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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-12 · Heft 41 (12.10.1906) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
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Italien: Justizminister Gallo. Schatzminister Majoran« (vorher der Jude Luzatti). Finanzminister Massimini. Unterrichtsminister Rava. Post- und Telegraphenminister Carlo Schanzer. Peru: Kultusminister Dr. Holländer.. Paraguay: Minister der Landesverteidigung Gracia dio Eslia. Türkei: Marineminister Ibrahim Nula Pascha. Siam: Zeremonialminister Chuaug-li-sckli. Liberia: Präsident der Republik Akwa Regis (ein angenommener Name). In dieser Liste ist nur das richtig, daß in Holland ein jüdischer Minister und in England (nicht in Frankreich) ein jüdischer Unterstaatssekretär ist sowie daß Mr. I. S. Isaaks Aussicht hat, Minister in Australien zu werden. Alles übrige ist falsch! Es handelt sich entweder um Christen, oder um Nachkommen von Marannenfamilien, die bereits seit Jahrhunderten getauft sind, oder um Männer, die eben nicht Minister sind, wenn sie auch sonst hohe Ehrenstellungen in ihren Heimatländern innehaben. Man darf nun gespannt darauf sein, ob die ganz- oder halbantisemitischen Blätter, die an die Liste bereits ihre hämischen Bemerkungen über die Weltmacht des Judentunis geknüpft haben, von dieser Berichtigung in gebührender Weise Notiz nehmen werden. Wir glaubend bis auf weiteres nicht. * Seit Monaten gehen unsere Konservativen und Antisemiten mit der Nachricht hausieren, daß die Juden die Hauptträger der russischen Revolution sind. Die Sprache der statistischen Zahlen straft diese Behauptung indessen Lügen. Bon den Angeklagten der 369 politischen Prozesse, welche im Jahre 1905 in Petersburg verhandelt wurden, gehörten 621/3 Prozent dem Bauern-, 271/2 Prozent dem Mittelstand, der Rest anderen Berufskreisen an. Der Mittelstand, der in Rußland kaum 12 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, hat also mehr als 27 Prozent aller Revolutionäre gestellt. Wie einst in allen anderen Ländern, geht die Revolution in Rußland von den Städten aus und wird vorwiegend von dem Mittelstand geleitet. Man müßte demnach erwarten, daß die Juden, die ja von der Regierung seit fünfundzwanzig Jahren gewaltsam in den Städten zusammengepfercht werden, ein unverhältnismäßig starkes Kontingent — sagen wir 10 Prozent — aller Revolutionäre gestellt haben. In Wirklichkeit verhält sich die Sache ganz anders. Während der zehn Monate vom 23. November 1902 bis 23. August 1906 sind in Rußland nicht weniger als 12 694 politische Verbrecher meist nach Ostsibirien verbannt worden. Unter ihnen befanden sich nur 972, d. h. kaum 7,65 Prozent Juden. So sieht die antisemitische Fabel von der überwiegenden Anteilnahme der russischen Juden an der Revolution in statistischer Beleuchtung aus. Schlimmer steht es um die Fabel von der neuen russischen Judengesetzgebung. Oder vielmehr, es steht jetzt sogut wie fest, daß an eine Aenderung der betreffenden Gesetze in absehbarer Zeit nicht zu denken ist. Die Entscheidung über die Erweitermlg der Bürgerrechte der Juden ist, wie der Korrespondent des Bureau Laffan von maßgebender Seite erfährt, in negativem Sinne ausgefallen. Eine Erweiterung ihrer Rechte wird nicht eher stattfinden, als „bis die jüdische Jugend Rußlands einen mehr gesetzliebenden Geist beweist". Die Juden haben auf Gewährung größerer Freiheiten nicht zu rechnen. In gleichem Sinne wird offiziös gemeldet: „Petersburg, 2. Oktober. Gegenüber einer Meldung der Zeitung „Towarischtsch" erklärt die „Petersburger Telegraphen- Agentur", daß ein aus die Judenfrage bezüglicher Gesetzentwurf noch nicht vorliege, sondern