Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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480 leuchtete und ihr unheimliches Licht auf die niedrige Wölbung des Felsens fallen ließ. Um diesen Tisch hatten sich die Marannen, in der Reihenfolge, in der sie angekommen waren, schweigend gruppiert. Zwei von ihnen hielten sich am Eingänge der Höhle; jedesmal, wenn ein neu Angekommener eintreten wollte, setzten ihm beide gleichzeitig ein Schwert an die Kehle; der so Bedrohte mußte dann, ohne ein Zeichen des Schreckens zu verraten, ruhig und leise das Losungswort „Io ammi" geben; wo nicht, war er ein Verräter und mußte sterben. Indessen fand sich eine gewisie Anzahl von Marannen in der Höhle vereinigt; hier begegneten sich nicht nur Fernando und Diegos Freunde, sondern auch andere ihrer Glaubensgenossen, die in verschiedenen Städten Arragoniens zerstreut wohnten, hatten die Umstände benutzt, um sich in Saragossa zu sehen und sich dann in den „Ruinen" mit ihnen zum Gebete zu versammeln. Da waren Adelige, Bürger, Männer aus dem Volke, Handwerker, Mönche, auch einige Diener der Inquisition. Sie unterhielten sich mit leiser Stimme. Es war schon lange her seit der letzten Versammlung. Viele, die in derselben anwesend waren, fehlten heute. Die einen hatten Spanien verlassen, sie waren die Glücklichsten; andere hatten nicht zu kommen gewagt; andere waren gestorben, andere waren in die Hände der Inquisition gefallen und als Märtyrer für ihren Glauben umgekommen; manche schmachteten in den Gefängnissen, ihr Los war Folter und Scheiterhaufen. In diesem Augenblicke wandten sich aller Augen nach dem Eingang der Höhle; Bruder Enriquez trat soeben ein. Er näherte sich langsam der Gruppe, begrüßte die Anwesenden durch ein stummes Zeichen und alle scharten sich um ihn mit einer gewissen Ergebenheit. Enriquez hatte sein Kreuz abgelegt, er entfernte einen Stein unter dem Tische und holte ein Gebetbuch und ein weißwollenes Tuch hervor; die andern Marannen nahmen ebensolche Bücher aus verschiedenen Verstecken, während zwei von ihnen einen Stein von der Felswand herabgleiten ließen, hinter welchem nun eine Nische zum Vorschein kam, die zur Aufbewahrung der heiligen Gesetzrollen diente. Enriquez hüllte sich in das weiße Tuch und sagte mit ernster tiefbewegter Stimme zu den Umstehenden: „Meine Brüder, laßt uns beten." Und er begann leise, aber feierlich und inbrünstig, das Abendgebet anzustimmeu. Die Versammlung antwortete in derselben Weise. Es war ein fremdartiges, feierliches und ergreifendes Schauspiel, diese betenden Männer mit den bleichen, ernsten Gestalten, abgeschieden von aller Welt, zu erblicken, rings umgeben von Geheimnis und Finsternis, Gefahr und Todesfeindschaft. Das drohende Gewölbe, das sich über ihnen befand, war gleichsain ein treues Bild der Gefahren, die ohne Unterlaß über ihren Häuptern schwebten; aber wie ihre Gebete trotz der Felsen zum Himmel emporstiegen, so glänzte die Reinheit ihres Glaubens vor dem Herrn, sogar unter den äußeren Zeremonien eines andern Kultus, der in ihren Augen als Götzendienst erscheinen mußte. Jetzt beugten sie sich unter der Hand des Höchsten, die schwer auf ihnen lastete; aber ihre Kraft wurde durch die Größe der Opfer, die sie brachten, merkwürdig gestählt; sie fühlten ihre Größe , in den schrecklichen Gefahren, denen sie mutig die Stirn boten, um noch einmal die Vorschriften ihres wahren Glaubens zu erfüllen; und sie waren stolz darauf mitten im