Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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456 - / Allgen der Welt unwissend stellen, um vorkommenden Falles nicht mit in Fernandos Unglück verstrickt zu werden. Diego hatte den jungen Fernando zum erstenmal bei einer jener nächtlichen. Zusammenkünfte gesehen, in denen die Marannen ganz im Geheimen die Zeremonien des jüdischen Kultus feierten rrnd ihre Kinder im wahren Glauben unterrichteten. Das war immer eine der ergreifendsten und schrecklichsten Stuudell im Leben dieser Familien. Für die jungen Mädchen wählte man je nach den Verhältnissen Ort ltnb Stullde für diese Enthüllungen; mitunter wartete man, wie es Diego getall hatte, die Zeit ihrer Verheiratung ab; denn vor der kirchlichen Trauung erhielten die Verlobten immer erst in der Stille der Nacht den ehelichen Segen nach dem Gesetze Moses. Die Knaben hingegen führte man, wenn sie ins vierzehnte Lebensjahr traten, in eine religiöse Versammlung ihres Volkes; Ulan sagte ihnen ihre Abstammung und die Gesetze, die sie verdammten. Man forderte sie auf, zu wählen zwischen dem Gott ihrer Väter und dem ihrer Verfolger; man reichte ihnen ein Schwert, und wenn sie katholisch bleibell wollten, forderte man sie auf, ihre Eltern lieber zu durchbohrell, als der Inquisition zu denunzieren, denll das machte ihnen ihr religiöser Glaube zur Pflicht. Nach einer derartigen Mitteilung, vor einer so grausamen Alterllative, blieben die Knaben mitunter starr vor Erstaunen, aber keiner schwankte lange zwischen seinen Eltern und dem heiligen Offizium. Als man bei dieser feierlichell Gelegenheit dem jungen Fernando das Schwert in die Hand gedrückt hatte, damit er feine Wohltäter töte, anstatt sie ben Inquisitoren zu überliefern, als man ihm gesagt hatte, wie seine unglücklichen Eltern umgekommen waren, erfaßte der mutige Knabe lebhaft die Waffe und trat erhobene!: Hauptes mit feurigem Blick in die Mitte der Versammlung: „Ja," sagte er mit dumpfer Stimme, „ich will den Degen ergreifen, aber unsere Feinde will ich mit ilnn überfallen. Laßt mir diese Waffe, damit ich Euch alle rächen kann!" Dieser Mut, diese edle Indignation in einem so zarten Alter, entzückten Diego. Er beschloß, den armen Waisenknaben zu adoptieren und ihn eines Tages zum Gatten seiner einzigen Tochter zu machen, und wir haben gesehen, mit welcher Vorsicht er an dieses gute Werk hatte gehen müssen. Neben alledem hing die projektierte Ehe zwischen Fernando und Juanita auch innig mit dem Auswanderungsplan Diegos zusammen; denn das war das Ziel, auf welches alle Marannen losgingen; sie wollte:: den: von den Schrecken der Inquisition verwüsteten Lande sobald als möglich den Rücken kehren. Aber wie viel Vorsicht war erforderlich, um zu diesem Ziele zu gelangen! Es gab viele Marannen, deren jüdische Abstammung im allgemeinen unbekannt war; denn drei oder vier Geschlechter waren dahingegangen, seitdem ihre Vorfahren zur Abschwörung ihres Glaubens gezwungen worden waren. Aber die Inquisition hatte ihre Traditionen, sie verlor die Nachkonnnen der Neuchristen, wie sie sie nannte, niemals aus den Augen und urnringte sie mit Spionen und Angeberin Jeder Versuch zur Abreise war ein gefährliches Wagestück und konnte die Unglücklichen nur zu leicht erst recht in den Abgrund stürzen, den: sie um jeden Preis entfliehen wollten. Die Stadt Saragossa zählte schon seit langer Zeit nur noch sehr wenige^Marannen in ihren Mauern, obgleich ehemals