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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-18 · Heft 39 (18.9.1906) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 39 (18.9.1906)
Date
1906-09-18
Page
Seite 466 (sequence 10)
Language
German
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466 Gebets, während es andererseits Gott als Richter und gnädig verzeihenden Vater sowohl wie als Erhöret des Gebets Uns nahebringt. Empfunden aber wird diese geistig-sittliche Verwandtschaft mit Gott immer nur von den Wenigen. Es bedurfte tief sittlich-religiös angelegte Gemüter und eines mit einer besonderen, für diese höchsten geistig-sittlichen Wahrheiten empfänglichen Gemütsanlage ausgestatteten Volkes, um die Einwirkung des göttlichen Geistes zu verspüren und -so die die Seele im Innersten ergreifende Himmelsbotschaft -als . eine Offenbarung hinzunehmen. Zur Aufhellung dieser dunklen Vorgänge im Gemütsleben mögen die neueren Forschungen auf dem Gehjete religiöser Erfahrungen allerdings manches Wertvolle herbeibringen. Doch können solche Untersuchungen, wie sie namentlich James in seinem interessanten Werk „The Varieties of Religious Experienre" angestellt, das Problem der' Offenbarung und Prophetie nicht lösen. Da muß schon der weitere Gesichtskreis, den die Völkerpsychologie eröffnet, in Betracht gezogen werden, von welchem aus die, eigentümliche Geistesrichtung des jüdischen Volkes - inmitten der semitischen Rasse und sein religiöser Genius, wie er sich in seinen Propheten. Psalmisten und Weisen kund gab, das rechte Verständnis und die rechte.Würdigung finden.. Hier empfindet das Gemüt in Schauern heiliger Ehrfurcht den Flügelschlag-des Gottesgeistes im geheimnisvollen Walten des jüdischen Volksgenies,- wie er die höchsten Wahrheiten unter gewaltigen Zuckungen iMs der Tiefe der Innenwelt ans Licht bringt. Und das eben istdie- Errungenschaft der Prophetie oder Offenbarung, daß sie die sittliche Natur Gottes erkannte, die Ihn zum Vorbilde des Menschen macht und ein sittliches Band zwischen diesem und dem Weltenmeister knüpft, dessen Wege der Gerechtigkeit und Liebe er, der Erhensohn, nachahmen und so seine Gotteskindschast immer herrlicher entfalten soll. Prophetie uyd Offenbarung erscheinen hiernach nicht als bloße Tatsachen der Anthropologie, sondern als geschichtliche Tatsachen, als Wirkungen der Gottheit, die, wie kindlich auch die Form ist, in welcher die , Schrift sie darstellt, als die Grundlagen des Judentums angesehen werden und als solche gelten müssen. Was nun den Glaubensartikel betreffs Uusterblichkeit anlangt, so, verdient der Verfasser wohl Anerkennung für seinen Freimut. Er geht eben noch einen Schritt weiter als Maimonides. Hat der letztere wenigstens für den Weisen den Anspruch auf die Unsterblichkeit des Geistes, aufrecht erhalten, so findet Margolis „diesen Himmel zu aristokratisch", und in aller Großmut verzichtet er auf diesen Vorzug. „In dieser Welt muß die Unsterblichkeit verwirklicht werden,", lautet demgemäß sein Diktum in seiner Begründung des Artikels. Für ihn besitzt oder behält offenbar die Seele keine individuelle Existenz nach der Auflösung des Leibes. Wie mit einem theologischen System, das die individuelle Existenz in Abrede stellt, die Freiheit des Willens, die Prophetie und alle anderen Postulats des Glaubens, ja alle die rätselhaften psychischen Erscheinungen, die gerade die heutige Forschung auf dem Gebiete des Seelenlebens zutage gefördert oder zur Evidenz gebracht hat, vereinbart werden können, ist schwer, zu sagen. Tatsächlich zwingt der reine Theismus zur Annahme der