Elend, sie, die wenigen Unglücklichen, trotz der Martern und Verfolgungen, Gott nach seinen Geboten zu verehren, mit Verachtung der Scheiterhaufen ihrer unzähligen, allmächtigen fanatischen Feinde, die unversöhnlich waren in der Verfolgung, ohne Erbarmen bei der blutigen Strafe. Als das Gebet zu Ende war, nahm der Mönch das Tuch ab, wandte sich um, bedeutete die Anwesenden durch ein Zeichen, daß er sie sprechen wolle. Alle schärten sich schweigend um ihn, und Enriquez redete sie halblaut folgendermaßen an: „Brüder, ich habe Euch hierherkommen lassen, um noch einmal das hohe, aber allzu gefährliche Glück zu genießen, Gott in Gemeinschaft mit Euch nach dem heiligen Gesetze anzubeten; aber ich wollte Euch auch von unserer jetzigen Lage in Kenntnis setzen. Beherzigt diese Wahrheit: Niemals waren unsere Gefahren größer, als sie jetzt zu werden drohen! Ihr seht, Brüder, es gilt, die Vorsicht zu verdoppeln und Eure Gedanken und Hoffnungen an der tiefsten Stelle des Herzens zu verbergen; unterwerfet Euch dem unabänderlichen Geschick; wer abreisen kann, tue es bald, aber nur mit der größten Umsicht. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sein Volk niemals vollständig verlassen hat, wird über Euch wachen. Was meine Person angeht, ich werde keinem von Euch nützlich sein können, zählt auf mich nicht mehr! Wer weiß, ich werde vielleicht selber überwacht. Niemals hat mir der Inquisitor solche Blicke zugeworfen, als bei der letzten Unterredung. Uebrigens, ich werde auch abreisen; meine Flucht ist vorbereitet. Ich warte nur darauf, daß unser FrSund Diego mit seinen Kindern Spanien wird verlassen haben, um sie zu beschützen, wenn das Unglück sie bis dahin treffen sollte. Enthaltet Euch also von jetzt ab auch im Verborgenen der geringsten Handlung, die Euren Glauben verraten könnte; Gott wird Euch verzeihen, er, der die Herzen läutert! Aber überliefert Euren Kindern treu den Glaubensschatz der wahren Religion, damit am Tage der Befreiung, der früher oder später eintreten wird, Israel all die Seinen wiederfindet, und nicht den Verlust seiner Kinder, die zerstreut wurden, inmitten der Nationen zu beklagen hat." „Enriquez", antwortete einer der Umstehenden, Francesco d'Ariza de Teruel, „Ihr seid unser Freund, ich könnte fast sagen, unser aller Vater, und Ihr habt uns Eure Ratschläge sicher in unserem eigenen Interesse erteilt. Aber ist die Unterwerfung immer das beste Mittel der Gefahr zu entgehen? Glaubet mir, wenn wir uns gegen die Inquisition verschwören wollten, wir würden nicht die einzigen bleiben. Ich habe die Festlichkeiten in Saragossa im Hause des Herrn Eil de Mesa, eines meiner Freunde, verlebt. Nun wohl, auch dort hat man sich vereinigt, um im Geheimen Rat zu pflegen. Die Arragonier haben die Kastilianer nie geliebt, die ihnen die Inquisition beschert haben. Nun wißt Ihr aber, daß Antonio Perez in Saragossa ist . . ." „Antonio Perez?" ließen sich einige fragende Stimmen vernehmen. „Ja, ja, Antonio Perez," sagte der Mönch seinerseits, sich zu den Fragenden wendend, „der frühere Minister des Königs Philipp II. Ich glaube wohl, daß Ihr das vergessen habt; er befindet sich bereits zwölf Jahre im Gefängnis. Der König läßt ihn anklagen, weil er den Staatssekretär Escovedo ermordet haben soll, und doch war er nur das Werkzeug des Königs selber; aber der Unglückliche büßt eine andere Schuld, die Philipp ihm nicht verzeiht." <Fortsetzung folgt. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin..