Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 39 (18.9.1906)
- Date
- 1906-09-18
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- --r -vyzasK dies so geworden? Weil der Mangel an Religiosität die meisten jedes inneren Halts beraubt und sie nicht zu weihevollen Stunden der Erhebung kommen läßt, die dem weiblichen Gemüte so wohl, ja so not tun! - Darum laßt uns auch einmal an das Ziel des Lebens denken in diesen Tagen; denn deshalb hat ja unsere Religion die Zeit der Buße und Besserung, wo die ernsten Fragen des Lebens uns schwer aufs Herz fallen, gerade in den Herbst gelegt. Ter Herbst predigt uns so eindringlich wie möglich ernst zu sein, bedächtig zu sein: Ehe du dich besten versiehst, ist der Winter da und das Ende des Lebens! Wie wenige Menschen geben sich im Hasten und Drängen des modernen Lebens auch nur in einer einzigen Stunde Rechenschaft über alle diese Fragen und Sorgen! Darum hat der Versöhnungstag gerade für das moderne Judentum eine ganz besondere Bedeutung und Weihe. Wäre er nicht da, so müßte er geradezu eigens geschaffen werden, um uns zurückzuführen aus der niedrigen Zeitlichkeit in die höheren Regionen des Daseins. Die meisten von uns — sagen wir es offen heraus — geben sich auf die wichtigste Frage des Erdendaseins, warum sie da seien, gar keine Antwort. Sie sind eben da, weil sie da sind, und weil sie einmal da sind, so wollen sie lustig und vergnügt sein. „Laßt unS effen und trinken, denn morgen müffen wir ja doch sterben." So haben schon die Materialisten in biblischer Zeit gesprochen. Und so sprechen sie auch heute noch; nur daß sie diesen niedrigen Aeußerungen materiellen Lebens heute ein philosophisches Mäntelchen umhängen. Weil das Leben ein Traum, so wollen sie es angenehm verträumen. Weil es bloß ein blödes Spiel des Zufalls, darum lohnt es sich nicht, es ernst zu nehmen. Das ist in der Gegenwart — leider! leider! — die erschlaffende, jeden höheren Gedanken ertötende Lebensanschauung vieler Menschen. Und wir müssen gestehen,, daß diese Denkweise auch in unseren Kreisen reißende Fortschritte gemacht hat. Ihr, ja ihr allein ist die schnöde Gleichgültigkeit gegen Gott und Religion, die immer mehr sich in erschreckender Weise verbreitet, znzuschreiben; denn da die Welt vom Zufall regiert wird, wer sollte sich um Dinge bekümmern, die über den gewöhnlichen Gesichtskreis hinausgehen? Aber seid versichert, daß das Religiöse sich nicht unterdrücken, nicht hinweg spötteln und hinweg tändeln läßt, und das Vordrängen der finsteren Elemente auf allen Gebieten der Religion und des staatlichen Lebens in unserer Zeit nur eine gerechte Strafe ist für die Vernachlässigung des religiösen Lebet ) bei den Freien. und Fortgeschrittenen, welches sich nun emmal nicht ungestraft preisgeben läßt. Lasst uns darum am Versöhnungstage den festen Entschluß fasten, das religiöse Leben in unseren Gemeinden und in unfern Häusern wieder zu kräftigen; retten wir uns und unseren Kindern die Religion, welche uns Über des Lebens Zweck und seine heilige Bestimmung besseren Aufschluß und bessere Anleitung gibt, als das trostlose Nirwana, als der öde Pessimismus Schopenhauers und die freche Herrenmoral Nietzsches. Denn mit der Frage: Warum find wir da?, .mit dem Forschen nach dem Zweck und Ziel des Lebens, macht die Religion erst ihre trostreiche Wirksamkeit für den Menschen wahrhaft geltend. „Aus Staub zum Staube!" welch eine trostlose Lebensreise! „Aus Gott zu Gott!" welch eine erhebende Aussicht auf den Weg unseres Lebens. Nun, ihr Männer und Frauen in Israel, gehet hin und wählet, für welche Weltanschauung ihr euch entscheiden und welche ihr euren Kindern auf den Lebensweg mitgeben wollet. Sie Woche. Berlin, 25. September. * iltn