Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 39 (18.9.1906)
- Date
- 1906-09-18
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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464 und durch das ihnen gewidmete Studium auf eine künstliche Weise noch mehr im Werte stiegen. Diese durch das Exil gegebenen Bedingungen . reichen hin, den Uebergang von Jeremias auf Ezechiel und die Genesis von Ez. 40—48 zu. verstehen." Im Geiste Ezechiels setzen nun die Priester ihre Arbeit fort. Für die Entwicklung der religiösen Idee in der Folgezeit ist es gleichgültig, ob die Priester aus der Erinnerung geschöpft oder ob sie schriftliche Toroth der Aufzeichnung des Rituals zugrunde gelegt haben. Tatsache ist, daß das Nichtvorhandensein des Tempels sie zur schriftstellerischen Tätigkeit zwang. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich einige Jahrhunderte später. Die Zerstörung des Tempels durch die Römer hatte zur Folge, daß die "Mischnahlehrer sich genötigt sahen, die Halachot über rein und unrein und über die Opfergesetze in erster Linie schriftlich zu fixieren. Die Parallele geht aber noch weiter: wie die Halachasammlungen einzelner hervorragender ll'amiaim in Vergessenheit geraten sind und nur die Sammlung des kl. Jeliuda hanasi als „die" oder „unsere Mischna" sich erhalten hat, so mögen außer Ezechiel auch später, als der Tempel wieder hergestellt war, noch andere Priester das Ritual weiter ausgebildet und kodifiziert haben. Kanonisiert wurde aber nur eine Sammlung, das Resultat langjähriger Arbeit, die des Priesters und Schriftgelehrten Esra, die wir als Priesterkodex kennen, und eingearbeitet in den Pentateuch als „mosaisches Gesetz", Voratb Moscheh, besitzen. Es war im Jahre 458, als dieser Nachkomme Zadoks und Schreiber des Gesetzes aus Babylon nach Jerusalem kam. Mit Erlaubnis und Vergünstigungen des Königs Artaxerxes' Longimanus will er der Gemeinde eine theokratische Verfassung geben. In seinem Legitimationsschreiben heißt es u. a.: „Artaxerxes, König der Könige, Esra dem Priester, Lehrer im Gesetze des Gottes des Himmels, ausgefertigt. Von mir ist Befehl ergangen, daß jeder, der sich angetrieben fühlt in meinem Reiche von -dem Volke Israels und seinen Priestern und Leviten, nach Jerusalem zu gehen, mit dir gehen mag. Indem du von dem Könige und seinen sieben Räten gesandt bist, zu gehen nach Juda und Jerusalem, mit dem Gesetze deines Gottes, das in deiner Hand ist. . . Du aber, Esra, nach der Weisheit deines Gottes in deiner Hand, bestelle Vorsteher und Richter, die alles Volk jenseits des Euphrat richten, diejenigen, welche die Gesetze deines Gottes kennen, und denen, die sie nicht kennen, machet sie kund." (7, 12—26.) Als es galt, an der Hand dieses Gesetzes die erste Maßregel gegen die gemischten Ehen zu treffen, so beruft sich Esra auf die Gebote Gottes, „die du durch deine Knechte, die Propheten, geboten hast". (9, 11.) Also: das Gesetz Gottes, das der Priester Esra dem Volke bringt, ist identisch mit der Weisheit Gottes und mit der Lehre der Propheten. Was der Prophet in heiliger Begeisterung geschaut, was der Chakam in stiller Einsamkeit erforscht oder auf dem Markt des Lebens erfahren, dies alles ist nunmehr im Gesetz erfüllt. Nun bedarf es dieser Werkzeuge nicht mehr, um die Gewissen zu erschüttern, um die Augen der Blinden zu öffnen und früh und spät auf die Wege und die Gedanken Gottes hinzuweisen, die nicht Menschenwege, nicht Menschengedanken sind. Dies alles und noch viel mehr besitzt setzt Israel in seinem Gesetz.; Die dreizehn Artikel des Msimonides und dss Glaubenslyltem des modernen Judentums. Von Dr. K. Köhler, Rektor des Hebrew Union College in Cincinnati. V. D. Der positive Charakter der Maimonidischen Glaubensartikel. affen wir unser Urteil über die dreizehn Maimonidischen Glaubensartikel zusammen.so müffen wir dieselben als einen ganz und gar unzulänglichen Ausdruck unserer religiösen Ueberzeugung erklären. Wir verwerfen sie nicht etwa bloß aus dem Grunde, weil wir den Glauben an die Unwandelbarkeit des mosaischen Gesetzes, an die Wiederauferstehung der Toten und an einen persönlichen Messias im politisch nationalen Sinne nicht teilen — Glaubenssätze, die nach der Behauptung von Crescas und Albo keinen fundamentalen Charakter haben — sondern weil der darin vorwaltende Gesichtspunkt kein wahrhaft religiöser im Sinne unseres heutigen Denkens und Empfindens ist und sie das, was das Wesen und der Lebenskern des Judentums ausmacht, nicht zum Ausdruck bringen, Fragen wir uns jedoch, was diesen dreizehn Glaubensartikeln ihre Macht und ihre Volkstümlichkeit verliehen hat, so drängt sich uns ein bei jedem Versuch einer Neuformulierung des Glaubenssystems wichtiger Umstand zur Berücksichtigung auf: Trotz ihres philosophischen Charakters geben sie alle einer tief religiösen Ueberzeugung positiven Ausdruck, und während sie an den kalten Verstand appellieren, bekunden sie dennoch die Herzensglut eines Volkes, das zu jeder Zeit bereit ist, seinen letzten Blutstropfen für die in ihnen ausgesprochene Wahrheit hinzugeben. Man vernimmt in ihnen nicht bloß das Bekenntnis des Glaubens an den Einig-Einzigen Gott m seiner absoluten Lauterkeit des Gedankens, sondern den mächtigen Widerhall des jüdischen Schlachtenrufs Lodema ^ieroel! mit seinem Protest gegen die Dreieinigkeitslehre der christlichen Kirche und alle jene Glaubensformen, die aus einem Kompromiß mit der heidnischen Vielgötterei und der Mythologie hervorgegangen sind und noch heute einen solchen, das gesunde Denken beeinträchtigenden Einfluß auf die Gemüter ausüben. Ja, man glaubt aus ihnen den Donnerschall des Sinai zu vernehmen, wenn sie das andere Losungswort des Judentums: Voratb Moscheh Emeth — „Die Lehre Moses ist Wahrheit", in einer Weise betonen, daß für ein neues Glaubenssystem oder einen neuen Bund an Stelle des alten kein Raum bleibt und absolut kein Bruch in der geschichtlichen Kontinuität jüdischen Lebens, Denkens und Höffens seitdem Israel seine Lehre von Gott am Sinai empfangen hat, denkbar ist. Schließlich klingt durch diese Glaubensartikel der helle Ton des hoffnungsvollen, zukunftssicheren Optimismus, der dem Juden in den Zeiten schwerster Trübsal den finsteren Gedanken der ewigen Versündigung und der Verdammnis verscheuchte, der in anderen Glaubenssystemen Geist und Gemüt beengt: Der Messias ist nicht gekommen; nein, er wird kommen und dann wird Gerechtigkeit allen Gotteskindern zuteil werden! Das sind die Kraftgedanken des Judentums. Hieraus nun ergibt sich mit aller Evidenz, daß diese Charakterzüge eines positiven Glaubens und einer kraftvollen Ueberzeugung keinem neuformulierten Credo des Judentums fehlen dürfen, wenn es überhaupt Anspruch auf Berücksichtigung erheben will.