir nicht etwa leicht» zu der Person des Heiligen vorzudringen. Ein Banknvtenbündet als Visitkürte oder ein goldenes Geschmeide als Ehrengeschenk vorauszüsendett, erschien Mir zu kostspielig» und mit talmudischen Phrasen, welche ich reichlich verausgabte, war wenig auszurichten. Denn die Sekte» welche deü „guten Jüd" verehrt, mißachtet best Talmud wie auch sonstiges Wissen, weil sie darin das Verderben der FrönuNigkeit erblickt. Ein rechter „Chassid" bedarf keiner Gesetzeskunde und keiner geistigen Erbauung, er empfindet oder heuchelt nichts als das Bedürfnis nach göttlicher Gnade, und deren Mittler ist ihm der „gute Jüd". Mir war's um Gnade nicht zu tun. Ich brauchte nicht des Rabbis Segen zu einer gewagten Handelsspekulation, noch seine gynäkologischen oder therapeutischen Wundermittel. Und deshalb starrten mich die Hunderte verwahrloster Gesellen, welche sich in seidenen Orleanskitteln, mit verwilderten Bärten und rasierten Nacken, vor seiner Tür drängten, so mißtrauisch an, als ich Einlaß begehrte. Denn sie haben es ungern, daß ein „Unheiliger" ihre Zirkel störe. Zumal am Tage vor dem Neujahrsfeste, da der Rabbi im geheimen Kämmerlein mit dem Geiste Gottes Zwiesprache hält und die getreuesten seiner Bekenner, deren Taschen mit Rubeln und Dukaten gespickt sind, sich mit einem einzigen Wörtlein aus seinem Munde, mit dem Friedensgruße „Schalom" begnügen müssen. Ich werde diese glotzenden Augen, in denen heimtückischer Fanatismus glimmte, niemals vergessen. Noch weniger freilich die ratlose Ueberraschung, als wider alles Herkommen mein Eintritt gestattet wurde. Ich erwartete nicht, von einem Ben Akiba empfangen 31t werden. Die greifen Priestergestalten, welche dem Feuereifer des Forschungsdranges mit beschwichtigendem Spruche und gütiger Milde wehrten, sind ausgestorben. Der fluchende

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