Lager der Antisemiten, Bündler und Tivoli- Konservativen herrschen Trauer und Unmut. Man ist wieder einmal mit Kaiser und Reich sehr unzufrieden und läßt dieser Unzufriedenheit in einer Weise freien Lauf, die nur von den Sozialdemokraten abgelernt sein kann. Was ist geschehen? Ein seit vierzig-Jahren getaufter oder gar als Christ geborener Bankleiter ist zum Kolonialdirektor ernannt worden. Und im Kriegsministerium ist eine Untersuchung über den Modus bei den Wahlen zu Reserve-Offizieren im Gänge. Diese beiden Tatsachen haben die vereinigten Antisemiten außer Rand und Bond gebracht. Sie sehen schon alle preußischen Ministerien mit Juden besetzt; sie fürchten, bald einen General Cohn und einen Leutnant im preußischen Heere zu finden. Oder wenigstens sie tun so, als ob sie Derartiges fürchteten! Denn tatsächlich wiffen sie sehr genau, daß etwas Derartiges unter den gegenwärtigen Verhältniffen nicht im entferntesten zu befürchten oder zu erhoffen ist. Für uns hat aber dieses häßliche Treiben ein doppeltes Interesse. Erstens zeigt es uns, was unsere frommen Konservativen, die jährlich Tausende für die Mission ausgeben, in Wirklichkeit von der Taufe halten. Kaum konnte ein wirksameres Argument gegen diejenigen Eltern, die behaupten, daß sie durch diesen Schritt ihren Kindern die Karriere erschließen wollen, gefunden werden, als diese wüste Hetze gegen den getauften Beamten. Sodann aber sehen wir hier von neuem ein Beispiel des konservativ-antisemitischen Patriotismus in schönster Blüte, dieses Patriotismus, der sich, wenn die Regierung seinen Willen tut, in byzantinischen Wendungen förmlich überschlägt, der aber, wenn die Regierung ihm auch nur ein einziges Mal , nicht zu Willen ist, sofort mit Keulenschlügen droht, die nur i einem Sozialdemokraten Wohlgefallen entlocken können. Wir! geben hier einige Proben dieses antisemitischen Patriotismus 1 wieder. Das eine Blatt schreibt: 1 „Der christliche Großkaufmann Viktor v. Podbielski soll und muh , in den Orkus, weil er Rebbach machte. Eine Meute ist hinter ihm her. Der jüdische Bankdirektor Dernburg aber, ein kecker Börsianer- , der niemals Rücksichten kannte, Dernburg wird zu Enos Nachfolger ernannt. Deutsche Männer müssen abseits stehen und trauernd dulden, datz die Gegenwart Seltsameres bringt, als je von einer 1 Herrschaft des dritten Friedrich gefürchtet wurde. Niegaltdas Judentum mehr am Preutzenbose, nie stand das schäbigste 1 Jobber- und Parvenutum der neuen Welt höher im höstschen Kurse. i Es sind die Vertreter derselben Klasse, deren Presse ihre Aufgabe! darin erblickt, den Monarchismus dauernd zu verdächtigen; An- - gehörige jener völkerzersetzenden Nation, die Rußland an den Rand ’ des Verderbens führte. j Immer deutlicher wird es, immer klarer wird es erwiesen, daß die Regierungszeit Wilhelm des Zweiten dem „auserwählten Volke" eine Periode der Gnade ist. In der Politik haben sich namhafte Ver- > treter des Stammes der „Unterdrückten" einflußreiche Positionen er- * kämpst; desto einflußreicher, je weniger sie oberflächlichen Blicken < sichtbar finix Herr Ballin ist der unverantwortliche Ratgeber des i Deutschen Kaisers! Die Friedländer, Schwabach, Simon usw. werden i zu intimer Tafelrunde ins Schloß gebeten. Wie lange noch wird es j dauern und auch unser Offizierkorps steht dem ägyptischen Adel offen? Die neuen Bestimmungen über die Osfizierswahl, die augenblicklich in Vorbereitung find, erwecken ganz den. Eindruck, als ob sie dazu dienen sollten, die Ballotage abhängiger als bisher von. äußern, höheren Einflüssen zu machen." . f Schauderhaft, höchst schauderhaft! In die gleiche , Kerbe t haut ein sächsisches Antisemitenblatt, in dem ein großer Patriot , also wehklagt: . : e