Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 39 (18.9.1906)
- Date
- 1906-09-18
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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460 -- Familien all ihr Hab und Gut eingebüßt haben. Die Beängstigung und Apathie der jüdischen Bevölkerung in Siedlce zusammen mit dem Elend der Verwundeten und Notleidenden machen den furchtbarste» Eindruck. Große Hilfsmittel werden erforderlich sein, um die traurige Lage einigermaßen zu bessern. — Man ist dort der Meinung» daß der Oberst Tichanowsky, der Urheber des Pogroms, geisteskrank ist. Er soll vor einiger Zeit eine Broschüre über die Unterdrückung der Revolution herausgegeben haben, worin er der Regierung Ratschläge erteilt, die derartig von Grausamkeit strotzen» daß sie nur das Werk eines krankhaften Gehirns sein konnten, was die Militärbehörde veranlaßte» die Broschüre zu unterdrücken. Von einer anderen, allerdings nicht sehr zuverlässigen Seite, wird erzählt, daß die Offiziere des Narva-Regiments, dessen Oberst er ist. ihm erklärt haben, daß sie ihn boykottieren würden, wenn er den Grausamkeiten der Soldaten nicht ein Ende mache. Er soll auch einen solchen Befehl erteilt haben und hat zwei Soldaten des Libau-Regiments, die man nach dem Befehle be.im Plündern ertappt hat, znm Tode verurteilen lassen." Wenn nun jetzt gar englische Blätter melden» die russische Regierung habe die Absicht» sämtliche antisemitische Beamte zu entlassen, so klingt das fast wie ein Aprilscherz. Und die „Russische Korrespondenz" hat recht, wenn sie erklärt, daß alle diese Nachrichten englischer Blätter nur mit größter Vorsicht aufzunehmen seien, da die Regierung ganz unter dem Einfluß des „Schwarzen Hundert" stehe. » Einer der besten Kenner Marokkos sendet der „Kölnischen Zeitung" einen ausführlichen Bericht über die Lage daselbst, dem wir vor allem die Tatsache entnehmen, daß es nur an einem Haar gehangen hat, daß es zu einem Gemetzel nicht nur unter den Juden, sondern wohl auch unter den Europäern gekommen wäre. Der ganze Zwischenfall zeigt, daß in Süd-Marokko Anarchie herrscht und jeden Augenblick an irgendeinem Punkte Ereignisse eintreten können» welche Leben und Eigentum der Europäer aufs schwerste gefährden können. Der Ueberfall von Mogador durch den Kaid von Haha mit 250 Reitern und 150 Mann zu Fuß, alle gut bewaffnet, war nicht bloß ein Ausdruck der herrschenden Anarchie, er hatte auch eine europäer- und in erster Linie franzosenseindliche Spitze. Mit der Forderung, die Juden sollten wieder in die Mellah» das menschenüberfüllte, ungesunde, von Schmutz starrende, von hohen Mauern, die jeden frischen Luftzug abhasten» umschlossene, durch ein einziges» jeden Abend geschlossenes Tor zugängliche Judenviertel zurück, galt es ihm, sich die Sympathien der fanatischen Mohammedaner im ganzen Lande zu gewinnen. Denn sein einziges Ziel ist wohl, sich zum Herrn von Mogador zu machen und sich ein so gut wie unabhängiges Teilfürstentum zu schaffen. Bezeichnend ist dabei, daß Kaid Bargasch von Mogador Anflüß keinen Widerstand entgegenzusetzen wagte, obwohl er und seine Vorgänger selbst die Ansiedlung von Juden, wohl ausnahmslos europäischer Schutzbefohlener und von Europäern, auch Deutschen, die eigentlich nur in der Kasbah wohnen dürfen, in der Medinah, der eigentlichen arabischen Stadt der Geschäfte und Handwerke, begünstigt haben, indem sie verfallene arabische Häuser aufbauten und gegen hohe Miete Juden und Europäern überließen. Anflüß hat seinen Willen durchgesetzt; sämtliche Juden habm die Medinah räumen müssen. Am 1. September wurden vor der Mellah judenfeindliche Kundgebungen in Szene gesetzt, Fenster eingeworfen, viele Juden durch Steinwürfe, Stockhiebe» Kolbenstöße verletzt, wenn auch kein Menschenleben zu beklagen ist. Der Kaid von Mogador war der Bewegung gegenüber, die einen entschieden religiösen, panislamischen Untergrund hatte, völlig machtlos. Vom Httksoerem der Drutlchm Juden. Berlin, 24. September, er gefchäftsführende Ausschuß des Hilfsvereins der Deutschen Juden hielt am 16. d. M. unter