einstweilen erst das gesammelte Material bearbeitet werde." Dagegen erfreut sich die „schwarze Bande" fortgesetzt der hohen und höchsten Protektion. Es wird daher ohne Zweifel für unsere Leser von Interesse sein, das soeben irr der „Rußkoje Snamja" erschienene Wahlprogramm ^des „Verbandes des russischen Volkes", also jener Partei kennen zu lernen, die sich des Wohlwollens Stolypins und der ganz besonderen Gunst des Polizeidepartements erfreut. Es ist auf drei Hauptgrundsätzen aufgebaut: auf Rechtgläubigkeit, Selbstherrschaft und russisches Volkstum, es läuft aber eigentlich auf den krassesten Antisemitismus hinaus, da es nämlich folgende Forderungen anfstellt: 1. Nichtzulassung der Juden in Armee und Flotte und Ersetzung der Militärpflicht für Juden durch eine Steuer, für deren pünktliche Entrichtung alle Juden gemeinsam haftbar gemacht werden sollen; 2. Wiederherstellung des Ansässigkeitsrayons für Juden in dem weitesten Umfange und Ausstattung der im Ansässigkeitsrayou liegenden Gemeinden mit der Berechtigung, die Juden fernzuhallen oder auszuweisen; 3. Nichtzulassung der Juden zu den höheren Schulen und Universitäten und Verbot, besondere jüdische höhere Schulen und Akademien zu gründen; 4. Ausschluß der Juden vom Staats- und Gemeindedienst; 5. Nichtzulassung der Juden zuru Staatsrat uud zur Neichsduma; 6. Verbot für die Juden, Apotheken und Drogerien zu unterhalten; 7. Beschlagnahme des Eigentums der jüdischen Revolutionäre zugunsten des Staates; 8. Verbot für Juden, Zeitungen herauszugeben; 9. Verbot für auswärtige Juden, die russische Grenze zu überschreiten. Diesen antisemitischen Forderungen schließt sich noch die Behauptung an, daß die Gerichte sich manchmal „unter jüdischem Einfluß" befinden, weshalb verlangt wird, daß Personen, die sich jemals an Parteien beteiligt haben, die sich im Gegensatz zum russischen Glauben, zur Selbstherrschaft und zur russischen Nationalität gestellt haben, vom Richteramte ferngehalten werden. Auch soll es Juden ein für allemal verboten sein, das Amt eines Verteidigers oder Rechtsbeistandes auszuüben. i1 Daß der Verband sich auch gegen fremde und jüdische Kapitalisten erklärt und die Russen zum Kampfe gegen sie auffordert, ist selbstverständlich. Das ist das Programm, das auf dem letzten Delegrertentage des Verbandes des russischen Volkes einstimmig angenommen wurde uud das in diesem Augenblicke der Negierung am sympathischsten oder wenigstens am ungefährlichsten zu sein scheint. Die Leute, die so reden, hat der Zar in Audienz empfangen, ihnen gedankt und gesagt: „Mit Ihrer Hilfe wird Rußland gerettet werden-!" * Die „Nowoje Wremja" polemisiert in einem Leitartikel gegen den „Oberrabbinervon Newyork" Dr. Pereira Mendes, welcher in der „North American Review" einen Artikel veröffentlichte, worin er den Vorschlag machte, die Haager Friedenskonferenz solle ein Schiedsgericht zur Entscheidung aller Fragen über Krieg und Frieden wählen, welches vorwiegend aus Juden bestehen und in Jerusalem seinen Sitz haben soll. (!) Nach der Ansicht des Newyorker Rabbiners eignen sich die Juden für dieses Schiedsgericht am besten, da sie allen Differenzen zwischen den bestehenden Staaten vollkommen unbeteiligt und „unparteiisch" gegenüberstehen. Die „Nowoje Wremja" weist diesen Vorschlag kategorisch zurück. Sie sagt, das hieße die Juden zu Herren der Welt machen und es wäre eine sonderbare Situation, wenn es von der Entscheidung des Jerusalemer Gerichtshofes abhängen würde, ob der russische Soldat sein Vaterland gegen einen feindlichen Angriff verteidigen soll. Das ist auch richtig. Schade nur, daß Rev. Pereira Mendes — der übrigens keineswegs

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