ihre angesehensten Bewohner Nachkommen getaufter. Juden gewesen waren; aber die meisten von ihnen waren getötet worden oder hatten sich infolge der Verschwörung, die dem berüchtigten Großinquisitor von Arragonien, Peter von Arbues, dem sogenannten Meister Epila, einem der blutgierigsten Diener des fluchwürdigen Torquemada, das Leben gekostet hatte, nach allen Seiten hin zerstreut. So gab es in der Zeit, von welcher wir sprechen, keine anderen Marannen mehr, als einige Mönche in abgelegenen Klöstern, Bruder Enriquez, den Sekretär des Inquisitors Molina de Medrano, und endlich Diego und seine Familie. Und auch dieser letztere bereitete schon lange seine Flucht vor. Ruhig abwartend, heuchelte er die größte Frömmigkeit; er machte häufig den Kirchen und Priestern reiche Geschenke und bedeckte die Bilder der Madonna und der Heiligen mit kostbaren Geschmeiden. Von Zeit zu Zeit vergaß er auch nicht, hier und da liegende Gründe anzukaufen, um jeden Verdacht eines Fluchtversuches vorsichtig zu zerstreuen. Außerdem aber unterhielt Diego eine lebhafte Handelsverbindung mit seinen Glaubensgenossen in anderen Städten, von der man in Saragossa keine Ahnung hatte und zu deren Ausführung er so häufig die Dienste der Gardunja nötig hatte. Er bezahlte ihre Leistungen reichlich, ohne jemals zu feilschen; und dadurch hatte er sich die Gnade und Beschützung dieser berüchtigten Genossenschaft erworben, ein Glück, das durchaus nicht zu unterschätzen war. Er und alle die Seinigen besaßen ein Losungswort, welches allen Gardunjas der Provinz bekannt war, und der Name Diegos reichte hin, die gewaltige Hand der gefürchtetsten Räuber, wo immer man sie traf, schlaff und untätig zu machen. Während Diego so seine Güter durch Länderankauf zu immobilisieren schien, ließ er in Wirklichkeit den größten Teil seines Vermögens ins Ausland wandern, um sich Hilfsquellen vorzubereiten und im günstigen Augenblick sofort abreisen zu können. Aber diese Abreise erforderte die größte Umsicht und Gewandtheit. Der Plan Diegos war übrigens sehr schlau erdacht und mußte, wenn r:ur einigermaßen geschickt ausgeführt, auch den geringsten Verdacht zerstreuen. (Forts, folgt.) SMeHsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ie in Nr. 37 enthaltene Notiz „Zur Geschichte des „Ewigen Juden" veranlaßt mich, ergebenst darauf aufmerksam zu machen, daß ich die Schuhe, die der Ulmer Altertumsverein besitzt, in meiner Abhandlung: „Der Ewige Jude — kein Jude" (veröffentlicht in der Zeitschrist „Im deutschen Reich", Heft 1, Jahrgang X, S. 17, Januar 1904) wie folgt besprochen habe: „Im Ulmer Altertumsverein wurden anläßlich eines vom Diakonus Klemm gehaltenen Vortrages über den „Ewigen Juden" große und schwere, aus hunderten von Leder streifen und Flecken zusaui mengesetzte Schuhe vorgezeigt, welche Ahasver vor langer Zeit auf der „oberen Bleiche" in Ulm zurückgelassen haben soll. Diese im dortigen Altertumsverein vorhandenen sogenannten Pönitentiarschuhe beweisen aber für die Ahasver-Sage so gut wie nichts, denn im Mittelalter ist solches seltsame Schuhwerk häufig von Reuigen zur Abbüßung ihrer Sünden getragen worden." Herr Diakonus Klemm hat diese Meinung entschieden vertreten; der Zustand der Schuhe ist auch ein solcher, daß sie niemals ein Schuhmacher als Wahrzeichen geeignet betrachten konnte. Berlin, 15. September 1906. Ihr ergebener Alphonse Levh. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Matz Banchwitz in Berlin.