Vorsitz von Herrn James Simon eine Sitzung ab, in der zunächst Herr Dr. Paul Nathan über seine Reise nach Rußland, seine Unterredungen mit dem Ministerpräsidenten Stolypin und dem Finanzminister Kokowzow, die auf spezielle Aufforderung der Minister erfolgt waren, sowie über seine Rücksprache mit einer Reihe anderer einflußreicher Persönlichkeiten nähere Mitteilungen machte, die in einer sehr pessimistischen Auffassung über die nächste Zukunft des Zarenreiches gipfelten. In Kürze berichtete er sodann über die aus Anlaß der Unglücksereignisse in Siedlce und des drohenden Pogroms in Warschau seitens des Hilfsvereins bei dem Ministerpräsidenten Stolypin und anderen * uns näherstehenden Stellen unternommenen Schritte. Noch während der Sitzung traf ein Telegramnl aus Petersburg ein, des Inhalts, daß der Ministerpräsident Zugesagt hatte, das Erforderliche zu tun zur Abwendung neuen Unheils. Die Versammelten sprachen den Herren James Simon und Dr. Nathan Dank für ihre zweckentsprechende Maßnahmen aus. Es wurde ferner einer Anzahl Persönlichkeiten, die in dem Dienst des Hilfswerks für die Opfer der Oktoberpogrome in erster Reihe gestanden hatten, der Dank des Hilfsvereins votiert, so dem Generalsekretär der Jewish Colonisation Association in St. Petersburg, Herrn D. F. Feinberg, dem ein Ehrengeschenk zu überreichen beschlossen wurde, Herrn Siegmund Berget von der Großloge für Deutschland, Frl. Bertha Pappenheim von dem Verein weibliche Fürsorge in Frankfurt a. M. und Herrn Dr. Beruh. Kahn, Generalsekretär der Zentralstelle für jüdische Auswandererangelegenheiten des Hilfsvereins, die sich insbesondere um die Durchführung der Aktion für die Unterbringung russischer Waisenkinder in ihrer neuen Heimat sehr verdient gemacht haben. Für Schulen wurde eine Reihe von Bewilligungen vorgenommen. Es wurde die Notwendigkeit betont, trotz der furchtbaren Verhältnisse in Rußland, die eine dauernde Hilfeleistung erfordern, in der Förderung der Kultur und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Glaubensgenossen im östlichen Europa und im Orient fortzufahren, soweit es die regulären Mittel des Hilfsvereins irgendwie gestatten. Die Lage der Juden auch in diesen Ländern ist nach wie vor eine bedrängte, teils in wirtschaftlicher, teils in politischer Beziehung tRumänien), und die infolge des wachsenden russischen Elends gesteigerte Emigrationsbewegung in. dem Orient kompliziert die Situation noch mehr. Es herrschte Einstimmigkeit darüber, daß vor allem das Schul-. werk in Palästina, wohin eine starke Auswanderung ganz armer Elemente aus Rußland jetzt stattfindet, nach Möglichkeit großzügig auszugestalten sei. Entsprechend dem Prinzip, das Schulwesen organisch von unten aufzubauen, hat der Hilfsverein zunächst Kindergärten in den Zentren des jüdischen Lebens in Palästina begründet. Gerade bei den wirtschaftlichen und hygienischen Verhältnissen des Orients und dem bunten Völkergemisch ist es von höchster Wichtigkeit, die Kinder von frühester Jugend an in Obhut zu nehmen und ihnen eine einheitliche Vorbildung für die Schule zu geben. Nachdem Kindergärten in Jerusalem, Jaffa, Sased ins Leben gerufen sind und nachdem durch sein Lehrerseminar in Jerusalem geeignete Lehrkräfte herangebildet sind, geht der Hilfsverein daran, Schulen zu begründen, die den mannigfachen Bedürfnissen der verschiedenen Bevölkerungsklassen Rechnung tragen. In Jerusalem ist im Herbst vorigen Jahres eine Mädchenschule eröffnet worden, die sich des lebhaftesten Zuspruchs erfreut. Die Errichtung der sechsklassigen Knabenschule in Jaffa, die im April dieses Jahres stattgefnnden hat, erweist sich auch aus dem Grunde als besonders segensreich, weil gerade in dieser Stadt eine sehr starke Einwanderung russischer Flüchtlinge, die kaum mehr als ihr Leben gerettet haben, stattgesunden hat, und eine dauernde Hilfeleistung kann segensreich vor allem in der Form einsetzen, daß den Kindern der unentgeltliche Besuch einer guten Schule ermöglicht wird. Außeretatsmüßig sind für diese Kinder bis zum Ende des Jahres zunächst 1500 Frcs.