FortexisteNz der menschlichen Persönlichkeit in irgendeiner Form. Die Annahme der Vaterschaft Gottes hat zur unbedingten Voraussetzung die Existenz menschlicher Seelen, die an der Gottesnatur als Kinder des Ewigen Teil ' haben und nicht etwa bloß wie Lichter strahlen, solange als der göttliche Funke in ihnen glüht, «her erlöschen, wenn die Lebensflamme ausgeblassn ist. Und gerade das Reformjudentum muß mit um so größerer Entschiedenheit die Fortdauer der Seele als Gegenstand des Glaubens und der zupxrsichtsvollen Hoffnung betonen, als es den Glauben an die leibliche Auferstehung als afler Vernunft und Mer rpiffenschaftlichen Erkenntnis widerstreitend verwirft. Damit ist durchaus nicht gesagt, - daß das. zukünftige od er jenseitige - Lehen. - , das;: wirgläubig; erhoffen, irgendwo im Raum Kdep-irgendwann sin her Zeit diesem Dasein folgen müsse, wie die kindliche Porstellung es' sich zurechtlegt, der Nachdruck muß vielmehr darauf gelegt werden, daß der Glaube die ewige Fortdauer des Geisies mitdemselben Rechte behauptet^ als die Wissenschaft die ewige Fortdauer der Materie inmitten des unaufhörlichen Werdens und Negwerdens behauptet. Und ist erst dem Geist seine Selbständigkeit und Beständigkeit gesichert, so bleibt, auch das menschliche Ich, die Persönlichkeit, das Spiegelbild des göttlichen Jchs, unverlierbar. Recht eigentümlich ist die Stellung, die Margolis zur messianischen SenöungIsraels einnimmt. Auf der einen Seite bekeNnt er sich zu den Prinzipien, die im Einhornschen und nachher im Gebetbuch der vereinigten Reformgemeinden (Hebrew Union Prayer Book), am schärfsten aber in den Beschlüssen der Pittsburger Rabbinerkonferenz vom Jahre 1885 ausgesprochen wurden und die, jeden .Gedanken an eine Wiederherstellung des jüdischen Staats und Tempels ausschließend, den weltgeschichtlichen Messiasberuf Israels in einer auch den beiden Töchterreligionen des Judentums gerecht werdenden Weise zum Ausdruck bringen. Andererseits neigt er sich doch zur Annahme eines persönlichen Messias hin, freilich mit der seltsamen, alles illusorisch machenden Erklärung, daß alle Messiasse an sich falsche Messiasse sind, daß sie aber dennoch, einem geschichtlichen Gesetze der Notwendigkeit folgend, der Reihe nach aüftreten müssen, um den idealen Messias zu verkörpern, der immer erst kommen soll, während es eigentlich Israel ist, das den Messiasberuf der Erlösung im Laufe der Jahrtausende zu vollbringen, hat. Wir haben es auch hier wiederum mit einem Kompromißversuchzu tun,, der keine Richtung befriedigen kann. Allerdings tätö man besser daran, den deuterojesaianfchen Titel „Kn echt Gattes" für Israel als den Sendboten und Zeugen der göttlichen Wahrheit unter den - Völkern der Erde zu gebrauchen; allein es spricht sich in dem Titel Völker-Messias der Gegensatz zum Christentum, viel schärfer aus. Die Kirche hat ihren duldenden Messias; die Synagoge kennt seit Jahrtausenden den wahren duldenden Messias und harret vielleicht noch Jahrtausende auf' dessen Triumph:• Israel ist . der . leidende uud der zuletzt siegende Gottesheld der Weltgeschichte. - Aus Len IugenLrrmnerungrn. Von Berthold Auerbach. . . . III. : ' ''Lv Y ' '' s war im Herbst 1824; im. Winter erreichte ich. mein 13. Lebensjahr und war gesetzespflichtig; ich bat indes, mich schon jetzt zu strengem Fasten am Versöhnungstag von Abend bis zu Abend zuzulassen. Die Eltern taten Einsprache, Bruder Maier aber bestärkte mich in meinem freien Opfer, und ich war nicht wenig stolz, als Waffenfähiger unter den Mannen zu erscheinen. ... -;^; ...... y: Y; -Y

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