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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-18 · Heft 39 (18.9.1906) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 39 (18.9.1906)
Date
1906-09-18
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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465 E. Prof. Margolis Credo. Statt nun die von tonangebenden modernen Rabbinen in Katechismen, Gebetbüchern und in Rabbinerversammlungen auf Grundlage der Alboschen Jkkarim aufgestellten Glaubensartikel zu Rate zu ziehen, schlägt Prof. Margolis folgende Neuformulierung des Maimonidischen Credo vor: 1. Ich glaube an Gott, den Einzigen und Heiligen, den Schöpfer und Erhalter der Welt. 2. Ich glaube, daß der Mensch eine göttliche Kraft besitzt, mit der er die bösen Triebe und Leidenschaften unterwerfen, der Vollkommenheit Gottes immer näher zu kommen streben und mit Ihm im Gebet in Verbindung treten kann; daß besondere Individuen von Zeit zu Zeit von Gott zu Propheten berufen und mit der Sendung betraut werden. Seinen Willen den Menschen mitzuteilen; daß der Mensch Gottes Gesetz unterworfen und sJhm alss dem Erforscher der Herzen und dem gerechten Richter für all seine Gedanken und Taten verantwortlich ist; und daß derjenige, der seine Sünden bekennt und reuig von seinem bösen Lebenswandel sich abwendet, bei seinem himmlischen Vater liebevolle Verzeihung erlangt. 3. Ich glaube, daß die Frommen, die in diesem Leben Gottes Gesetz gehorchen und Seinen Willen mit vollkommener sreiners Gesinnung vollführen, ebenso wie die, die ihre Sünden wahrhaft bereuen, als unsterbliche Seelen an dem ewigen Leben Gottes teil haben. 4. Ich glaube, daß Israel von Gott als Sein gesalbter Diener erwählt wurde, berufen, den Familien der Menschheit Seine Wahrheit zu verkünden und, obgleich verachtet und verworfen von den Menschen, als Sein Zeuge fort zu wirken, bis daß durch ihn das Gottesreich des Friedens und der sittlichen Vollkommenheit wie der vollen Gotteserkenntnis, die wahre Gemeinschaft aller Kinder des lebendigen Gottes auf Erden, gekommen sein wird. Von diesen vier Artikeln, die in keinem äußerlich oder innerlichem symmetrischen Verhältnis zueinander stehen, ermangelt der erste der Klarheit und Bestimmtheit und steht darum den entsprechenden Maimonidischen Artikeln weit nach. Auch der Bekenner der Dreieinigkeitslehre behauptet, Monotheist oder Verehrer des Einzigen Gottes zu sein. Demgegenüber muß die jüdische Glaubenslehre in klaren und unzweideutigen Ausdrücken die absolute, unteilbare Einheit und Ueberweltlich k eit Gottes betonen, um . ja nicht die Gottes und Menschennatur in jener pantheistischen Weise miteinander verquicken zu lassen, mit der die neuchristliche Theologie eines Kaftan u. a. Gott erst im Menschen Jesus geoffenbart finden will. Es gilt vor allem den Nachdruck auf das geistigsittliche Wesen der Gottheit zu legen, das Israels Propheten für alle Zeiten klar gestellt haben. Bon dieser Höhe des Monotheismus ist das Judentum weder im Mosaismus noch im Rabbinismus herabgestiegen. In freiem Selbstbewußtsein leitet Gott als sittliche Lebensmacht bei Seiner alldurchdringenden Allmacht und Allweisheit in Gerechtigkeit und Güte die Welt und offenbart sich dem Menschen als Urbild der Heiligkeit und Vollkommenheit im ethischen und nicht im metaphysischen Sinne, wie Professor Margolis das Wort heilig faßt. Darum allein dürstet die Seele nach Ihm, weil Er allein der lebendige Gott ist und Seine Erhabenheit jedes andere Wesen von der Teilnahme an Seiner Herrlichkeit ausschließt. Diese reine Gottesidee muß für alle Zeiten der Tragepfeiler des Judentums bleiben. Beim zweiten Artikel merkt man es dem Verfasser andaß der Bibelkritiker dem Theologen arg mitspielt und daß ihm die Definition von Offenbarung und Inspiration große Verlegenheit