Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 39 (18.9.1906)
- Date
- 1906-09-18
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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459 „Wie übel ist unier Kaiser beraten, wenn er von alledem nichts ahnt und wenn wir immer deutlicher das Verhängnis sich vollziehen sehen: die schrittweise Auslieferung der Reichsgewalt an die Juden. Noch immer will der treue Vaterlands- und Königsfreund sich das Furchtbare nicht eingestehen, noch immer hält er die ernsten Mahnrufe einzelner für Schwarzseherei und Uebertreibungen; aber von Zeit z» Zeit belehren uns nüchterne Tatsachen, daß wir auf dem abschüssigen Wege schon weiter vorgeschritten sind, als wir ahnen. Hat niemand in des Kaisers Nähe den Mut und das Pflichtgefühl, dem Monarchen die Augen zu öffnen? Dann werden die Männer um den Kaiser sich ein hartes Urteil von der Geschichte gefallen lassen müssen. . . Mit blutendem Herzen sieht der Vaterlandsfreund, wie die Reichsregierung Schritt für Schritt das Vertrauen im Volke verliert." Und in diesem Ton geht es durch die ganze antisemitischagrarische Presse. In der Tat, ein erbauliches Schauspiel! * Verschiedene Blätter — die nationalliberalen natürlich obenan — brachten in dieser Woche folgende, wie es scheint offiziöse. Korrespondenz aus Berlin: „Die Ausschreitungen und Verfolgungen, denen die Juden in Rußland ausgesetzt sind, werden von allen gesitteten Menschen mit Entrüstung gemißbilligt werden. Wenn aber hiesige Blätter verlangen, daß die europäischen Staaten deshalb in Petersburg vorstellig werden sollten, so haben sie wohl nicht recht erwogen, daß eine solche Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Zarenreiches recht bedenkliche Folgen haben könnte, falls sie in Petersburg, wie vorauszusehen ist, ungünstig ausgenommen oder gar, was sehr wahrscheinlich ist, entschieden zurückgewiesen werden sollte. Die Beiipiele europäischer Einmischung in innere Angelegenheiten einzelner Staaten, auf die man sich berust, um diplomatische Vorstellungen zugunsten der russischen Juden in Petersburg als gerechtfertigt und angezeigt erscheinen zu lassen, werden weder in London noch bei den anderen europäischen Großmächten Eindruck machen, weil man sich überall sagt, daß die Ordnung seiner inneren Angelegenheiten solange ausschließlich die Sache Rußlands ist, als dabei nicht allgemeine europäische Interessen von vitaler Bedeutung in Gefahr konimen. Das wird man aber von den Pogroms nicht behaupten können, so sehr man sie von rein menschlichem Standpunkte aus bedauern mag.'' Der Mann, der dies geschrieben,' war ein schlechter Prophet. Denn unmittelbar darauf kam die Nachricht aus London, daß der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Sir Charles Hardinge, am Montag eine Abordnung hervorragender englischer Juden empfangen habe, die ihm beunruhigende Meldungen über die Entstehung der Jndenmetzeleien in Siedlce und ihre Anstifter, sowie über bevorstehende weitere Pogroms in Warschau und an anderen Orten vorlegten. Der Inhalt dieser Informationen machte dem Vernehmen nach auf dcn Unterstaatssekretär so tiefen Eindruck, daß er an den britischen Botschaster in Petersburg, Sir Arthur Nicholson, telegraphierte, er solle in der Sache sofort dringende Vorstellungen bei der russischen Regierung erheben. In London betrachtet man es als einen Beweis für außergewöhnliche Gefahren, die den russischen Juden drohen, daß das britische Auswärtige Amt sich zu einem so bedeutungsvollen Schritt entschloß, vorausgesetzt, daß die Nachricht in dieser Form richtig ist, was noch der Bestätigung bedarf. * Die Aktion Fran^aise, eine aus dem Bunde des französischen Nationalismus hervorgegangene antisemitischklerikale Kampfverbindung, ist