Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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48G ruhte auch der Volksbegriff auf der Einheit, dem Zusammenschluß aller kleinen Teile zu einem harmonischen Ganzen. Die Macht des Judentums lag in seinem nationalen Frieden. Seine sittliche Größe personifizierte sich in diesem. Unter den schutzspendenden Fittichen des Friedens, vereinigt in Liebe und Eintracht, war das Judentum gegen "eine Welt von Feinden geborgen, wetterfest und unverwüstlich. Das Gleichnis vom Bündel Rohr, das der muskelstarke Mann nicht zerbrechen kann, jedes einzelne Rohr aber ein Kind leicht zerbricht — haben schon die Rabbinen in bezug auf den nationalen Frieden gegeben. „Wenn Israel selbst den Götzendienst betreibt, aber zugleich den nationalen Frieden bewahrte, so spricht Gott: Ich kann ihnen nichts anhaben, weil Friede unter ihnen wohnt. So sie aber geteilten Herzens sind — sind sie wie ein zerbrechliches Schilfrohr in den Händen ihrer Feinde." Dem Judentume war der nationale Friede ein hohes sittliches Ideal; das Volk sollte eine weitverzweigte Familie, eine Gesellschaft von Brüdern darstellen. Das jüdische Volk war von Natur aus ruheverlangend und friedliebend. Als die. Kinder Israel zum Sinai kamen, wurden sie einem Bunde gleich; darum sagte Gott: „Meine ganze Lehre ist Friede, ich will sie diesem Volke geben, das den Frieden liebt." (Jalkut Jetbro 47.) Der Beruf des jüdischen Volkes war, eine heilige Nation zu sein, ein Volk von Brüdern, ein Reich von Priestern. Hiermit wurde der Grundstein zur nationalen Vereinigung gelegt. Denn der Priester soll das verbindende, vereinigende Element in der Gesellschaft bilden. Des Priesters Pflicht ist es, friedliebend und friedenstiftend zu sein. * * * So schreitet der jüdische Friedensgedanke vom häuslichen Frieden durch den nationalen Frieden zum allgemeinen Weltfrieden. Der allgemeine Weltfriede hat in der Religion wie in der Moral seine zukunftsichere Basis. Die Religion befiehlt die Menschenliebe, die Nächstenliebe; wo die Liebe herrscht, da muß auch der Friede wohnen; wo die Liebe die Regentin ist, da hat auch der Friede seinen Thron aufgeschlagen. Der Friede ist das höchste der Moralprinzipien. In ihnl identifizieren sich Recht und Gerechtigkeit, Wahrheit und Treue. Auf drei Pfeilern basiert die moralische Welt: auf Recht, Wahrheit und Frieden. Aber im Frieden sind schon Recht und Wahrheit mitinbegriffen. Denn wo Recht und Gerechtigkeit walten, da ist Friede die gedeihliche Folge. Jesaias sagt: „Das Werk der Gerechtigkeit ist Friede;" und mehr in poetischer Form bringt der Psalmist denselben Gedanken zum Ausdruck: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich." Der Jude verbindet auch in seiner Denkweise die Idee der Wahrheit mit der des Friedens. Der Weg zur Wahrheit ist gleichsam der Weg zuin Frieden. „Die Wahrheit und der Frieden lieben sich" — lautet ein herrliches Wort des Propheten Sacharja. Das Judentum schwärmt immer für das schöne und erhabene Ideal einer friedlichen Vereinigung aller Menschenkinder, eiuer Verbrüderung aller Völker und Einsbildung aller Nationen. Eine Seele sollen die Menschen sein wie Gott einer ist. Warum, fragt der Talmud, gab es im Anfänge der Welt nur einen einzigen Adam? Damit alle Menschen den einen Vater hätten, und die eine Nation nicht zur andern sagen tonnte: Unsere Ahnen waren reicher und größer als die deinigen; — „alle Völker sind Brüder, alle Nationen sind Schwestern. Und diese menschliche Brüderlichkeit, welche die Bücher Judas in die Wiege des Menschengeschlechtes legte, haben die Seher Judas für die Zukunft geplant" (Lazarus). Das