Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
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485 diesen auf ihre Nachkommen^ vererbt. Seit Jahrhunderten warten sie ans die Messiasposaune, die allen Menschenkindern den Frieden kündet. Dieses Volk, das von allen Seiten angefeindet wird, möchte gerne mit aller Welt sich befreunden; dieses Volk, das am wenigsten ans dieser Erdkugel friedlich leben kann, hegt im tiefsten Innern ein mächtiges Verlangen nach einer Zeit, wo die Friedenssonne mit ihren warmen Strahlen den ganzen Erdball umflutet. Friede unter den Menschenkindern, Eintracht und Einigkeit, Gerechtigkeits- und Menschenliebe — das sind Ideale, die gleich tröstenden Sternen das Dunkel des in Wolken gehüllten Himmels Israels durchleuchten. Aber nicht immer hat das Judentum das allgemein Menschliche statt des Nationalen in den Vordergrund gestellt. Die Behauptung, das Judentum habe nie einen nationalen Gott besessen, das jüdische Gesetz sei kein nationaler Kodex gewesen, sondern für die ganze Menschheit bestimmt, beruht aus einer Verkennung der historischen Tatsachen und widerspricht den Gesetzen der Entwicklung, die auch in der Geschichte walten. Der jüdische Gott war ursprünglich ein nationaler Gott. Schon der Dekalog beginnt mit den Worten: „Ich, der Ewige, bin dein Gott." Der „Herr Israels", der „Gott Jeschuruns", der „Hort Jakobs" — finden wir wiederholt in der Heiligen Schrift. Allein der jüdische Gott war der zeitlich ewige, räumlich unendliche, ein und einzige, der keinen zweiten neben sich duldete, wogegen der ägyptische Osiris neben dem griechischen Zeus friedlich thronen konnte. Auch das jüdische Gesetz hatte, als das jüdische Staatsleben noch bestand, ein jüdisch-staatliches und jüdisch-nationales Gepräge. Die Thora war ein Eigentum des jüdischen Volkes, woran die anderen Völker keinen Anteil zu beanspruchen hatten. Gott habe seine Thora — erzählt die Tradition — allen Nationen der Erde angeboten, aber keine wollte sie in Empfang nehmen; nur das jüdische Volk erklärte sich bereit, das Gottesgesetz zu empfangen. Hierdurch ward die „Lehre" als Eigentum des jüdischen Volkes, als Erbteil der Gemeinde Jakob, erklärt. Ebenso hatte der Friedensgedanke im Judentum ursprünglich die Grenze des Nationalen nicht überschritten. Zum Ideal einer Verbrüderung der gesamten Menschheit wurde er nicht ausgedehnt. Das Friedensideal Altisraels war das herzinnige Verlangen nach einer goldenen Zeit, in der das freudenvolle, patriarchalisch-idyllische Leben, ein jeder friedlich unter dem Schatten seines Weinstocks und Feigenbaums, zur Wirklichkeit wird. Das jüdische Volk war damals vom Ideal eines nationalen Friedens beseelt, vom Wunsche eines ungestörten ruhigen Lebens innerhalb der Mauern Palästinas, eines friedlichen Zusammenlebens der Kinder Jakobs untereinander und miteinander. „Friede über Israel!" war damals die Parole. Außerhalb der Reichsgrenzen mochte das geschärfte Eisen klirren und die blutigste Schlacht toben. Aber wie der jüdische Gottesgedanke schließlich einen Siegeszug durch die Welt nahm und, von den nationalen Fesseln befreit, wie ein heller Lichtstrahl die gesamte gebildete Menschheit erleuchtete; wie das jüdische Sittengesetz allmählich sich aus der nationalen Einengung befreite und zum Postulat aller Ethik wurde, so hat auch der Friedensgedanke im Judentume mit dem Verfall des jüdischen Reiches eine immer größere Kreislinie angenommen, bis er in dem Ideal des Weltfriedens seinen Höhepunkt erreichte. Der allgemeine Weltfriede, das Zusammenhalten aller Nationen, das Sicheinsfühlen aller Menschen, das Eisen in der Scheide, das Schwert zum Pflug gewandelt, der Haß getilgt, der Wolf mit dem Schaf friedlich nebeneinander — das