Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 39 (18.9.1906)
- Date
- 1906-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 28. September 1906. 70. Jahrgang. No. 39. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemeistr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgeni. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnoffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements -pr ei s: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Lmn Verlöhnungstsgr. 'Berlin, 27. September, er Gedanke, daß das Neujahrsfest und der Versöhnungstag zusammengehören und als gesonderte Teile eines und desselben Festes zu erkennen sind, ist ein alter, und doch drängt er sich uns immer wieder in dieser Zeit auf. Schon unsere Alten haben das Neujahrsfest mit Recht als eine Vorbereitung für den Versöhnungstag angesehen und erklärt, daß dieser für das ganze Jahr von derselben Bedeutung sei, wie der Sabbat für die einzelnen Wochen, wie denn in der Tat der Versöhnungstag in der Heiligen Schrift als der Sabbat der Sabbate bezeichnet wird. Was ist nun entsprechend dieser Bedeutung des großen Tages, entsprechend aber auch den durchgreifenden Veränderungen, die das religiöse Leben seit einem Jahrhundert erhalten hat, unsere Aufgabe an diesem Tage? Im Grunde genommen dieselbe wie die unserer Ahnen und doch, wenn wir ehrlich sein wollen, wiederum eine ganz andere. Wir dürfen es vor allem nicht vergessen, daß der Versöhnungstag eine ausschließlich jüdische Institution und nicht, wie alle anderen Feste, in eine von den Tochterreligionen übergegangen ist. Und wenn wir dies nicht vergessen, dann werden wir auch unserer Aufgabe an diesem Tage gerecht werden, die für jeden einzelnen doch nur darin bestehen kann, sich in das Innerste seines eigenen Gemüts zu versenken und sich mit demselben zu den unerreichbaren Höhen der göttlichen Allmacht emporzüschwingen; sich seines innersten Lebens, der verborgensten Triebfeder seines Denkens und Handelns bewußt zu werden und den göttlichen Anteil seines Daseins wahrzunehmen, um denselben behüten und bewahren zu können. Der Versöhnungstag ist es, der dem Menschen zu seiner Bestimmung, zu seiner Vollkommenheit verhilft. Je mehr die Menschheit aber ihre Vollkommenheit erreicht, desto vollkommener wird die göttliche Schöpfung, weil ja das Leben der Menschheit den wesentlichen Teil dieser göttlichen Schöpfung bildet. Deshalb müssen wir der Arbeit und dem Getriebe des alltäglichen Lebens entsagen, um uns in vollkommener Freiheit des Geistes den Bestrebungen hinzugeben, durch welche der Mensch seine höchsten religiösen und sittlichen Aufgaben zu erfüllen vermag, um in der Erkenntnis seines Selbst und im Aufblick zur göttlichen Vollkommenheit den wahren Quell des Heils und des Segens zu finden. Es soll der heiligste der Sabbate also ein Tag der Versöhnung des Menschen mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen und mit der Gottheit sein. Wie notwendig aber ein solcher Feiertag - gerade für den modernen Menschen im Getriebe des Alltags ist, das braucht wohl nicht immer von neuem wieder betont zu werden. Wer die Frage nach dem Zweck des Lebens sich ernstlich beantwortet, wer über die Fragen: woher komme ich, wohin gehe ich und warum bin ich? sich selbst genaue Rechenschaft gibt, der allein feiert den Versöhnungstag in richtiger Weise. Namentlich die zweite dieser Fragen hat für den modernen Menschen ihre hohe Bedeutung. Wir alle wissen, daß wir Staub sind und zum Staube wiederkehren. Keines seiner künftigen Schicksale ist dem Menschen bekannt, aber das weiß er, daß er sterben muß, und dennoch sind unsere Wünsche fast ausschließlich vergänglichen Dingen zugewendet. Wir leben und kämpfen, wir arbeiten und sorgen, wir verdienen lind verlieren — und wie in den Werkstätten, wo es den ganzen Tag hämmert und klopft, surrt und saust, die Maschine die Hauptsache, der Mensch aber zur Nebensache geworden ist, so bewegt sich in dem Lärmen und Treiben der jetzigen Welt um die Achse der Alltäglichkeit leider der meisten Dasein; der Mensch, das, was diesen heiligen Namen in uns verdient, das ist zur Nebensache herabgesunken. Wir stürmen rastlos vorwärts, aber nicht hinauf zu der Höhe, wo die Edleren und Besseren stehen, sondern zu der Höhe, wo die Reicheren und Vornehmen leben, damit wir ebensoviel Glanz, ebensoviel Geld, ebensoviele Ehren, ebensoviel Vergnügen haben wie jene. Dieses Vördrängen, dieses sich Emporschwindeln, ach, für wie viele war es schon ein Stürzen und Versinken! Wie viele edlere Naturen unter uns gingen an dieser unbändigen Sehnsucht, reich zu werden und zu genießen, reich zu werden um jeden Preis und zu genießen alles, was das Leben bietet, „sich auszuleben", wie das verhängnisvolle moderne Schlagwort heißt, vollständig unter, nud sie rissen auch noch ihre Kinder mit hinein in den Schwindel, so daß fast keine Wahrheit, keine Sicherheit, keine Zuverlässigkeit, keine Tüchtigkeit der Gesinnung mehr zu finden ist in dieser modernen Welt, und nur noch Selbstsucht und Geldgier alles gefesselt hat und gefangen hält. Aber kann es denn anders sein? Unsere Männer und Frauen, wollen sie denn an den Ernst des Lebens und an dessen höhere Bedeutung gemahnt werden? Gehen sie nicht der Religion und ihrem Mahnruf absichtlich so weit als nur möglich aus dem Wege? Ist nicht das Leben so vieler, wir dürfen leider sagen: der meisten, ausgehöhlt und verflacht, weil sie sich aller Religion entfremdet haben, die doch von Zeit zu Zeit an Grab und Tod, an Gott und Unsterblichkeit, überhaupt an ideale Dinge mahnt? Und ist nicht namentlich unsere Frauenwelt von dieser Verflachung des Lebens bedroht? Sie, deren Sinn gewöhnlich nur aus Putz und Tand, auf Eitles und Nichtiges gerichtet ist, bis das ganze Leben in Schaum sich verflüchtigt, sie, die bei der wichtigen Frage: Wohin? am liebsten antwortet: Zum Vergnügen! Und warum ist