Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 39 (18.9.1906)
- Date
- 1906-09-18
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Kß7 -Maier aber, der ein Herzenskundiger war, sagte mir, ich solle-mir ja nichts auf mein freies Opfer einbilden, denn das sei eine-Sünde und es wäre besser, ich äße mit meinen jüngeren Geschwistern. Am Morgen wurde mir^s doch schwer, nicht zu frühstücken, aber ich hielt mich tapfer, auch als mir Schwester Babi vertraute, sie habe mir heimlich Essen und Trinken unter einen Kübel in der unteren Küche gestellt, ich solle nur essen, wenn mir das Fasten zu hart ankäme und es brauche ja niemand davon .zu wissen. Ach, sie machte mir die Versuchung schwer, denn sie hatte mir Zwetschgen- und Zwiebelkuchen hingestellt. .. Ich stand also in der Synagoge bei Bruder Maier (ich erhielt aber noch keinen Gebetmantel, denn eines solchen wird man erst mit dem 13. Jahr teilhaftig und die unverheirateten Männer dürfen auch noch keine weißen Sterbehemden über die Kleider tragen) und sprach die Gebete mit, aus denen ich keinen Sinn herausfinden konnte; es waren jene Piutim, die alphabetisch oder assonierend Worte zusammenstellen, offenbar nur um die Zeit auszufüllen. Mir war so bang und schwül unter den Männern in ihren Totenkleidern in der dumpfen, stickigen Luft, in der Hunderte von hausmachenen Wachskerzen brannten und knitternd schmälten. Ich verließ die Synagoge, draußen war ein Heller Herbsttag, und wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, rannte ich fort durch die Froschgaffe über das Schießmauernfeld hinein in den Wald, hinab bis zur „Au", den Wiesen am Neckar. Dort sah ich ein Mädchen im roten Rock Gras mähen, und sie sang dabei ein helles Lied. Ich stand wie verzaubert, der Gegensatz der Welt zog mir voll durch den Sinn. Plötzlich, wie einer Sünde inne werdend, kehrte ich um und ein Schreck. ohnegleichen überfiel mich, da ich inne wurde, wie ich. ohne es zu wissen, Tannennadeln zerbissen hatte. Damit tötete ich mein freiwilliges Fasten. Ich kam in die Synagoge zurück. Ich erschien mir abtrünnig, und derweil ich abtrünnig geworden, waren die tapferen Mannen treu auf dem Posten geblieben und hatten die heiligen Flammen des Gebetes nicht verlöschen lassen. Mein Vater stand bereits vor dem Omed und betete Nihle, d. h. den Torschluß. Ich stellte mich auf seinen leeren Platz. Ich fürchtete die Frage meines Bruders Maier, wo ich denn gewesen sei. Die ergreifende Melodie des Gesanges „Oeffne uns das Tor, o Gott, zur Zeit des Torschluffes usw." durchschauerte mir das Herz und dazwischen wollte die Melodie des rotrockigenMädchens drunten von der Wiese mittönen. Ich kasteite mich damit, daß ich meine Hand in die Tür des Betpultes einklemmte und den Schmerz still trug, ich wäre gern niedergekniet, aber das darf man jetzt nicht, und ich betete mit Inbrunst, bis mein Vater wiederkam und mit dem Bewußtsein, eine heilige Handlung vollzogen zu haben, mir freundlich die Hand auf die Schulter legte. Es wurde Nacht, aber der Vater eilte nicht, er legte in Ruhe sein Totenhemd ab und wickelte es in einen Sack. Wir gingen heim, aber noch jetzt aß der Vater nicht, der Mond schien hell und wir gingen nochmals auf die Straße, die Levaue mekadisch zu sein (den Segen über den Mond zu sprechen). Die Bauernburschen, die singend die Straße daher kamen, brachen plötzlich ab, da sie uns im Gebete sahen, und gingen ehrerbietig grüßend vorüber. Mit ruhigem