war ein Ideal, womit der Geist spielte, woran das Gemüt sich ergötzte. Gleich einem lieben Kinde wurde dieser Gedanke am Herzen des Judentums genährt. Gottbegeisterte jüdische Propheten waren es, die seine Verwirklichung in einer fernen Zukunft voraussagten. * * * Der Nährboden, woraus das Friedensideal des Judentums keimte, ist unstreitig die Familie gewesen, das friedliche Familienleben, der häusliche Friede. Dieser ließ zuerst die Frage aufkommen: Wie wäre eS, wenn die gesamte Menschheit eine Familie bildete, in Eintracht gefestigt, in Liebe vereint? — Ein herrlicher Gedanke!. .. Bot ja der häusliche Friede ein herrlich schönes Beispiel . . . Der häusliche Friede bei den Juden ist sprichwörtlich geworden. „Der Jude," schreibt Leroy-Beaulieu, „spart alles auf, was er Gutes und Weiches im Herzen besitzt, für seine Familie, für feine Frau und sein Kind. Seine zurückgedrängte Zärtlichkeit ergießt sich im Schoße der Familie. Die Familie ist allezeit die Zuflucht des Juden gewesen." — Geradezu ergreifend und entzückend ist das Bild, das der Psalmist vom jüdischen Familienleben in knappen Zügen entwirft: Die Frau ein fruchttreibender Weinstock im Innern des Hauses, die Kinder wie junge Olivenpflanzen rings um den Tisch. . . Die jüdische Tradition und Ethik enthalten eine reichhaltige Sammlung von Regeln und Vorschriften, die das Familienleben betreffen. Stets wird ans das eindringlichste an das feste Zusammenhalten, an die äußerste Seelenvereinigung und die peinlichste Wahrung des Friedens gemahnt. Eine unzertrennliche Vereinigung, ein harmonisches Ganzes, eine Einheit sollen die Ehegatten, soll die Familie bilden; das wird bereits auf den ersten Seiten des Gesetzes befohlen. Nicht Hader noch Zank darf die Wohnung eines Juden, darf das heilige Ehebündnis entweihen. Mann und Weib sollen überhaupt alles vermeiden, was den häuslichen Frieden beeinträchtigen könnte. Es ist besser, trockenes Brot in einem Hause des Friedens als Gastmähler in einem Hause voll des Zankes — sagt König Salomo, und übereinstimmend melden die talmudischen Weisen: Innerer häuslicher Frist sei ärger als äußerer Krieg mit den ärgsten Feinden. Ehegatten sollen in Frieden, Eintracht und Liebe miteinander leben, sonst haben sie ihren Lebenszweck verfehlt. Sie tragen die Verpflichtung, den Frieden im Innern des Hauses zu währen. Das Weib soll dem Manne eine Gehilfin sein, seine Freuden und Leiden teilen, ihm stets ratend und helfend zur Seite stehen und der Friedensengel in seinem Hause sein. Und der Mann? Sei gut gegen deine Frau, liebe und schätze sie, flöße ihr keine Furcht ein, begegne ihr mit Milde und Sanftmut, hüte dich, sie zu kränken, denn der Tränenqnell des weiblichen Auges ist ergiebig — so sind die althebrüischen Schriften unerschöpflich in Lehren und Mahnungen, die darauf Hinzielen, das Familienleben zu einem Hort des Friedens zu machen. Lazarus bemerkt mit Recht, daß der Geist des Familienzusammenhangs zu einem Eckpfeiler ain Heiligtum der Ethik Israels geworden ist. Aehnlich wie der häusliche Friede wurde den Juden auch der nationale Friede ein Eckstein am erhabenen Bau der jüdischen Ethik. In die brüderliche Eintracht aller Stäinine und Klassen, in den Zusammenschluß aller Kinder Israel wurde die Macht und Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes verlegt. Der nationale Friede war der beste Schutzwäll, mit deni sich das Judentum umgeben konnte. Rom entfaltete sich im Kriege, Juda ward nur im Frieden stark und kräftig. Es galt als heiligste Aufgabe und höherer Zweck des Judentums, den Frieden und die Eintracht, die Vereinigung und Verbrüderung im jüdischen Volksleben, zu erhalten. Der Jude huldigte in jeder Hinsicht dem Monismus: wie der Gottesbegriff, so be-