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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-12 · Heft 41 (12.10.1906) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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Schaffen diesen Geist trägt und ausprägt, dann kann Heil für uns selbst und für unsere Gemeinschaft aus der Saat dieser Feste ersprießen. Die Tage der milderen Jahreszeit neigen sich ihrem Ende zu; die rauhe Zeit des Winters kündigt sich bereits an und wirb uns bald all ihre Härten fühlen lassen. Aber, die Fülle des Großen und Erhabenen, das uns in dieser Festzeit geboten worden,"muß genügen, auch den Kampf der Elemente, auch die Unbilden der Winterszeit zu ertragen, in welcher die Natur ihren Schlummer schläft, um in neuverjüngter Schöne im Frühling wieder zu erwachen. Kommen wir ja nur durch die Entbehrung zum vollen Gefühl des Guten, das uns geboten wird. So wollen wir denn aus dem Gotteshause das beruhigende Vertrauen auf die väterliche Fürsorge des Hüters Israels, der nicht schläft und nicht schlummert, mit uns nehmen, die auch unter den Angriffen der Elemente und der Menschen uns erhalten und bewahren wird. Dieser Gedanke soll aber auch unser Herz öffnen für den Notstand und die Leiden unserer Mitmenschen, vor allem unserer unglücklichen Glaubensbrüder im Osten, die ja gegenwärtig einen so fürchterlichen Kampf mit allen Mächten der Bosheit und des Hasses zu bestehen haben. Verschließen wir uns nicht in den Eigennutz des Genusses, glauben wir nicht, genug getan zu haben, wenn wir für die Erhaltung unseres eigenen Lebens und für den Ueberflnß unseres Hauses gesorgt haben! Dann werden sicher auch in des Winters Zeit der .angenehmen und glücklichen Stunden viele kommen. Denn die Schöpfung ist schön zu aller Zeit, und wenn die Flur mit dem weißen Schneetuch verhüllt, die Bäume des Waldes mit Eisnadeln überzogen, die Gewässer mit Eisschollen bedeckt, und vom blauen Himmel her gießt die Sonne ihre blitzenden Strahlen darüber — wie herrlich! Oder wenn am häuslichen Herde — draußen tobt der Sturm mit Nebel und Schneeflocken — all unsere Lieben in Eintracht und Frieden versammelt sind und in geselligem Scherz oder in geistiger Unterhaltung sich des behaglichen Zusammenseins erfreuen — wie wohlig! Dann aber soll in unserem Geiste auch das Verlangen nach Wissen und Erkenntnis erwachen, daß wir uns all den Gaben des Geistes zuwenden, die vor dem Menschen ausgebreitet sind, vor allem aber dem Wort der Lehre, den Schriften der Religion, den Denkmälern unserer Geschichte und unserer großen Literatur. Da mögen wir nicht müde werden, darin zu forschen, daß das Wort der Lehre nicht weiche aus unserem Munde und aus dem Munde unserer Kinder in alle Zeit! Schemini Azcreth ist der Schlußtag des Festes, an welchem alle Männer Israels in den Tagen der Vorzeit im Tempel auf Zion erscheinen sollten. Unser aber ist das geistige Zion, das dermaleinst der Tempel der gesamten Menschheit werden soll. O, ^daß wir daselbst „nicht leer erschienen"! Das wir in unserem Geiste einen großen Schatz der Erkenntnis, in unseren Seelen Reichtum und Begeisterung für das Judentum und Gemeinsinn, in unseren Herzell Fülle der Bruderliebe, in unseren Häilden Saaten der Barmherzigkeit und Spenden für jedweden Bedürftigen nach der Gabe unseres Vermögens und nach dem Segen, der uns beschieden, dahin mitbringen möchten I Dir Woche. Berlin, 10. Oktober, ir haben schon mitgeteilt, daß zurzeit im Kriegsministerium die Aenderung in dem Wahlverfahren der Offiziere des Beurlaubtenstandes erörtert wird. Diese soll, wie übereinstimmend von verschiedenen Seiten mitgeteilt wird, darin bestehen, daß in Zukunft allein das aktive Offizierkorps die Wahl vorzunehmen hat, während zurzeit die Wahl von dem Offizierkorps des Landwehrkommandos vollzogen wird. Man verspricht sich von dieser Aenderung einen Wegfall der politischen und konfessionellen Einflüsse, die bisher zweifellos vielfach für die Nichtwahl von sonst durchaus geeigneten Offiziersaspiranten wesentlich bestimmend gewesen sind. Im Zentrum klagt man schon seit langer Zeit darüber, daß Katholiken oft nur wegen ihres religiösen Bekenntnisses die Befähigung zum Reserveoffizier abgesprochen worden ist. Dabei ist das Zentrum doch heute die eigentlich regierende Partei. Männer, die sich offen zu freisinnigen politischen Anschauungen bekennen, haben aber bei dem zurzeit bestehenden Wahlmodus, wo im Offizierkorps des Landwehrkommandos die agrarischen Rittergutsbesitzer und Oberamtinänner usw. in den meisten Kreisen die erdrückende Majorität besitzen, noch weit geringere Chancen gehabt. Juden wurden, wie die „Lib. Korr." mit Recht hervorhebt, grundsätzlich von der Beförderung ausgeschlossen, und zwar, wie in diesem Falle unwiderleglich feststeht, ausschließlich wegen ihrer Religion. Es hat sich nämlich allenthalben die merkwürdige Erscheinung gezeigt, daß Juden, denen, wie gesagt, grundsätzlich die Befähigung zum aktiven und Reserveoffizier aberkannt wird, in dem Augenblick für qualifiziert erachtet wurden, wo sie sich taufen ließen. Ob das jetzt anders wird und ob politische Parteivorurteile ausfallen werden, wenn ausschlietzlick, das aktive Ofstzierkorvs die Entscheidung zu treffen haben wird, wagen wir allerdings bei dem ausgeprägten politisch-konservativen Charakter des Offizierkorps kaum zu hoffe». Im übrigen ist es sehr interessant, daß dieselbe Frage zurzeit auch in einem anderen Lande erörtert wird, und zwar — in Rußland. Uebereinstimmend brachten russische Blätter diese Woche die folgende Notiz: „Zur Ausnahme der Juden in den Offiziersstand in Rußland. Das betreffende Projekt soll in der Batjonowichen Kommission ausgearbeitet und der höheren Instanz vorgestellt sein. Es basiert aus der Grundregel, daß für die Anfnahnie von Juden in den Offiziersstand die Einwilligung der Offiziere des betreffenden Militärbezirks notwendig ist." Am Ende kommt uns Rußland in dieser Frage noch zuvor! Das nennt man den Humor der Wellgeschichte. * Verschiedene Blätter brachten in dieser Woche die folgende Liste jetzt amtierender jüdischer Minister aller Länder: Aegypten: Finanzminister Baron von Manasse. ' Argentinien: Justizminister Federico Pinedo. Finanzniinister Norberto Pinera. Australien: Minister des Innern Isaak Isaaks. Brasilien: Ackerbauminister Juan Pereira. Canada: Kriegsminister Louis de Torres. China: Zollminister Levi Hart. Dänemark: Zoll- und Steuerminister Levy. Frankreich: Unterstaatssekretär des Innern Herbert Samuel. Holland: Justizminister G. van der Raalte. Marineminister T. Cohen. Minister ohne Portefeuille Tobias Aster.

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