Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 39 (18.9.1906)
- Date
- 1906-09-18
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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461 zur Verfügung gestellt. Der Hilssverein hat sich bei diesen Verhältnissen auch veranlaßt gesehen, Mittel zur Eröffnung eines zweiten Kindergartens in Jaffa zu gewähren, der wiederum insbesondere den Emigrantenkindern zugute kommen wird. Auch in Jerusalem erweist es sich als notwendig, neben den zwei bereits bestehenden Kindergärten des Hilfsvereins einen dritten einzurichten; Mittel hierfür sind bewilligt und die Eröffnung wird unmittelbar erfolgen. Die Tochter des verstorbenen Generalsekretärs des Hilfsvereins, Herrn Willy Bambus, die der Hilfsverein als Kindergärtnerin hat ausbilden lassen, wird an diesem Kindergarten wirken und zugleich Ln den Elementarklassen der Mädchenschule Unterricht erteilen. In Anbetracht der Bedeutung, die die Hauptstadt Jerusalem auch als Bildungszentrum für das Land hat, läßt der Hilfsverein es sich angelegen sein, die bestehenden trefflichen Bildungsanstalten zu fördern. Für die Lämelschule, eine sich des höchsten Ansehens erfreuende Lehranstalt in Jerusalem, die in diesem Jahre ihr 50jähriges Jubiläum feierte, hat der Hilfsverein eine Subvention von 5000 Mark zunächst für das Jahr 1907 bewilligt. Die Leitung der zurzeit sechsklassigen Knabenschule liegt in den besten Händen. Der Verwaltung gehört neben anderen Herr Rabbiner Dr. Horwitz, Frankfurt a. M., als Vorsitzender an, der zugleich Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins ist. Die Lämelschule wird in Zukunft in noch höherem Grade als bisher eine organische Vermittlung zwischen den unteren und höheren Unterrichtsanstalten des Hilfsvereins in Jerusalem bilden. Dies wird in besonderem Maße der Fall sein können, wenn, wie in Aussicht genommen, der Lämelschule eine neue Unterklasse angegliedert wird für jene Kinder, welche den Kindergarten absolviert haben, so daß alsdann organisch der Ausstieg des Kindes aus dem Kindergarten unmittelbar in die Lämelschule erfolgen kann. Andererseits will der Hilfsverein Schülern der Lämelschule, wie auch entsprechend vorgebildeten Schülern anderer Lehranstalten — und zwar nicht nur Jerusalems, sondern ganz Palästinas — eine Ausbildung ermöglichen, die in umfassender Weise für spätere höhere Berufe vorbereitet, und sie auch befähigt, in Staatsstellungen in der Türkei berufen zu werden. Es ist in der Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses beschlossen worden, in Jerusalem eine dreiklassige Mittelschule mit eineingefügten kommerziellen Kursen so schnell wie möglich zu begründen, als Fortsetzung der Lämelschule. Die unterste Klasse dieser insbesondere auch auf die höheren praktischen Berufe vorbereitenden Schule wird zugleich die Vermittlungsklasse zwischen der Lämelschule und dem Lehrerseminar bilden. Damit wird einem lebhaft empfundenen Bedürfnis abgeholfen. Das Lehrerseminar, das aus drei Klassen und einer Präparandenklasse für solche Schüler, die ohne entsprechende Vorbereitung von auswärts kommen, besteht, erhält damit ein Parallelinstitut zur Seite. Auf gemeinsamen Unterbau bereitet das Lehrerseminar die künftigen Erzieher und die Mittelschule die Knaben für die höheren Berufe des gebildeten Mittelstandes vor, inbegriffen eine Anzahl türkischer Staatsstellungen. Da die Lehrer, die am Seminar ausgebildet worden sind, zum erheblichen Teil in die jüdischen Kolonien gehen werden, so sollen auch ferner in kürzester Zeit theoretische und. praktische landwirtschaftliche Kurse in ausgedehntem Maße am Seminar eingeführt werden. Diese landwirtschaftlichen Kenntnisse werden namentlich, was die Ackerbaukolonien in Palästina anbetrifft, für die Lehrer außerordentlich wichtig «sein. Die Lehrer finden alsdann zugleich als praktisch vorgebildete Leute einen ganz anderen Rückhalt bei der Bevölkerung. Sie können ihren Schülern wie auch der erwachsenen Bevölkerung wertvolle Kenntnisse vermitteln und eventl. mit gutem Erfolge selbst landwirtschaftlich tätig sein. Als Lehrfächer der Mittelschulen mit kommerziellen Kursen find in Aussicht genommen: Hebräisch, Religionsunterricht, Deutsch, und