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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-05 · Heft 40 (5.10.1906) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 40 (5.10.1906)
Date
1906-10-05
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 berechtigung, angestellt worden. In den meisten Gemeinden Preußens, mit Ausnahme der wenigen Grobgemeinden, können Rabbiner, Kantor und Lehrer wie einfaches Dienstpersonal, ob alt oder jung, tauglich oder untauglich-, von ihrer Vorgesetzten Behörde, das sind die Parnassim, entlassen werden, um besonders bei vorgerücktem Alter mit. ihrer Familie oft in Not und Sorge um den Lebensunterhalt zu geraten. — Am 9. d. M. tagte in Allenstein unter Leitung des stellvertretenden Obervorstehers Herrn H. Daniel der seit 46 Jahren bestehende „Ermländische Aussteuerverein" (Hachnassat Kalla), dem zehn Gemeinden angehörenunter reger Beteiligung der Ortsvorsteher einer jeden Gemeinde und zahlreicher Mitglieder. Aus den Verhandlungen und dem Gebet für die verstorbenen Mitglieder, die sich um den Verein besonders verdient gemacht haben, das Herr Kantor Karo mit kräftiger, wohlklingender Stimme vortrug, ging hervor, wie einst in unserer Provinz sich Wohltätigkeit mit wahrer Frömmigkeit paarte, und mit Betrübnis mußte man feststellen, daß verschiedene ermländische Gemeinden ihre Lebensfähigkeit verlieren und nach und nach eingehen. Nur der treuen Fürsorge der Väter ist es zu verdanken, daß trotzdem der kleine Rest es sich angelegen sein läßt, die weitere Existenz des Aussteuervereins zu ermöglichen. Das Kapital, desselben beträgt 10 000 bis 11000 Mark, die Mitgliederzahl 130. Wiederum wurden zwei arme Jungfrauen mit einer Beihilfe zur Aussteuer von je 300 Mark bedacht. Dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn Rechtsanwalt Schey, der Ende dieses Monats Allenstein verläßt, und der sich allen Ovationen entzogen hatte, wurde in Anerkennung seiner langjährigen, mit größter Hingebung ausgeübten Tätigkeit eine Dankadresse zugestellt. e. Bromberg, 1. Oktober. Der Gerichtshof des Schwurgerichts fällte nach der „Ostd. Rundschau" die folgende Entscheidung: Die beiden jüdischen Geschworenen der gegenwärtigen Schwurgerichtszeit hatten den Antrag gestellt, sie von der Teilnahme an der Freitag- Sitzung zu entbinden, da am Freitag nachmittag ein hoher jüdischer Feiertag, das Versöhnungsfest, beginne. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hatte gegen die Beurlaubung der Antragsteller nichts einzuwenden, der Gerichtshof beschloß aber nach längerer Beratung, die Gesuche abzulehnen. Er folgte dabei, wie der Vorsitzende ausführte, einem beim Bromberger Landgericht stets geübten Brauch, der auch bereits von allen bis zu den höchstgerichtlichen Stellen gebilligt worden sei. Da die Herbst-Schwurgerichtszeiten in der Regel in den September fielen, in diesem Monat aber mehrere jüdische Feiertage stattfänden, so könnten sich bei einer größeren Anzahl von jüdischen Geschworenen leicht Erschwernisse ergeben, wenn solchen Gesuchen stattgegeben würde. Sie müßten daher, wie auch das Posener Oberlandesgericht entschieden habe, grundsätzlich abgelehnt werden. r. Königshütte, 21. September. Die diesjährige Delegiertenversammlung des Verbandes der jüdischen Literaturvereine Oberschlesiens fand hier in den freundlichst zur Verfügung gestellten Räumen der Michael Sachs-Loge statt. Vertreten waren die. Vereine Beuthen durch die Herren Dr. Galliner und Lesser, Kattowitz durch die Herren Dr. Braunschweiger, Dr. Glogauer und Willner, Kosel durch Herrn Krolik, Myslowitz durch Herrn Rabbiner Dr. Norden, Nicolai durch Herrn Berger, Ratibor durch Herrn Rabbiner Dr. Dienemann und Groß-Strehlitz durch Herrn Steiner. Als Gäste waren anwesend die Herren Rabbiner Dr. Goldschmidt- Königshütte und Dr. med. Kaiser als Vertreter des Gemeindekollegiums und der Michael Sachs-Loge. Der Vorsitzende Dr. Braunschweiger eröffnet die Tagung und erstattet nach Begrüßung der Delegierten und der Gäste den Jahres- und Kassenbericht. Der Vorsitzende weist besonders auf die Schwierigkeiten hin, an der Ostgrenze des Reiches von auswärts Redner zu erhalten, da trotz des Zusammenschlusses in den Verband und Veranstaltung von Tourneen die Kostenpunkte für die meisten Vereine zu hohe seien. Besonders auch aus diesem Grunde wurde im verflossenen Verbandsjahre mehr auf in der Provinz selbst heimische Redner rekurriert, und es haben sich in dankenswerter Weise mehrere Herren bereit gefunden, nur gegen Erstattung persönlicher Auslagen in den Verbandsvereinen zu sprechen. Diese schon seit mehreren Jahren trefflich bewährte Einrichtung soll auch im kommenden Verbandsjahr beibehalten werden und wird den einzelnen Vereinen empfohlen, von derselben wenn möglich noch mehr als bisher Gebrauch zu machen. Neu gegründet wurden unter der Aegide des Verbands die Vereine in Nikolai und Kosel, neu angeschlossen hat sich der Verein in Tarnowitz, so daß der Verband elf Vereine umschließt. Leider fehlt es in mehreren-,- auch größeren Gemeinden Oberschlesiens noch immer-an solchen Vereinen- Der Kassenbericht schließt mit einem Ueberschuß von 175,40 Mark ab. An den Bericht des Vorsitzenden schließt sich eine eingehende, anregende Debatte an, in der besonders das Verhältnis der Einzelvereine zum Verband und des Provinzialverbands zum allgemeinen deutschen Verband jüdischer Literaturvereine besprochen wurde, sowie im allgemeinen die Beziehungen zwischen Literaturvereinen und ähnlichen Organisationen, die verwandte Ziele im Auge haben, wie Logen u. a. Zu erstreben sei stets ein freundschaftliches Verhältnis und womöglich ein gemeinsames Arbeiten auf dem Gebiete der Vortragstätigkeit. Es wurde hierauf die nächste Vortragssaison beraten und hierbei angeregt, auch die Palästinakunde in den Bereich der Vorträge zu ziehen und das Augenmerk darauf zu richten, daß neben Vorträgen auch besondere Abende für Referate über Neuerscheinungen und Diskussionsabende veranstaltet werden. Auch sei es eine hochwichtige Aufgabe, stets nach Mitteln zu suchen, wie die Jugend in erhöhtem Maße zu den Bestrebungen der Literaturvereine heranzuziehen sei. Einzelne der anwesenden Herren schildern die in ihren Vereinen gemachten günstigen Erfahrungen auf den angeregten Gebieten. Den Einzelvereinen wird außerdem empfohlen, der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" beizutreten, deren Publikationen auch für Vereinsbibliotheken wertvoll seien, Hierauf wurden in eingehender Beratung die von der Kommission vorgelegten neuen Verbandssatzungen mit mehreren Abänderungen und Ergänzungen angenommen. Nach erteilter Decharge wurden die "Herren Dr. Braunschweiger und Dr. Glogauer (Kattowitz) als Vorsitzende wiedergewählt. Der Ort der nächsten Tagung ist Kosel. n. Parchim i.M., 28. September. Am Freitag, den 21. d. M. verschied nach langem Leiden eines der angesehensten Mitglieder hiesiger Gemeinde, der Rentner Herr Moritz Weil, im 68. Lebensjahre. Seit einer Reihe von Jahren Vorstandsmitglied der hiesigen jüdischen Gemeinde, hat er mit großer Hingebung seines Amtes gewaltet. Den Hilfsbedürftigen stets ein Wohltäter, hat er auch an allgemeinnützige Werke den regsten Anteil genommen und die Achtung seiner Mitbürger in hohem Maße sich erworben. Sein Andenken wird stets in Ehren gehalten werden. x. Bochum, 25. September. Wie die „Wests. Volkszeitung" unlängst berichtete, reizten antisemitische Gelüste den Schuhmachermeister Weber von Herten und dessen Freunde, die ihnen unbekannte Frau Markus in Recklmgshausen vor deren Laden zu necken. Als diese sich ein solches Verhalten verbat und ihre Söhne herbeirief, sprang Weber vor dem Hause herum. Eine große Menge Volkes sammelte sich. Es erscholl der Ruf: „Die Juden müssen über den Jordan nach Sibirien." Das Schöffengericht Recklingshausen verurteilte Weber wegen groben Unfugs zu 6 Mark Geldstrafe. Gegen oas Urteil legte Weber Berufung ein. Die Strafkammer Bochum bestätigte nicht mur das Urteil, sondern erhöhte das Strafmaß auf 20 Mark. --- Frankfurt a. M., 2. Oktober. In der „Frankfurter Zeitung" vom 16. August v. I. erschien ein Artikel über die Verhandlung gegen den Grafen Pückler-Klein-Tschirne wegen Nötigung und Beleidigung vor der Glogauer Strafkammer. Wegen dieses Artikels war Anklage erhoben gegen den verantwortlichen Redakteur des genannten Blattes, Albert Büching, wegen Beleidigung des Glogauer Gerichts. In der Verhandlung am Mittwoch zu Frankfurt a. M. bestritt der Angeklagte, daß der Artikel den daraus hergeleiteten Vorwurf der Parteilichkeit gegen die Richter enthalte. Das Gericht hielt aber die Beleidigung für vorliegend und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 100 Mark. Es handelte sich um den Bericht, der eine allzu respektvolle, von der sonst Angeklagten zuteil werdenden erheblich abweichende Behandlung des angeklagten Dreschgrasen behauptete. R. Königstein i. Tamms, 22. September. Am 13. d. M. fand die Einweihung unserer Synagoge statt. Sie begann mit dem Abschiedsgottesdienst in Falkenstein, woselbst bisher die Synagoge bestand. Unter feierlichem Zeremoniell wurden die Gesetzesrollen aus dem Schrein der alten Synagoge entnommen und in einem Festzuge

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