Zukunftsideal des Judentums, wie es die Propheten verkündigten und wie es später dann die Rabbinen, den Verheißungen der Propheten folgend, aufstellten, war die Verbrüderung der gesamten Menschheit, der Völkerfriede in des Wortes schönster Bedeutung. „Gott ist der Schöpfer der Menschen, aller Menschen; alle sind Nachkommen eines einzigen, von Gott geschaffenen Paares. Dieser Gedanke wird von den Rabbinen sofort ins Ethische gewendet. Die. Einheit des Menschengeschlechtes wird vielfach erwogen, als ethisch-folgenreiche Idee mit voller Klarheit erkannt und verkündet; zugleich aber wird die Einsicht gewonnen, daß sie, die Einheit der Menschheit, wohl im Sinne einer einfachen Tatsache von Hails aus gegeben ist, daß sie aber sittliche Forderungen, Verheißungen und Hoffnungen einschließt, welche erst in der Zukunft sich erfüllen können und erfüllen sollen." (Lazarus.) „Die jüdische Morallehre geht vom Standpunkt des jüdischen Monismus aus. Es gibt einen Gott, eine einheitliche Schöpfung, eine Menschheit, ein Gesetz. Darum fließt für das sittliche Bewußtsein die Gleichheit aller Menschen und die absolute Gleichheit der Menschenrechte." (Lippe.) Das Judentum verspürt einen inneren Abscheu gegen das Blutvergießen und sieht daher im Kriege eine furchtbare Erscheinung menschlicher Roheit. Denn wer ein Menschenleben vernichtet, ist ein Zerstörer des Ebenbildes Gottes. Rabba lehrt: Töte nicht, beflecke deine Hände nicht mit dem Blute deines Nebenmenschen, denn du weißt nicht, ob in deinen Adern reineres und edleres Blut fließt, als in denen deines Nebenmenschen. Das will sagen: Er ist ein Mensch gleich dir, ein Sprößlingder gleichen Natur, ein Kind derselben Gattung, aus der Hand desselben Schöpfers hervorgegangen — du hast kein Recht, den Mordstahl in seine Brust zu tauchen. Nach jüdischer Auffassung ist nicht der ein Held, der die Mordwaffe zu handhaben versteht, der Bastillen erstürmt. Tausende von Menschenkindern dem Tode weiht und dann den Lorbeerkranz sich aufs Haupt setzt; sondern dem Judentume gilt der als Held, der den bösen Trieb in seinem Herzen erstickt, seine schlechten Neigungen unterdrückt und seinen guten Eigenschaften zum Siege verhilft. Deshalb ist auch in der jüdischen Geschichte ein Mangel an Helden, Heroen, Schlachtenstürmern und Eroberern. Sie besitzt keinen Cyrus und keinen Napoleon. ... Der Völkerfriedensgedanke ist im Judentume zum Dogma geworden. Hier ist der Punkt, wo das jüdische Dogma mit den edelsten Bestrebungen der Neuzeit zusammenfällt. Dieses Dogma ist zur Genüge bekannt; es äußert sich in der Erwartung der Ankunft des Messias oder des messianischen Zeitalters. Das Judentum erwartet im Messias jene Epoche wo die Erde voll sein wird von der Erkenntnis Gottes, von der Erkenntnis der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Markant ist der Ausspruch der Weisen: Der Name des Messias wird „Friede" sein (Sanhedrin 110, b). „Im messianischen Zeitalter werden alle Völker der Erde einen ewigen Friedensbund schließen, und unter ihnen wird auch die Judenheit des Friedens teilhaftig werden." (Maimonides: lack hachasaka,Hilchoth melachim 17). Im messianischen Zeitalter wird der Friede überall herrschen, Völker werden brüderlich sich die Hände reichen, Nationen als Schwestern sich umarmen. Neue humane Gesetze werden geschaffen werden zum Heile aller Völker und zum Wohle der ganzen Menschheit. Die messianische Zeit, die das Judentum von der Zukunft erwartet, ist der große Sabbat aller Völker der Erde, wo jedes Schlachtgeheul verstummt und friedliche Ruhe die Erde umfängt, wo Wahrheit thront und Gerechtigkeit waltet, wo Liebe herrscht und Friede regiert. .