Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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korrelponÄkn?kn und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 1. Oktober. In der Nacht des Versöhnungstages ist einer der besten und bravsten Männer unserer Gemeinde, der Rentier Josef Fränkel, im 79. Lebensjahre feines reichgesegneten Erdenwallens zu ewigem Leben eingegangen. Ein geborener Oberjchlesier kam Fränkel in den fünfziger Jahren hierher und brachte es durch unermüdlichen Fleiß, durch strenge Rechtlichkeit und Solidität bald zur Geltung in dem Kreise, den seine Tätigkeit aussüllte. Seine Baufirma Wardeine der ersten in der Stadt und genoß hohes Ansehen in Fachkreisen. An den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde und des Gesamtjudentums nahm Fränkel von " jeher den regsten und wärmsten Anteil. Er gehörte dem Repräsentantenkollegium seit vielen Jahren an. Hier vertrat er die konservativen Interessen mit großem Eifer, ohne deshalb gegen die fortschrittliche Richtung innerhalb der Gemeinde jemals ungerecht oder unbillig zu werden. Besonderes Interesse widmete er als Fachmann den baulichen Angelegenheiten der Gemeindeverwaltung und sein Rat hat bei den Synagogenbauten des letzten Jahrzehnts stets großen Nutzen geleistet. Seit Eröffnung des Gotteshauses in der Lützowstraße war er daselbst Synagogenvorsteher und noch am letzten Neujahrsfest waltete er dort seines Amtes mit voller Hingebung. An der Begründung des Lehrlingsheims in Pankow hatte Fränkel hervorragenden Anteil, und dieser Anstalt galt stets seine warme Fürsorge. Auch vielen anderen gemeinnützigen und wohltätigen Vereinen gehörte er seit Jahrzehnten als Vorsteher oder als Vorstandsmitglied an. Sie alle werden an seiner Bahre mit Dank anerkennen, was sie seinem Rat und seiner Tatkraft zu danken haben. Maurermeister Fränkel war eine populäre Persönlichkeit in der jüdischen Gemeinde, und er verdiente diese Popularität, die seinen Namen noch lange in Ehren erhalten wird. Denn das Andenken des Gerechten bleibt ein Segen für die kommenden Geschlechter. A. Berlin, im September. Mit Befriedigung kann der Israelitische Fortbildungsverein „Montefiore" auf das eben abgelaufene Sommersemester zurückblicken. Die abgehaltenen Schiurim, welche unter der bewährten Leitung der Dozenten des Vereins, der Herren Dr. Biberfeld (Mischnah: Traktat Schabboth) und Dr. Wohlgemuth (Hiob) stattfanden, erfreuten sich der regsten Anteilnahme seitens der Mitglieder. In dankenswerter Weise stellten sich dem Verein zur Abhaltung'von Vorträgen zur Verfügung die Herren: Edmund Levy (Die Bedeutung der jüdischen Pflichtenlehre), Jacob Möller (Judentum und Christentum), Gustav Hildesheimer (Rembrandt und die Juden). Den Ausführungen der Vortragenden folgten die stets zahlreich erschienenen Zuhörer mit großem Interesse und gaben ihrem Dank durch lebhaften Beifall beredten Ausdruck. Der im Juni stattgefundene Familienausflug nach Schloß Wannsee lieferte durch Beteiligung von über 300 Personen von neuem den Beweis, daß der Verein sich in den weitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung Berlins der wärmsten Sympathie erfreut. Auch für das Wintersemester haben wieder die Herren Dr. Munk, Dr. Biberfeld, Dr. Wohlgemuth und Dr. Winter ihre Lehrkraft dem Verein 'zur Verfügung gestellt, und wird der Lehrplan, der. nach den Feiertagen in Kraft tritt, noch genau bekannt gegeben werden. Außerdem sind auch wieder Vorträge, teilweise mit Diskussion, in Aussicht genommen. Andererseits plant auch die Geselligkeitskommission verschiedene Veranstaltungen, so daß auch für den Winter eine allseitig zufriedenstellende Vereinstätigkeit erwartet werden kann. $ Berlin. 