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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-18 · Heft 39 (18.9.1906) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 39 (18.9.1906)
Date
1906-09-18
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
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468 gewährte einen traurigen und zugleich ergreifenden Anblick. Die ernsten und feierlichen Augenblicke waren in wunderbarer Weise dazu geeignet,, den Anwesenden den ganzen Schrecken ihrer Lage zurückznrufen. Alle diese Männer, die gewohnt waren unter tausend hinterlistigen Feinden zu leben, die jeden Augenblick Gut und Blut aufs Spiel zu setzen bereit waren, standen bleich und tief erregt da; sie drückten der Reihe nach Juanita und Fernando schweigend zum Zeichen des Glückwunsches die Hand; Diego allein umarmte seine Tochter und hielt sie lange innig umschlungen. Eine Viertelstunde später war alles im Hause Diegos wieder ruhig wie zuvor. Bruder Enriquez hatte durch eine verborgene Hintertür das Freie erreicht. Als Mönch und besonders als Mitglied der Inquisition konnte er sich jederzeit an jedem Orte zeigen, ohne daß seine Anwesenheit Aufsehen erregte. .Aber während Diego die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln gegen die Unternehmungen seiner furchtbaren Feinde traf, schwebte schon eine neue Gefahr über ihm und den Seinigen, nämlich die Rache des Grafen von Ramira. Der letztere schmeichelte sich, daß es noch immer in seiner Macht läge, die so sehr erstrebte Verbindung seines Sohnes Alonzo mit Juanita, die den zerrütteten Vermögensverhältnissen seines Hanfes unter die Arme greifen sollte, trotz aller Hindernisse herbeizuführen. Er glaubte um so mehr darauf rechnen zu können, als Diego mit keinem Worte die Gerüchte, nach welchen er seine Tochter mit Fernando verheiraten sollte, bekräftigt hatte. Aber die Ursachen, aus welchen Diego geschwiegen hatte, existierten nicht mehr, als er erst die Versicherung hatte, daß im Geheimen die Ehe der jungen Leute nach den Vorschriften seiner wahren Religion würde vollzogen werden können. Deshalb hatte er auch nach der Ankunft seiner Freunde in Saragossa öffentlich von der bevorstehenden Verbindung Fernando und Juanitas gesprochen und die Hochzeit sollte bald nach Beendigung der öffentlichen Festlichkeiten stattfinden. Bei dieser Nachricht war der Zorn des Grasen von Ramira ohne Grenzen; alle Wunden seines schwer gekränkten Stolzes öffneten sich von neuem, und er beschloß die Beleidigung, die man seinem Namen, auf den er als echter Spanier ungemein stolz war, angetan hatte, blutig zu rächen. Aber die Habsucht des Grafen war noch bedeutend größer, als sein Stolz, und die Not, die ihn bedrängte, zwang ihn mit aller Kraft nach einem Mittel zu suchen, welches zu gleicher Zeit seine Rachsucht und Geldgier zu befriedigen imstande war. Eine Denunziation Diegos bei der Inquisition war nicht der Weg. zu diesem doppelten Ziele zu gelangen; das heilige Offizium besaß das privilegierte Recht, die Güter der Ketzerin seinem eigenen Interesse zu konfiszieren; übrigens begnügte sich der furchtbare Gerichtshof nicht damit, ein einziges Familienglied dem Tode zu weihen, die Kinder teilten fast immer das unglückliche Los ihrer Eltern, und Juanita wäre in Diegos Sturz verwickelt worden. Außerdem war der Graf, wie viele arragonische Edelleute, ein unversöhnlicher Feind der Inquisition: die Einführung dieses Gerichtshofes, seine Prozeßordnung, seine Gütereinziehungen, waren offenbar Verletzungen der Rechte, die der Provinz durch ihre alte Verfaffung zugesichert waren. Der Graf dachte daher keinen Augenblick an eine derartige Rache; aber die Gardunja war ja noch da, die ihre Dienste einem jeden, der fie bezahlen konnte, gern zu verkaufen erbötig war. Anfangs wollte er Fernando durch den Dolch der Strauchräuber fallen'lassen; diese Tat hätte zwar die beabsichtigte Ehe verhindert, aber der Vater hätte trotzdem noch bei seiner Weigerung verharren können; es galt also erst den Widerstand zu brechen, Diego mußte zuerst fallen. War dieses Hindernis beseitigt, so besaß der Graf Einfluß genug, um durch Geschicklichkeit und Jntriguen das gewünschte Ziel schnell zu erreichen. Indessen waren die Festlichkeiten in Saragossa zu Ende gegangen und die zahlreichen Provinzialen, die sich dazu eingefunden hatten, begannen, in ihre Heimat zurückzukehren. Alle Landstraßen und Wege in der Nähe der Stadt waren mit heimkehrenden Reisenden bedeckt, die sich zur Sicherheit gegen die Ueberfälle von Räubern und Dieben zu größeren Karawanen vereinigt hatten. Eines Abends waren auch Diegos Freunde abgereist und Fernando hatte ihnen bis vor die Stadt das Geleit gegeben; wie die andern Reisenden schlugen sie die Richtung ein, in der sie nach ihren Wohnorten gelangen mußten. Aber wer sie aufmerksamer beobachtete, würde bemerkt haben, wie sie zu je zwei bis drei nach und nach die geebneten Wege verließen und sich in den niedrigen Gebüschen, die die steilen Bergabhänge bedeckten, zu verbergen suchten. So zerstreuten sie sich allmählich, die einen nach rechts, die andern nach links, und schienen eifrig ihren Weg fortzusetzen. Aber als die dunkle, schweigende Nacht gekommen war, fanden sie sich in der Nähe der Stadt wieder. Mit größter Vorsicht und mit Vermeidung jedes verräterischen Geräusches wanden sie sich durch die dichten Gebüsche hindurch und kamen nacheinander an dem längst bekannten Versammlungsplatz an. Es war ein verlassener und verdächtiger Ort, den man „die Ruinen" nannte. In der Tat befanden sich daselbst die Ueberreste eines antiken Tempels, der irgendeiner römischen Gottheit geweiht gewesen war; aber die Jahrhunderte hatten diese ehrwürdigen Trümmer mit einer dichten und üppigen Vegetation umsponnen, die in dem Erdreich, welches nach und nach von dem jetzt bloßgelegten felsigen Gestein herabgeglitten war, Wurzel geschlagen hatte. Allmähliche Einstürze hatten noch dazu den Boden gedüngt, auf welchem nun eine Unmasse hoher Gräser, unentwirrbarer Schlingpflanzen und stachliger Dornengewächse hervorgeschossen, welche den Zutritt zu diesem Orte jedermann abschnitten. Der Aberglaube verlegte hierher den Versummlungsplatz böser Geister, wo die Hexen ihren Sabbat feiern und um Satanas, ihren Herrn und Meister, den höllischen Reigen tanzten. Die Neuchristen, die sich hier vereinigten, um im Dunkel der Nacht die Gebräuche der jüdischen Religion zu beobachten, waren nicht die letzten gewesen, die zur Verbreitung dieses Aberglaubens nach Kräften beitrugen; es war dies das beste Mittel, Neugierige und Spione dauernd fern zu halten. Bei Tage ging man bei den Ruinen nicht vorbei, ohne das Zeichen des Kreuzes zu machen, und selbst die kühnsten Männer würden sich bei Nacht nicht in die Nähe derselben gewagt haben. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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