entschlossen, die D rey fu s s a ch e nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Sie ließ am 19. d. M. einen Maueranschlag ankleben, der unter der Ueberschrift „Aufruf an daS Land" unbekümmert um das Urteil des höchsten Gerichts Dreyfus als Spion und Landesverräter bezeichnet, ausführlich im Stil der Anklage von Rennes erzählt, er habe das Begleitschreiben verfaßt, nach seiner Degradierung sein Verbrechen eingestanden, Esterhazy bezahlt, damit er sich zur Urheberschaft des Begleitschreibens bekenne, und mit der Aufforderung an alle Vaterlandsfreunde schließt, General Mercier, „dem edlen Opfer der Juden und Judenknechte" als Ausdruck ihrer Bewunderung, unbeschadet künftiger Vergeltungen, eine goldene Ehrenmünze zu stiften. Die Polizei riß die Maueranschläge ab, die zu strafrechtlichem Einschreiten Anlaß geben werden. * Die russische Anleihe scheint trotz aller offiziösen Ableugnungen doch in Sicht zu sein: Denn Herr Stolypin beeilt sich, nach allen Richtungen hin zu telegraphieren, daß er die Pogroms mißbillige. So hat er wenigstens einer Deputation hervorragender Juden, die den Ministerpräsidenten jüngst besuchte, um gegen die Pogroms in Rußland zil protestieren, versichert. Stolypin drückte sein lebhaftes Bedauern über die Ereignisse in Siedlce und in anderen Städten aus. Er verurteilte auf das entschiedenste die Gewalttaten und Grausamkeiten der Truppen, die sich an dem Pogrom in Siedlce beteiligten. und meinte, die Pogroms seien ein Resultat der allgemeinen Aufregung unter der Bevölkerung. Herr Stolypin erklärte darauf, daß der Pogrom von Siedlce der letzte sein soll. Er habe die Absicht, die Juden durch ein Gesetz zu emanzipieren. Ferner hat er den bei ihm erschienenen Baron Günzburg und Rechtsanwalt Sliosberg versichert, daß ihm von der Absicht, die in Siedlce verhafteten Juden dem Feldgericht zu übergeben, nichts bekannt sei. Er halte eine derartige Maßnahme auch „nicht für wünschenswert" und werde in diesem Sinne dem Generalgonverneur von Siedlce Anweisungen geben. Auch das Odessaer Komitee der reaktionären Partei „Bund des russischen Volkes" erhielt von seinem Präsidenten Grafen Konownizin aus Petersburg eine Depesche, in der er mitteilte, daß er vom Ministerpräsidenten Stolypin empfangen worden sei. Dieser habe ihm gesagt, daß er keine weiteren Judenhetzen zulaffen werde. Das ist gewiß sehr menschenfreundlich von Herrn Stolypin, wird aber die Juden im russischen Reiche kaum beruhigen. Es fragt sich nämlich, ob Herr Stolypin auch die Macht besitzt, Judenhetzen zu verhüten, nachdem unter seiner Regierung das Banditentum so üppig in die Halnie geschossen ist. Das Schwarze Hundert hat nun am Morden und Plündern Geschmack gefunden und wird sich die behördliche Störung ihres recht einträglichen Geschäftsbetriebs höflichst verbitten. Und wie wenig Einfluß Herr Stolypin auf die ihm untergeordneten Stellen hat, die vielfach „auch von Männern des russischen Volkes" geleitet werden, ergibt sich aus nachstehender Meldung, die der Ankündigung eines neuen Pogroms verzweifelt ähnlich sieht. Es wird aus Siedlce telegraphiert: „Ter Gouverneur ließ den Vorstand der jüdischen Gemeinde wissen, daß, im Falle eine Bombe geschleudert werden sollte, kein einziger Jude der Stadt am Leben bleiben würde. Diese Erklärung hat neue Panik erzeugt, da die Bevölkerung natürlich keine Garantie für jeden einzelnen Bewohner übernehmen kann, um so weniger, da der letzte Pogrom erwiesenermaßen nicht durch Untaten von Juden, sondern durch Schüsse von Lockspitzeln der Reaktion hervorgerufen worden ist. Dem deutschen Bureau der Alliance Israölite Universelle wird von zuständiger Stelle aus Warschau gemeldet, daß laut Feststellung der nach Siedlce entsandten Hilfskommission über 1000