Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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487 Die dreizehn Artikel des Maimonides und das Glsubenslyltem des modernen Judentums. Von Dr. K. Köhler, Rektor des Hebrew Union College in Cincinnati. VII. «erfüllbar ist und bleibt der in der Geschichte des Judentums unerhörte Vorschlag, eine jüdische Körperschaft mit kirchlicher Macht und Autorität auszustatten, um für alle Zeit, oder auch nur für eine gewisse Zeit, die Glaubenslehren der Juden oder eines bestimmten Teils der Judenschaft in der Gestalt von bindenden Glaubenssatzungen oder Dogmen festznstellen. Nichts widerspricht dem Geist des Judentums mehr als die Bildung einer Kirchenbehörde oder Synode zum Zweck einer Formulierung des Glaubens. Nichts ist für die freie Entwicklung und den Fortschritt des jüdischen religiösen Bewußtseins so gefährlich und verhängnisvoll, als Dogmen, Glaubenssatzuugen, die den Geist in Fesseln schlagen und der freien Forschung einen Hemmschuh anlegen. Zeigt ja ein Blick auf die moderne christliche Theologie genugsam, daß der freisinnige Dogmatismus nicht weniger anmaßend und hartherzig in seinen Behauptungen ist als der konservative. Und so zeigen auch die Thesen des Herrn Prof. Margolis, daß sein Radikalismus ihn nicht vor dem Vorwurf theologischer Schroffheit bewahrt hat, da er ja die Reformansicht als etwas Abgeschlossenes darstellt, statt dem Gesetz steten Fortschritts Rechnung zu tragen, das das Judentum befähigte, mit dem Fortschritt der Menschheit allezeit Schritt zu halten. In der Tat hat Margolis in einem lesenswerten Aufsatz in der Aprilnummer der Jewish Quarterly Review 1905 unter dem Titel „The Mendeisohnian Programme" eine viel bessere, von schismatischer Tendenz freie Darstellung der jüdischen Glaubensgrundsätze gegeben. „Das jüdische Glaubensbekenntnis," sagt er, „ist sehr einfach. All das ist ewiglich wahr und sicher für uns, daß Er der Herr unser Gott ist und sonst Keiner, und wir Israel sein Volk sind. Der einig-einzige Gott, der . Mensch Sein Ebenbild, und Israel Sein Gesalbter — das ist der Kern unserer Religion, und alles andere Kommentar. Der Einig-Einzige Gott — ein rein geistiges, heiliges Wesen, in Ewigkeit die Welt beherrschend und mit Seiner Herrlichkeit durchdringend; der Mensch — in Gottes Ebenbild geschaffen und bei allem Abirren niemals so weit von Ihm entfernt, um nicht im Gebet mit Ihm verkehren oder in Reue zu Ihm zurückkehren zu können, um bei Ihm, dem liebenden Vater, Verzeihung zu finden, wenn Er als strenger Richter ihn verurteilt; und Israel — der auserwählte Knecht, Prophet und Sendbote Gottes, Vermittler der göttlichen Offenbarung und zugleich Erlöser der Menschheit, durch dessen Wirken das Gottesreich aufgerichtet und die Menschheit in der vollen Anerkennung der Herrschaft des göttlichen Willens geeint werden soll." Dieses einfache Glaubensbekenntnis kann auch der konservativste Jude unterschreiben. Es enthält die Hauptlehren des Judentums, nicht „des reformierten Judentums". Wozu also die Aufstellung eines besonderen Reformcredos? Ganz allein zur Behauptung unserer geistigen Unabhängigkeit gegenüber dem Dogmenzwang der Traditionsgläubigkeit ist eine Prinzipienerklärung seitens der Vertreter des Reformjudentums von Zeit zu Zeit notwendig, wie sie bei der Rabbinerkonferenz in Philadelphia und in Pittsburg abgegeben wurde. Nicht zum Trutz, wohl aber zum Schutz.' Denn nach Maimonides Hilkot Teschubah EIT, 6—8, gelten diejenigen, die den göttlichen Ursprung : irgendeines Buchstabens der geschriebenen oder eines