Bedacht wurde nun Speise und Trank verzehrt und am anderen Tage sagte einer zum andern: Gott sei Lob und Dank, daß der Jom Kipur zu Gutem wieder vorüber ist. Aus trüber Leit. ,^ ° Eine historische Erzählung.;v . v. - :. *.. m bestimmten Lage sollte Fernando eine Geschäftsreise nach einem der Seehasenplätze unternehme», wo immer englische und holländische Schiffe zur Abfahrt bereit vor Anker lagen. Dort angekommen, berichtete er nach Saragossa, daß er plötzlich gefährlich erkrankt sei; Diego und seine Tochter mußten dann hineilen, um ihn zu Pflegen, und so wollten sie Spanien zusammen verlassen. Die Ausführung dieses Planes machte vor allem die sofortige Verheiratung Fernandos mit Juanita erforderlich. Denn sonst hätte die Reise des jungen Mädchens zu einem Manne, der ihr offiziell noch nicht einmal verlobt war, unausbleiblich die Aufmerksamkeit des heiligen Offiziums und seiner unzähligen Spione auf sich gezogen. Aber vor der kirchlichen Hochzeitsfeierlichkeit wollte Diego die jungen Leute nach dem Gesetze Mosis vereinigen lassen. Er wartete schon lange auf eine günstige Gelegenheit, die ihm verstattete, bei sich einige seiner Religionsgenossen aufzunehmen und diese heilige Zeremonie vornehmen zu lassen. Die öffentlichen Feierlichkeiten in Saragossa schufen ihm endlich den langersehnten Augenblick. Die Freunde Diegos waren also nicht nur zu dein Zwecke nach Saragossa gekommen, um ihre Geschäfte und gegenseitigen Interessen zu ordnen, sondern auch um als Zeugen bei der bevorstehenden Hochzeit zu dienen. Diese Erklärungen gab Diego noch am selben Tage seiner Tochter, und aus diesem Grunde hatte er ihr gerade heute endlich das Geheimnis ihrer wahren Religion anvertraut. An demselben Abend hatten sich Diego, seine Familie, seine Freunde und Bekannten ebenso wie alle Bewohner Saragossas wie gewöhnlich zur Ruhe begeben; aber mitten im Schweigen der. Nacht, als tiefes Dunkel alles verhüllte, befanden sich Diego und. die Seinen in seinem Zimmer, in der Tiefe des Gemaches versammelt. Der Mönch war auch da: man hatte ihn in der Abendstunde eingelassen, nachdem man die Dienstboten für einen Augenblick entfernt hatte. Die schweren Fenstervorhänge waren sorgsam geschlossen und die Tür fest verrammelt; eine einzige Ampel beleuchtete das Gemach und warf nur ein schwaches Licht auf die Personen dieser stummen nächtlichen Szene. Fernando und Juanita waren in der Mitte des Zinnners, dicht bei ihnen Diego und seine Freunde. Der Mönch näherte sich der Gruppe; er hatte das Kreuz, das er stets bei sich trug, beiseite gelegt, und seine hagere Gestalt in ein weißes wollenes Tuch gehüllt, wie es die Juden beim Gottesdienst zu tragen pflegen; ein ähnliches Tuch war über dem Haupte der Verlobten ausgebreitet. Ter Mönch sprach leise und langsam, aber deutlich die sieben vorgeschriebenen Segnungen, und die Umstehenden antworteten jedesmals murmelnd: Gepriesen sei der Name des Herrn, Amen. Dann nahm der Mönch einen Kelch, füllte ihn mit Wein, sprach den Segen darüber und reichte ihn dem Bräutigam. Fernando nippte daran und gab ihn Juanita, die dasselbe tat. Darauf nahm Fernando einen Ring, steckte ihn an den Finger des jungen Mädchens und sprach mit leiser Stimme die althergebrachte Formel: „Siehe, Du bist, mir angetraut durch diesen Ring nach dem Gesetze Mösts, und Israels." Diese geheimnisvolle Zeremonie, diese um Mitternacht, beim zweifelhaften Scheine einer Lampe gefeierte Vereinigung