zwar Deutsch und Hebräisch als Unterrichtssprache; im übrigen soll der Lehrplan dem der modernen deutschen Real- und Handelsschule entsprechen. Auch der Lehrplan der Knabenschule in Jaffa wird nach Einrichtung der kommerziellen Kurse in Jerusalem zur gegebenen Zeit eine Erweiterung erfahren, damit die Absolventen der Schule in Jaffa möglichst zweckentsprechend für diese kommerziellen Fortbildungskurse vorbereitet sind. Hoffentlich gelingt es, die landwirtschaftlichen Kurse in Verbindung init dem Kolonisationsfonds des für Palästina so eisrig wirkenden Rabbiners Dr. Salvendi zur Verwirklichung zu bringen. Ein ausführlicher Lehrplan ist in Bearbeitung. Nachstehend einige nähere Angaben, wie der Unterricht gedacht ist. Es wird beabsichtigt, eine Farm mit Milchwirtschaft und Viehzucht in der Nähe. Jerusalems anzulegen. Auf dieser Farm soll den Seminaristen Gelegenheit geboten werden, sich praktisch in der Landwirtschaft auszubitden. während sie im Seminar selbst zugleich theoretischen Unterricht in der Landwirtschaft erhalten sollen. Ferner wurden bewilligt: Für die Zentralbibliothek in Jerusalem 2000 Francs. Das Institut steht unter der Verwaltung der Bne Brith-Loge. Die Bibliothek kommt dem Lehrerseminar entschieden in hohem Maße zugute, sie ist aber zugleich ein hervorragender Bildungsfaktor für die gesamte Bevölkerung. Die Bibliothek, begründet und tätig gefördert von Dr. Chasanowitsch in Bialystock, besitzt bereits 28 000 Bände. Für die Talmud-Thora-Schule der Sephardim in Jerusalem, die damit umgeht, unter Wahrung ihres spezifisch religiösen Charakters den Unterricht den Erfordernissen der Zeit anzupassen, hat der Hilfsverein für das laufende Schuljahr 550 Francs gewährt. Der Galil-Loge in Safed, die ein eigenes Heim für den dortigen Kindergarten errichtet, ist gemäß dem vorliegenden Anträge ein Darlehn von 1500 Francs vorgestreckt worden. Der Bauplatz ist bereits erworben; ein Spielplatz für die Kinder steht ebenfalls zur Verfügung. Der Or-Thora-Schule für religiösen und gewerblichen Unterricht in Safed — einer Gründung der Misrachi-Zionisten — wurden bis zum April 1907 400 Francs bewilligt. Es wird angestrebt, das Schulwesen der Stadt zu vereinheitlichen und alsdann allmählich auszugestalten. Auf Antrag der Jeruschalaim-Loge und des Jerusalemer Frauen- Vereins Esrath-Naschim sind für sieben russische Waisen und Emigrantenkinder 2000 Francs zur Verfügung gestellt worden. Ebenso wurden 1000 Francs für Stipendienzwecke für Emigrantenschulen des Lehrerseminars resp. die Präparandie bewilligt. Dem Schaar Zion Hospital in Jaffa, das durch den Zuzug von Emigranten gleichfalls in außergewöhnlicher Weise belastet ist, ist eine Zuwendung von 500 Francs gemacht worden. Es sei noch bemerkt, daß die Schöpfungen des Hilfsvereins in Palästina durch Herrn Direktor Ephraim Cohn, Direktor der Lemelschule, in umsichtiger und energischer Weise geleitet und beanssichtigt, resp. organisiert werden. Herr Direktor Cohn, der zurzeit in Berlin weilt, ist zur Sitzung des Hilfsvereins hinzugezogen worden. Von den ferneren Bewilligungen in der Sitzung seien noch erwähnt: Für die Or-Thora-Schule in Konstantinopel eine Extrasubvention von 3000 Mark für das Jahr 1907. Für einen Lehrer und Schoehet in Eschkischeher, an der auatolischen Bahn, 960 Francs. Für die Haushaltungsschule Lumina in Galatz (Rumänien) 1700 Francs zur Angliederung einer sünften Klasse. Die Schülerinnen werden nunmehr in Kochen, Waschen, Plätten, Nähen, Schneidern, Flicken, sowie auch theoretisch im Haushaltungswesen unterwiesen. Für die Dotierung eines zweiten deutschen Lehrers an der Schule der israelitischen Gemeinde in Philippopel — den ersten hat der Hilfsverein gleichfalls gestellt — werden die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Die Subvention von 3000 Mark für die Handelsschule Kultura, an der ein gleichfalls vom Hilfsverein gestellter Lehrer als Direktor tätig ist, wurde erneuert. Auf Antrag des Herrn Siegmund Bergel wurde beschlossen, die galizische Subkvmmission des Hilfsvereins durch Kooptation von Wiener und galizischen Delegierten zu vergrößern, die sich in umfassender Weise mit der Aktion für Galizien beschäftigen sollen.