Satzes der mündlichen Thora oder die Wiederauferstehung und die Ankunft des Messias leugnen, als Ketzer, die vom Anteil am künftigen Leben ausgeschlossen sind. Und dies ist, nebenbei gesagt, ein Beweis, daß Maimonides keinesfalls, wie man behauptet hat, von dem Standpunkt später zurückgetreten sei, den er in seinem Mischnahkommentar zum Perek Helek bei der Aufstellung der dreizehn Glaubensartikel eingenommen hat. Auch nachdem er sein philosophisches Werk, den Moreh Nebukim, vollendet hatte, nahm er nichts von seinen damals gemachten Behauptungen zurück, wie der Schluß vorn zweiten Kapitel seines Maamar ha Jihud zeigt. Indem nun die Reformgemeinden Deutschlands und Amerikas die zuin Ritual vorgeschlagenen Aendernngen der Reformrabbiner und Rabbiner-Konferenzen angenommen haben, haben sie eo ipso den Glauben an die Unveränderlichkeit des Mosaischen Gesetzes, der ja die ans dem Ritual ausgemerzte Hoffnung auf die Wiederherstellung des Opfer-Ritus einschließt, an die Wiederauferstehung und den persönlichen Messias als unhaltbar verworfen. Und zwar haben sie sich aus diesen Standpunkt als Juden, nicht als „reformierte Juden" gestellt. Im Gegenteil, wir beteuern immer von neuem unsere volle Angehörigkeit zum Judentum, in welchem wir durchaus nicht eine bloße Gesetzesreligion, die im Mosaismus und Rabbinismus ihren Ausdruck für alle Zeiten gefunden hat, erblicken, sondern eine ewig lebendige, ewig an Allsdehnung und Klarheit, an Tiefe und Verinnerlichling fortschreitende Wahrheit, zu bereu Hüter und Pfleger Israel von Anbeginn bis zum Abschluß der Geschichte erkoren worden. Als das erste Reform-Gebetbuch in Hamburg eingeführt wurde, schleuderten Isaak Vernahs und seine orthodoxen Bundesgenossen ihren Bannstrahl gegen die Tempelgemeiilde und die Benutzer des Gebetbuchs; er blieb fruchtlos. Im Gegenteil, die Reformbewegung machte seitdem unaufhaltsam Fortschritte zuerst auf deutschem Boden, und als da der religiöse Ernst und Eifer bei den Gebildeteren erschlaffte, regte sich der Geist desto lebhafter im freien Land Amerika. Und dieser Geist läßt sich auch in der Gegenwart, trotz der rückschrittlichen Bewegung, die sich infolge des neuerwachten, mittelalterlichen Judenhasses in den herrschenden Kreisen geltend macht und die nationalistische Strömung in ihrem Gefolge hat, nicht auf die Dauer hemmell. Um so mehr müssen wir unsere volle und innige Zusammengehörigkeit mit dem Judentum und seiner Geschichte stets nachdrücklichst betonen. Nur insofern, als wir dem Prinzip der Stabilität, der Verknöcherung und Versumpfung, entgegentreten, nennen wir uns Reform-Juden; in jeder anderen Beziehung erheben wir den Anspruch, auf dem geschichtlichen Standpunkt des Judentums, „auf dem Felsen, aus dem wir gehauen", zu stehen, so gut und so treu wie die Traditionsglüubigen. Während wir im Judentum weit auseinandergehende Meinungen, verschiedene Formen des Glaubens und der religiösen Praxis, ie nach der Verschiedenheit der Zeiten und der Kulturen, herrschend sehen, kennen wir bloß Eine Thora, Ein Israel und Einen Gott. In Einklang mit diesem einzig richtigen Gesichtspunkt hat der selige Dr. I. M. Wise zu wiederholten Malen eine klare Formulierung der Prinzipien des Judentums, nicht des Reformjudentums, in der Rabbinerkonferenz vorgeschlagen. Und eine klare, umfassende, systematische Darstellung der theologischen Lehranschauungen und Grundsätze ^des Judentums in scharfem Kontrast zu den nichtjüdischen Glaubenssystemen tut uns wahrlich not. Viel zu lange hat man auch von liberaler Seite das Judentum ausschließlich entweder als