Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Juden, kann nur aus tiefen und unvergeßlichen Jugendeindrücken stammen. Und was das Merkwürdigste ist: Fast alles, was Heine vorbringt, ist richtig, während wir bei den meisten späteren Erzählern aus der Judengasse den gröbsten Schnitzern begegnen. Ja, es scheint, als hätte Heine in seinem Roman das ganze religiöse Leben der Juden umspannen wollen. Die jüdische Trauungsformel, das Fasten am Montag und Donnerstag, die große und genaue Schilderung des Passahfestes mit allen Einzelheiten, der Inhalt der Hagada und ihrer Legenden bis aus den „herkömmlich" singenden Ton, womit dieselbe vorgelesen wird, das Interieur des Rabbinerhauses, die Trachten der Bewohner desselben und der Gäste, die Begrüßung der Fremden, die Szene mit der Darstellung der ägyptischen Plagen, welche übrigens in den „Bädern von Lucca" gleichfalls in sehr ergötzlicher Weise verwertet wird/) das Waschen vor dem Essen, der Sabbatnachmittag mit dem Examen und dem Sabbatobst, das Myrrhen-Suchen vor dem Laubhütten feste, das Nachtgebet, die Vorschriften für die achtzehn Benediktionen, das Volkslied der Hagada, die talmudischen Vorschriften für Gefahr am Sabbat, das Interieur der Synagoge, die Schilderung des Gottesdienstes, insbesondere der Thora-Vorlesung, das Dankgebet für die Rettung aus der Gefahr, die Melodien des Passahfestes, endlich die Vorgänge beim Backen der ungesäuerten Brote und — Isst not lesst — der Schalet, „unseres Herrgotts koscheres Ambrosia"/) dies alles ist historisch treu lind sachlich wahr von Heine dargestellt. Mit aller Mühe llnd trotz eifrigen Suchens habe ich nur ivenige größere Fehler in der Darstellung finden können. Unrichtig scheint mir der Angstruf der schönen Sarah zu sein: „Schadai, voller Gnade!"3) Auch ist es nicht aus jüdischem, sondern aus heidnischem Geiste heraus, wenn der Rabbi das silberne Waschbecken in den Rhein hinabwirft mit der Motivierung: „Damit uns das Unglück nicht verfolge, habe ich ihnen das letzte meiner Habe, das silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen." Unrichtig ist es auch, daß Heine den biblischen Bericht über die Opferung Isaaks am Passahfest in der Synagoge verlesen läßt, während diese Vorlesung tatsächlich nur für den zweiten Tag des Neujahrsfestes vorgeschriebe» ist/) und endlich, daß er beim Herausheben der Thora-Rollen aus der Lade deil Vorbeter einen schönen Psalm singen läßt. Den schönen Psalm hört man vielmehr beim Zurückstellen der Thora-Nollen nach der Vorlesung aus derselben. Ebenso ist es falsch, daß „aus der geöffneteil Pergamentrolle in jenem singenden Tone, der am Passahfeste noch ganz besonders moduliert wird" -"'), vorgelesen wurde. Die besondere Modulation findet sich nur an den beiden Neujahrstagen und bei dem Mvrgengottcsdienste des Versöhnungstages, während sie an den anderen Feiertagen dieselbe ist wie ail den Sabbaten. Fast scheint es, als hätte der Schalk, der ja die alten Bräuche sogut kannte, die Opferung Isaaks absichtlich nur deshalb hineingebracht, um seine bekannten Witze daranzuknüpfen. Aber was bedeuten alle diese kleinen Fehler und Jrrtümer gegenüber der großen historischen Auffassung des Ganzen? Der Geist der jüdischen Geschichte hatte sich ihm offenbart, und er ahnte in dem Helden- und Märtyrerzug dieses Volkes durch die Weltgeschichte eine große, sittliche Mission. Darin liegt vor allem die Bedeutung des „Rabbi von Bacharach". Uild auch seine Hoffnung, daß ihm diese geistige Rüstung auch in Zukunft zustatten kommen werde, ist in Erfüllung ') III. 363. II. 385. 