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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-21 · Heft 38 (21.9.1906) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 38 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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455 ^güUtLt6üo>^ 5E5ÜCÖS LLÄL Aus trüber Leit. Eine historische Erzählung. IV. II ls Diego die letzten Worte gesprochen hatte, öffnete er die Tür und ging von Juanita begleitet hinaus. Das arme junge Mädchen fühlte sich bedeutend erleichtert, als sie das inysteriöse Halbdunkel des Gemaches, in welchem sie ein so furchtbares Geheimnis erfahren hatte, hinter sich sah; sie war | viel gefaßter, als sie sich wieder in der freien Luft befand und das helle Tageslicht ihr neuen Mut einflößte. Sie trat an das weit geöffnete Fenster, uin freier atmen zu können; sprachlos stand sie da, bleich und zitternd. Sie hatte im Hofe soeben den Bruder Enriguez bemerkt, der seine Schritte auf das Haus zu nahm. Es war ein menschenfeindlicher Dominikaner, der als erster Geheimschreiber des Großinquisitors der Stadt Molina de Medrano für einen der fanatischsten Anhänger des heiligen Offiziums galt. Noch nie hatte Juanita den Mönch bei ihrem Vater gesehen, und als sie ihn jetzt erblickte, wurde sie von einem unbeschreiblichen Schrecken ergriffen; alle Schauderszenen der Inquisition, die ihr Diego vorhin mit so beredten Worten und in so glühenden Farben geschildert hatte, traten ihr wieder vor Augen; sie fühlte schon, wie die gewaltige Hand der Inquisition mit aller Wucht auf sie und die Ihrigen niederfiel. „Großer Gott, was ist Dir, mein Kind?" rief Diego außer sich vor Schreck. Juanita versuchte zu antworten, aber die Angst erstickte ihre Stimme. Diego eilte ans Fenster, aber er sah nichts; der Mönch hatte bereits die Schwelle des Hauses überschritten. Um so mehr war er erstaunt und wandte sich fragend zn seiner Tochter um. In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür; Juanita hatte trotz des Schreckens mit einer schnellen Bewegung einen Finger auf den Mund gelegt; sie nahm alle Kraft zusammen, um die möglichste Kälte zur Schau zu tragen. Der Mönch trat ein. ' Er war ein Mann in den vierziger Jahren, von hoher Statur und einnehmendem Aeußern; unter seiner hohen und breiten Stirn blitzten zwei lebhafte und durchdringende Augen hervor, seine Züge waren streng und trugen dabei, den Ausdruck großer Klugheit und tiefen Verstandes. Bruder Enriquez bemerkte sofort die Blässe und Aufregung des jungen Mädchens, er trat an sie heran mit einer Miene, die von "dem lebhaften Interesse für sie Zeugnis gab. Juanita wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Jetzt verstand Diego erst den Plötzlichen Schrecken, der Juanita befallen hatte. Er näherte sich ihr, geheimnisvoll lächelnd. „Fürchte nichts,^mein Kind," sagte er,leise zu ihr, „es ist ein Freund. Auch er gehört zu den Unfern." Juanita war im höchsten Grade überrascht. „Wie?" murmelte sie, „Bruder Enriquez zu den Unsrigen!" Der Mönch warf einen fragenden Blick aus Diego; dieser neigte als Zeichen der Zustimmung das Haupt; der Mönch trat nun ebenfalls zu Juanita her. Er blickte sie besorgt an und sagte halblaut: „Ja, mein Kind, auch ich bin ein Freund, hörst Du? Ich bin ein Beschützer für Dich, wenn es sein mnß; aber sei vorsichtig mein Kind; ich liebe Dich schon lange und wachte über Dich wie ein Vater." Und er drückte einen Kns; auf die reine Stirn des jungen Mädchens. Juanita glaubte wieder zu träumen, sie konnte nicht glauben, was sie sah, was sie hörte; zugleich fühlte sie sich tief gerührt durch die Liebesbeweise, die man ihr gab. In diesem Augenblicke öffnete Fernando die Tür. Er wußte ohne Zweifel, was sich ereignet hatte, denn er kam auf Juanita zu und drückte ihr zärtlich die Hand, ohne ein Wort' hervorbringen zu können. Juanita blieb ebenfalls stumm, aber ihr Herz floß über und sie fühlte sich viel stärker gegen die Gefahr inmitten der drei Männer, die sie mit gleicher Hingebung liebten und sie mit einer dreifachen Schutzmauer zu umgeben schienen. Für Juanita, die erst seit einiger Zeit tu das Geheimnis ihrer Abstamniung und in die wahre Lage der Ihrigen eingeweiht war, war es allerdings ein hinreichender Grund zur Verwunderung, daß ein heimlicher Jude Mönch und Sekretär des Großinquisitors sei; aber die Marannen jener Zeit fanden nichts Außergewöhnliches darin, einen der Ihrigen in kirchlichen Gewändern und selbst unter den Dienern des heiligen Offiziums zu sehen. Die Abgeschiedenheit in den klösterlichen Zellen gestattete diesen falschen Christen eine häufigere und gefahrlosere Ausübung der jüdischen Religion; in den Reihen der Inquisition waren sie selber nicht allein geschützt vor Denunziationen, sondern sie konnten auch häufig ihren Glaubensgenoffen außerordentliche Dienste leisten. So hatten in der Tat auch nicht die öffentlichen Belustigungen und die in der Stadt verbotenen Festlichkeitei: Diegos Freunde, die alle ebenso wie er Marannen waren, nach Saragossa gelockt; sie waren nur ein Umstand, den sie benutzten, um sich, ohne Verdacht zu erregen, versammeln zu können. Sie waren absichtlich zu spät von Hause aufgebrochen, uin in den Gasthöfen kein Unterkommen mehr zu finden und so einen natürlichen Grund zu haben, weshalb sie unter demselben Dache mit Diego wohnen konnten. So war dieser Waisenknabe Fernando, dessen Abkunft man nicht kannte und der ein so unsicheres Leben geführt hatte, bis ihn ein glückliches Geschick mit Diego in Verbindung brachte, diesem letzteren durchaus nicht unbekannt gewesen; er selbst hatte ihn einst nach Saragossa kommen lassen in der Absicht, sich seiner anzunehmen und ihn einst znm Gemahl seiner Tochter zu machen. Fernando war der Sohn jener unglücklichen Jüdin, die Diego bei einem Autodasihatte sterben sehen und die das Königspaar trotz ihres Mitleids mit der'jugendlichen Schönheit des Opfers den Henkern der Inquisition nicht zu entreißen gewagt hatte. ZumWlück für das Kind befand es sich damals fern von feiner Mutter unter der Obhut einer Amme, die seine Eltern nicht kannte. Man ließ den jungen Fernando'als Waise gelten, denn als Sohn einer Ketzerin, die ihr Leben auf dem Scheiterhaufen geendet hatte, war er für ewige Zeiten für infam erklärt, von jedem öffentlichen Amte, von jeder Ehrenstelle ausgeschlossen, und durfte weder Waffen, noch Gold und Silber, weder Perlen, Seide, noch feine Linnen besitzen. Der junge Mann hätte sich durch Uebertretung dieser Verbote in die größte Gefahr gestürzt, wenn die Inquisition das Geheimnis seiner Geburt entdeckt hätte; jedenfalls mußte sich Diego der Vorsicht halber vor den!! , | ’ij | ’jj;

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