Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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484 Oberrabbiner von Newyork ist — diesen Vorschlag gar nicht in der von dem russischen Antisemitenblatte ausposaunten Weise gemacht hat. Die Juden wollen wahrhaftig nicht die Herren der Welt, freilich aber auch nicht ewig deren Sklaven sein. „Spanische Zukunftsmusik" nennt ein Madrider Blatt die Denkschrift, die der Minister der öffentlichen Arbeiten zur Belebung des Handels und Verkehrs in Marokko soeben dem Ministerrat vorgelegt hat. Es sind darin u. a. folgende Reformen in Aussicht genommen: Ersetzung des Militärregiments durch eine bürgerliche Verwaltung, Ausdehnung der den Spaniern Zustehenden Rechte aus die' Juden und Mohammedaner, Ermächtigung in Ceuta und Melilla Moscheen und Synagogen zu erbauen, religionsfreie Schulen für Christen, Juden und Mohammedaner. Leider hat auch nicht eine einzige Zeitung, selbst nicht die der Regierung nahestehenden Blätter, das geringste Vertrauen zu diesen Reformplänen; man nimmt vielmehr an, daß die Denkschrift des Ministers für öffentliche Arbeiten dasselbe Geschick haben wird, wie so viele andere Denkschriften, nämlich in den Archiven der Ministerien zu vermodern. Selbst wenn die Regierung diese oder jene Reform zu verwirklichen versuchen sollte, würde sie bei der Indolenz des spanischen Volkes nirgends die allergeringste Unterstützung finden. Der Spanier ist stolz auf seine „historischen Rechte in Marokko" und damit völlig zufrieden; er macht sich nichts daraus, daß die übrigen Völker Marokko moralisch und materiell erobern und den spanischen Einfluß daselbst immer mehr zurückdrängen, nur darf man in der Presse seine „historischen Rechte" nicht anzweifeln. Molk Kantorowir?. Posen, im Oktober, ie Zeitungen brachten ihm lange Nachrufe und man hörte von ihm, daß er ein wackerer, ein wahrhaft hochherziger Mann gewesen, der seine ganze starke Arbeitskraft in den Dienst des Gemeinwohls gestellt hatte, daß sein Gedenken fortleben würde alle Zeiten. So starb der Königliche Kommerzienrat Adolf Kantorowicz in Posen. Weine wir heute an dieser Stelle dem Wirken dieses vortrefflichen Mannes einige Aufmerksamkeit zuwenden, so geschieht dies ebensowohl, um seinen Manen gerecht zu werden, als um die Vorzüge zu beleuchten, die er — der deutsche Jude — für die kulturbedürftige deutsche Ostmark besaß. Denn er war ein Jude. Und jeder wußte, daß er ein Jude war. Nicht einer von denen, die ihren Glauben schamhaft verhüllen, die ihr Inneres verdecken, um nach außen hin besser glänzen zu können. Sondern er war ein Jude; von innen heraus war er ein Jude und in ihm lebte die Tradition, lebte, wie man's auch bezeichnen kann, die Religion. Verwachsen förmlich mit dem Boden, auf dem er stand, hat er in einem langen Leben politische Strömungen gesehen, die den Begriff des Nationalismus in seiner Anwendung auf die Praxis gar verschieden auffaßten. Er kannte noch, viel lebendiger als wir Jüngeren, die Begebnisse des Jahres 1848, die es den Regierenden wünschenswert erscheinen ließen, polnische Reformen in der Ostmark einzuführen. Er sah das Gegenteil erstehen. Er sah wiederum dem Begriff der deutschen Aufgaben im Osten eine andere Auslegung geben. Und er bemerkte schließlich noch, wie die Wertschätzung eines guten Patrioten in der Ostmark von einem möglichst aggressiven Vorgehen gegen die Polen abhängig gemacht wurde. Er liebte die Stätte, da er geboren war. Und für ihn, wie für alle Juden des deutschen Ostens, unterlag es nie einem Zweifel, wohin er, trotz des politischen Zickzacks, gehöre. Er vergaß nie, daß er ein Deutscher war. Er hatte größere, ungleich größere Verdienste um das Land sich erworben, denn es ist in unseren Augen kein Verdienst, dem die Treue zu bewahren, wohin man durch Geschichte, Erziehung und Bildung gesetzt wurde. Aber gegenüber den: fluktuierend auftauchenden Wanderpatriotismus einzelner, laut die Kulturbedürftigkeit unseres Landes beklagenden Elemente, erfrischt die Stetigkeit und das Ausharren des Juden auf seinem Platze. Und darum sei auch dieses erwähnt. Nicht viele — nur wenige, sehr wenige der öffentliche Aemter bekleidenden Männer haben die Entwicklung des Landes so andauernd vor sich gesehen, wie er. Noch weniger Männer vielleicht hatten den praktischen Blick, das richtige Verständnis für die verschiedenen Situationen in dieser. Er aber blieb sich gleich in seiner Bescheidenheit, und sein Leben und sein Wirken ist die beste Widerlegung jener albernen Infamien, daß Jude sein — vordringlich sein bedeutet. Er hat nie Ehrenbezeugungen gesucht, doch nie den Aufgaben sich entzogen, die mühevoll und nur unter vieler persönlicher Entsagung wahrgenommen werden konnten. Und an seinem Lebensabend konnte er mit Genugtunng wahrnehmen, daß sein Mühen nicht vergeblich war. Er sah Kultur erstehen in seinem Sinne. Wohl berührt es uns angenehm, daß man seine Verdienste hier zu schätzen wußte. Daß man ihn mit Vertrauensbeweisen überhäufte und ihn in den wichtigsten Körperschaften nicht entbehren wollte. Aber man soll sein Gedenken nicht und nie vorübergehen lassen, ohne — im Hinblick auf die vielfachen Anfeindungen unseres Glaubens — zu erwähnen, daß er gelebt hat und starb -- als ein Jude. Als ein deutscher Jude in einem Landesteil, in dem es manchmal nicht leicht ist zu entscheiden, was schwerer ist zu sein — ein Deutscher oder ein Jude. Sein Andenken mag so fortleben. Wir glauben, daß dies in seinem Sinne ist. E. Ph. Der Friedenssedanke im Judentum?. Von S. Meisels in Charlottenburg. er Tempel in Jerusalem wurde mit folgendem Spruch eingeweiht: „Friede sei in deinen Mauern, ungestörte Ruhe in deinen Hallen." Der Segensspruch der Priester lautete: „Gott segne und behüte dich, er leuchte dir sein Angesicht und er sei dir gnädig und er schaffe dir Frieden." In alten Zeiten war die übliche Begrüßungsformel: „Zum Leben! Friede mit dir, Friede deinem Hause und allen, die mit dir sind, Friede!" Friede ist das Losungswort des jüdischen Volkes, der Pol, um den seine Wünsche und Sehnsüchte seit seinem Anbeginn bis auf den heutigen Tag rotieren. Friede ist die kristallene Quelle, nach der das jüdische Volk stets dürstet und lechzt. Diese heiße Sehnsucht nach dem Frieden hat bereits in den Herzen unserer Ahnen und Urahnen geloht und sich von