3) IV. 232 ff. h Ib. 246. ») Ib. 251. gegangen. Durch sein ganzes Leben folgen ihm jene Erinnerungen heiterer, oder wehmütiger Art/), und immer und immer wieder hören wir aus Scherzen und Klagen, aus Liedern und Worten die tiefen Töne der Trauer, die Melodien jenes altersgrauen Judenschmerzes, der zwar nur eine einzelne Provinz im großen Reiche des Weltschmerzes bildet, der uns aber doch Heines Herzensvorhang aufdeckt lind deutlich zeigt, wie er im letzten Grunde immer nur ein armer Nazarener geblieben, der sich zwar in glücklichen Stunden gern zum sonnensreudigen Hellenen aufschwingen wollte, der aber doch, selbst als ihn die Wogen des Judenhaffes nicht mehr so stark umbrandeten, das Leid seiner Stammesgenossen nimmer vergessen konnte. Und immer, so oft ihn jene Stimmung der Wahrheit überkam, aus der sein „Rabbi" hervorgegangen, gestand er es sich selbst ein, daß auch er im Grunde nur ein spiritualistischer Jude sei, und dann entströmte seinem Herzen das offene Geständnis: „Wenn ich am Tage wohlbeleibt und lachend dahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylons, glaubt mirs, sobald der Abend herabsinkt, erklingen die wehmütigen Harfen in meinem Herzen, und gerade des Nachts erschmettern alle Pauken und Chmbeln des Schmerzes, der ganzen Janitscharenmusik verhaltener Quell, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz" . . /) In solchen Stunden erscheint ihm denn auch seine Lebenswanderulig von der Judengasse zu Frankfurt a. M. bis auf die Matratzengruft zu Paris, vom „Rabbi" bis zum „Romanzero", wie ein endlos schauriger Passionsweg. Heine ist der Dichter der Traumbilder. Mit Traumbildern hat er die poetische Bahn betreten, mit einem Traumbild verläßt er sie. Aber auch durch dieses Traumbild von der schwefelgelben Passionsblume zieht sich jener uralte Riß: „Die Gegensätze sind hier grell gepaart, Des Griechen Lustsinn und der Gottgedanke Judäas! Und in Arabeskenart Um beide schlingt der Epheu seine Ranke." Der Dichter ist ein vorwärtsschauender Prophet. Er ahnt in seinem hehren Geiste die künftige Verklärung und Versöhnung dieser Gegensätze. Vor seinem Seherauge steigt aus tiefem Grunde, gleich der alten verschollenen Meeresstadt, das himmlische Jerusalem auf. Halb im Wachen, halb im Schlummer, schaut er den Messias der Welt im wallend weißen Gewände segnend über die Erde schreiten. Des fernen Klangs geheimnisvolle Schauer ergreifen seine Seele, unendliches Sehnen, tiefe Wehmut beschleicht sein Herz. „O Friedenswunder!" Er ahnt die Harmonie der Menschheit, die Bruderliebe der Völker, die Religion der Religionen, er sieht die Tore des himmlischen Jerusalem weit sich offnen und einziehen seinen armen Rabbi, dessen ruheloser Märthrerzug durch die Weltgeschichte nunmehr beschlossen ist. Und dann, ja dann gewiß — eine innere Stimme kündet es ihm — dann wird auch sein „Rabbi von Bacharach" vollendet sein. - — G. K. y Vgl. Alfred Meißner, Charaktermasken, Bd. II., S. 176, wo dieser erzählt, daß Heine sich noch in den letzten Lebensjahren mit der Idee trug, einen mehrbändigen Roman zu schreiben. „Inhalt desselben sollte — charakteristisch genug - die Geschichte der Gräfin Kosel sein. Nicht nur die Szenen des üppigen Hoflebens mochten ihn zur Schilderung reizen, auf seine Phantasie wirkte besonders das Ende der Gräfin, die, wie bekannt, in ihrer Gefangenschaft auf dem Schlosse Stolp eine Hinneigung zum Judentume fühlte und dort ähnlich wie Lady Esther Stanhope in der Wüste des Libanon talmudische Weisheit zu studieren begann. So traten die zurückgedrängten Mächte des Glaubens, die Erinnerungen seiner Kindheit und seines Knabenalters, am Abend seines Lebens noch einmal an ihn heran." °) VII. 354.