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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-12 · Heft 41 (12.10.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang. No. 41. Allgemeine Berlin, 12. Oktober 1906. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsst llen) bezogen vierte Ijährl.. 3 ITl. Re da kterrr: Gustav Aarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Epilog der Mir. Berlin, 10. Oktober, m^it den beiden nächsten Tagen gelangen wir zum Schluß aller Feste des Jahres. Die heiligen Tage, mit welchen das Gesetz wie mit goldenen Fäden das ganze Jahr durchsponnen hat, sind nun zu Ende. Insbesondere aber die Feste des siebenten Monats, welche auf dem Gebiete unserer Religion so bedeutsam hervortreten, unerschöpfliche Quellen des Heils, wenn wir aus ihnen zu schöpfen verstehen. Es tritt nun zunächst die gewichtige Frage an uns heran : Haben wir die verflossenen Tage so genützt und verwendet, wie die Religion sie bestimmt und eingesetzt hat? Sind wir mit Ernst daran gegangen, uns selbst zu prüfen und zu erkennen, in die geheimen Falten unserer Seele eiuzudringen und all die Mängel und Fehler, all die Lücken und Auswüchse zu erkennen, die noch an unserem ganzen geistigen Wesen haften? Haben wir uns auch den Weg klar gemacht, den wir gegangen und den wir nun einzuschlagen haben? Haben wir in den Tagen der Buße die Versöhnung mit unseren Nebenmenschen angestrebt, daß wir die Beleidigungen gesühnt, die Schäden gut gemacht, die wir ihnen zugefügt? Oder hat unser Stolz und Eigennutz uns davon zurückgehalten? Wie verbrachten wir vor allem jenen erhabenen Tag der Selbsteinkehr? Dies sind die Fragen, die das Schlußfest an uns richtet. Wie sollen wir sie beantworten? O gewiß, auch hierin ist das Menschenwerk nur Bruchstück; zu schwach ist unser Geist, um uns lange auf der Höhe zu erhalten, auf welche die Religion uns gestellt; wir sind viel zu zerstreut im Getriebe des modernen Lebens, um nicht im schnellen Wechsel der Empfindungen bald Anderem, Unziemlichem wieder Raum zu geben; zu stark ist unsere Selbstsucht, um den Gedanken der Demütigung nicht allzu rasch wieder zu verdrängen. So bleiben wir immer zurück hinter dem, was unsere höchste Aufgabe ist und verschieben leichtsinnig auf die Zukunft, was die Gegenwart doch so dringend und so stürmisch von uns fordert. Aber wenn auch nur ein Samenkorn aus der Fülle der Saat, die die Religion Israels mit reicher Hand über die Feste des Herbstes ausgestreut, in unser Herz an jenen Tagen gefallen und daselbst Keim und Sproß getrieben hätte, so wäre des Segens kein Ende! Wenn wir in diesen Tagen zum Bewußtsein gelangt wären, das begonnene Werk der Selbsterkenntnis, der Versöhnung und Besserung auch in all den Tagen, die nun kommen werden, fortzusetzen, so wäre die Zukunft des Judentums gesichert. Denn was die Religion durch jene Feste wecken und fördern will, soll ja das Werk unseres ganzen Lehens sein. „Kehre zurück einen Tag vor deinem Tode!" rufen unsere Weisen uns zu. Du kennst diesen Tag nicht, er kann morgen oder übermorgen eintreten — nun so mußt du eben heute und morgen deshalb umkehren! Wir wissen sehr wohl, daß dies gerade keine modernen Gedanken sind, daß das Wort Umkehr oder Rückkehr für den Menschen der Gegenwart etwas Unangenehmes, Peinliches hat. Aber, wir wissen auch sehr genau, daß es keine Hilfe und keine Besserung für uns gibt, solange wir uns nicht mit diesem Gedanken der Umkehr vertraut machen. Denn Umkehr bedeutet für uns nicht etwa Rückschritt. Auf die Grundgedanken der Religion Israels zurückzukehren, heißt unter den gegenwärtigen Verhältnissen geradezu fortschreiten. Während nun aber diese Grundgedanken unseres Bekenntnisses immer mehr ansangen, Gemeingut der Menschheit zu werden, während die erhabenen Ideen, von welchen unsere Lehre erfüllt ist, immer weitere Kreise ziehen, entfernt sich gerade Israel, der Träger dieser Lehre und jener Ideen, von Tag zu Tag immer mehr von jener erhabenen Weltanschauung, die berufen und auserkoren ist, das letzte Wort in den religiösen Fragen der Menschheit zu sprechen. Das ist ein trauriges Schauspiel. Jeder, der es ernst meint mit seinem Hause und mit seinen Kindern, jeder, der sich noch einen Funken von Pietät bewahrt hat für Eltern und Ahnen, deren Gedächtnis wir morgen feiern werden, jeder, dem es nicht gleichgültig ist, ob das Judentum, dem er angehört, fortbestehen soll mitten unter den Bildungen der neuen Zeit bis zu den letzten großen Kämpfen der Religionen und Weltanschauungen, sollte mit aller Kraft dahin streben, sein Haus und seine Gemeinde in dem Gedanken des Judentums und in der Begeisterung für dieses zu stärken, zu kräftigen und zu erheben. Und jeder von uns sollte mit allem Eifer die Institutionen fördern und unterstützen, die den Bestand des Judentums sichern, die seiner Wissenschaft, seinen wohltätigen Anstalten, seinen gemeinnützigen Bestrebungen in irgendeiner Weise dienen. So sei dies der Vorsatz, mit dem wir aus der Reihe der Feste in die lange Reihe der Werktage des Jahres hinaustreten. Fern sei es von uns, als ob die Pflichten gegen das religiöse Leben nun abgetan wären und wir uns jetzt frei aller Verbindlichkeit nur dem weltlichen Leben überlassen können — die Einrichtungen der Religion sind dazu gegeben, daß von ihnen aus Weihe, Pflichttreue, Heiligung über das ganze Leben strömen, dieses von jenen in all seinen Momenten durchdrungen werde. Nur wenn wir diesen Gedanken stets vor Augen und im Herzen haben, wenn wir den Willen zur Umkehr aufrichtig betätigen, wenn wir nichts denken, reden und tun, was dem zuwiderlaufe, wenn all unser Wesen und

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