bereitet, da auf ihnen ja das Judentuni, gleichviel ob es als Gesetz oder als prophetische Wahrheit erfaßt wird, beruhen muß. soll es ein göttliches und nicht bloß menschliches Erzeugnis sein. Gesteht man einmal das Kantsche Axiom zu, daß der Mensch in seinem ganzen Gesichts- und Gedankenkreis Nichts hat, das er nicht aus sich so konstruiert hat wie es sich ihm darstellt, so ist in logischer Schlußfvlge das Hegelsche Prinzip der Entwicklung gegeben, das den Schlüssel zur Erklärung des Alls enthält, wie wir ihn heute in seiner ganzen Ausdehnung auf die geistige wie sichtbare Welt gebrauchen. Wie verträgt sich nun Evolution und Offenbarung? Das ist das Problem. Margolis verweist auf Claude Montefiores Buch „Das liberale Judentum", worin „die Fähigkeit, gut und böse zu sein oder das Bewußtsein des Gegensatzes zwischen dem, was der Mensch ist und dem, was er sein soll", als „das Göttliche in uns" bezeichnet wird, „zu dem der göttliche Geist hinzukommt, der von außen her uns beeinflußt, das Gute zu tun". „Wenn wir also Jesaia als besonders vom göttlichen Geist inspiriert bezeichnen, so meinen wir damit, daß er einen tiefen Einblick in die religiöse und sittliche Wahrheit besaß." Gelängt man hier zu keinem klaren Offenbarungsbegriff, so ist das noch weniger der Fall, wenn wir auf Wellhausen verwiesen werden, um zu dem Schlußergebnis zu gelangen, daß „jeder Mensch die Fähigkeit habe, sich mit Gott in Verbindung zu setzen und so eine Offenbarung von Ihm zu erlangen; daß Gott sich jedoch unseren Voreltern in einer klareren und wahreren Weise geoffenbart habe". Alles ist hier im Dunkel gelassen. Nicht erfährt mau, wo das Göttliche beginnt und das Menschliche zurücktritt. Bald wird die Thora als „Lehre", bald als „Gesetz der Sittlichkeit" definiert. Worin aber das charakteristisch Jüdische oder das Göttliche, sei es in der prophetischen Lehre oder im Gesetz, besteht, das kommt nicht zur Sprache. Das Allerschlimmste aber ist, daß der Lehrsatz: „Gott beruft von Zeit zu Zeit besondere Individuen als Propheten," die Frage unbeantwortet läßt, ob Jesus und Mohammed nicht ebensoviel Anspruch auf den Titel Propheten haben als Moses und Jesaia, und ob nicht auch Nietzsches „Zarathustra" zu denen sich rechnen darf, die mit der Sendung betraut sind, Gottes Willen den Menschen zu verkünden. Was ist das Kennzeichen eines wahren Propheten, und wodurch kann er sich als solcher in der Geschichte legitimieren? Ist die Inspiration eines Aeschylus, Pindar und Homer oder eines Shakespeare und Goethe ein und dieselbe mit der, die den israelitischen Seher, Dichter und Weisen der heiligen Schriften zum Verkünder des Gottesworts machte? Worin unterscheidet sich die Bibel als das heilige Schriftentum Israels von der sonstigen Literatur? Oder ist der Unterschied bloß einer dem Grade, nicht aber dem Wesen nach? Wahrlich, wenn irgendwo, so muß das Glaubensbekenntnis hier entschieden und scharf ausgesprochen sein, oder aber es ist mehr als überflüssig, es wirkt zerstörend und auflösend. Gerade hier hätte von dem Prinzip Gebrauch geinacht werden sollen, das Margolis fälschlich Maimonides zuschreibt, dem der Gotteskindschaft des Menschen, der das Judentum in erster und ursprünglicher Forin in bezug auf Israel als Volk unter den Völkern und in weiterer und tieferer Entwicklung in bezug auf den Menschen überhaupt geltend macht. Dieses Bewußtsein der Gotteskindschast des Menschen bildet das eigentliche Korrelat zur jüdischen Lehre vom ethischen Theismus. Dieses Verhältnis, welches im Doppelwesen des Menschen, dem leiblichen Lebeic mit seinen sinnlichen Begehrungen und dem Geistesleben mit seinem himmelwärtsgerichteten Verlangen, begründet ist, wirst das nötige Licht auf die religiösen Postulats des freien Willens, der Reue und des

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