2. Oktober. Seit bereits 15 Jahren besteht in Pankow bei Berlin die unter dem Namen „Lehrlingsheim" bekannte Knaben-Erziehungsanstalt, deren Leitung seit ihrer Begründung in den bewährten Händen des Direktors Herrn Max Wilinski liegt. Die in weiten Kreisen bekannt gewordenen Erziehungserfolge dieser Anstalt hatten zur Folge, daß viele Rabbiner und Vorsteher auswärtiger Gemeinden, insbesondere aus Rußland, sich wiederholt an den Leiter mit Gesuchen wandten, erziehungsbedürftige Knaben gegen Entgelt in der Anstalt aufzunehmen. Da aber das „Lehrlingsheim Pankow" nur humanitäre Zwecke verfolgt, d. h. ausschließlich für arme Kinder bestimmt ist, konnten die vielen Gesuche naturgemäß keine Berücksichtigung finden. Auf vieles Zureden seitens hervorragender Mitglieder der jüdischen Gemeinde hat Herr Direktor Wilinski sich nunmehr entschlossen, eine Erziehungsanstalt für Söhne begüterter Eltern zu gründen, die, mit Nachhilfe und Vorbereitung verbunden, am 1. Januar 1907 in einer eigenen, von einem großen Garten umgebenen Villa in Pankow eröffnet werden wird. Das Unternehmen darf besonders im Interesse unserer russischen Glaubensgenossen, die ihre schulpflichtigen Kinder in sicherer Obhut und in echt jüdischem Geiste erzogen wissen möchten, mit Freuden begrüßt werden und verdient die größte Förderung. Etwaige Anmeldungen werden von Herrn Direktor Wilinski (Pankow, Mühlenstraße 20) schon jetzt entgegengenommen. 8. Berlin, 2. Oktober. An die Lösung der Frauenfrage von pädagogischer Seite heranzutreten, unternimmt die „Franenschule", die im Anschluß an das Töchterpensionat von Dora Simonsohn, Berlin W., Meineckestraße 8 und 9, jedoch räumlich davon getrennt, im Oktober dieses Jahres eröffnet werden soll. Sie soll geistig reifen und wissenschaftlich fortgebildeten jungen Mädchen für alle Aufgaben des praktischen Lebens direkte Vorbereitung bieten. Demgemäß ist der Lehrplan systematisch angeordnet. Vor allem ist den Aufgaben der Mutter und Hausfrau Rechnung getragen, deren Fürsorge das Glück des Hauses, die Erhaltung seines Wohlstands, die Erziehung der Jugend anvertraut ist. Diese großen, für Staat und Gesellschaft so wichtigen Aufgaben, legen der Frau eine gleiche Verantwortlichkeit auf, wie sie irgendein Beruf im öffentlichen Leben zu tragen hat, so daß methodische Anleitung zur Selbsttätigkeit einmal das Gefühl dieser Verantwortung zu heben und sodann oen Gesichtskreis der künftigen Mutter und Hausfrau zu erweitern und zu klären geeignet sein muß. Solche, mit der wissenschaftlichen Ausbildung verbundene Praxis, die das Bewußtsein von Pflicht und Recht in der Frau lebendig erhält, bedingt erst die harmonische Ausbildung der einzelnen Persönlichkeit. Interne Zöglinge des Pensionats können ebenso wie Externe an den Kursen der „Frauenschule" teilnehmen. Die praktischen Kurse umfassen Haushaltungskunde im weitesten Umfange: Kochen, Schneidern, praktische und kunstgewerbliche Handarbeiten, Frisieren, alles unter Leitung einer Industrie- und Haushaltungslehrerin. Daran schließen sich die theoretischen Kurse von Fachleuten, in denen, dem Verständnis der Zöglinge angepaßt, allgemeine Fragen des Rechts und der Volkswirtschaft, sowie der Pädagogik und der Psychologie erörtert werden. Ferner bietet das Institut Vorträge über Literatur und Kunstgeschichte, Unterricht in den modernen Sprachen, in Fragen der Hygiene, der Kindergartenlehre (nach Fröbel). Auch ein Samariterkursus mit praktischer Anweisung zur Ausübung der Krankenpflege, vornehmlich der Kinderpflege, ist eingerichtet, dazu tritt noch ein Kursus, der Handelswissenschaften, Buchführung, Handelskorrespondenz und Stenographie umfaßt. Alle theoretischen Kurse sind in bewußter Weise so eingerichtet, daß der überlieferte Stoff stets der Aufnahmefähigkeit der Hörerinnen voll entspricht, damit als Wirkung bei ihnen eignes Denken sich auslöse, dem in irgendeiner Art fruchtbringendes Tun entspringen muß. 0. Aus Ostpreußen, im September. Eine Altersversorgungsanstalt für die Provinz Ostpreußen in Allenstein ist hier ins Leben gerufen worden und wird demnächst eröffnet werden. — Von der Fürs orge der Gemeinde Allenstein für ihre Gemeindebeamten legt eine Tatsache Zeugnis ab, die leider noch zu den Seltenheiten gehört. Vor einiger Zeit sind sowohl der Rabbiner als auch der Kantor der dortigen Gemeinde lebenslänglich, natürlich mitPensions- 70. Jahrgang. No. 40. Berlin’ 5‘ °ktober 19ü6' Beilage zur „Allgemeinen Rettung deß Judentums".