Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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453 Lrr Labbi von Sacharach. Ein Beitrag zur Charakteristik Heines. XI. ie dritte Judenverfolgung fand im Sommer 1385 statt. Damals war es der Vorwand, daß die Juden Hostien gestohlen und geschändet hätten, der eine Verfolgung gegen sie hervorrief. Auch das kleine Bacharach mußte wieder seine Märtyrer stellen. Die beiden schwäbischen Edelleute, welche sich „die Könige Armleder" nannten, führten eine Schar Volkes, die man die Judenschläger hieß, durch das Elsaß über den Rhein bis nach Schwaben, überall ein Blutbad unter den Juden dieser Länder anrichtend. Die Leidensgeschichte der kleinen jüdischen Gemeinde war aber damit noch lange nicht abgeschlossen; gleichwohl erhielt sie sich und blieb ihrem Glauben und ihren geschichtlichen Traditionen treu. Ja, sogar das Studium des Talmud wurde in der kleinen Gemeinde eifrig gepflegt, und viele Gelehrte, die später in anderen Städten und in großen Gemeinden, wie Frankfurt, Worms und Prag zu Ehren gelangt sind, stammten aus dem kleinen rheinischen Städtchen, so vor allem die Familie des gelehrten Rabbiners zu Worms, Abraham Samuel b. Jsak Bacharach, der etwa von 1575 bis 1615 lebte und als ein frommer, gelehrter und edler Mann geschildert wird,') der als Rabbiner der Gemeinde zu Worms eine segensreiche Tätigkeit entfaltete, bis auch ihn eine Judenverfolgung am Karfreitag (7. April) 1615 aus seinem neuen Heim vertrieb. Er flüchtete mit den Seinen nach Gernsheim über den Rhein; dort starb er wenige Wochen später, am 26. Mai desselben Jahres, und wurde auf dem Friedhofe zu Alsbach zur ewigen Ruhe gebettet. Seine Gattin Sarah Chawa war eine der berühmtesten Frauen des Mittelalters, eine Enkelin „des hohen Rabbi Löb" in Prag. Sie war in der Heiligen Schrift und in den talmudischen Werken ebenso wie in der synagogalen Dichtung belesen. Im Jahre 1600 folgte sie Rabbi Abraham Samuel Bacharach nach Worms. Nach dem Verluste des Gatten und der Heimat kehrte sie mit ihrem achtjährigen Sohne und mehreren Töchtern in das Elternhaus nach Prag zurück. Dort lebte sie nur der Erziehung ihrer Kinder und der Erinnerung an ihren teuren Gatten, bis ihr Sohn R. Samson Bacharach im Sommer 1650 als Nachfolger seines Vaters das Rabbinat in Worms übernahm. Dann folgte sie ihm auch dorthin. Aber schon ein Jahr später treffen wir sie auf einer frommen Pilgerfahrt nach Jerusalem. Der Ruf ihrer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit zieht ihr voran, und so wird sie überall mit hohen Ehren empfangen. Das Ziel ihrer frommen Sehnsucht aber hat sie nicht erreicht; sie starb auf dem Wege 1652 in Sofia und wurde dort begraben. Noch bis in unsere Zeit wurden nach „der berühmten Sarah" weibliche Nachkommen aus dieser Familie benannt?) Abraham und Sarah ans Bacharach sind also historische Persönlichkeiten! Ein Enkel dieses Paares war der fromme und sehr gelehrte Rabbiner der uralten Gemeinde zu Worms, Jalr Chajjim Bacharach (1638—1702), dessen Rechtsgutachten in der Responsenliteratur einen angesehenen Rang einnahmen, der aber auch weltliche, allgemeine Kenntnisse hatte und das Studium des Talmud methodisch betrieb. Merkwürdigerweise mußte auch er bei der Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen am y Vgl. über diesen und seinen berühmten Sohn die Monographie von Professor D. Kausmann, R. Jair Chajjim Bacharach und seine Ahnen (Trier 1894), S. 3 ff. 2) Vgl. Kahserling, Die jüdischen Fraueu, S. 176 ff. 13. Sivan des Jahres 1689 aus seiner Vaterstadt fortziehen, und zwar zuerst nach Metz, dann nach Heidelberg, endlich nach Frankfurt a. M. Aber er zog nicht allein fort, sondern mit seiner ganzen Gemeinde. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die wichtigsten dieser biographischen Daten Heine durch Leopold Zunz bekannt waren; aber er hat sie jedenfalls mit großer poetischer Freiheit verwertet?) Allerdings hat er sich hierbei insofern gegen den Geist der Geschichte vergangen, als es nicht wahrscheinlich ist, daß ein Rabbi im Mittelalter seine Gemeinde in drohender Gefahr verlassen und sich nur mit den Seinen geflüchtet hätte. Gerade die Lebensgeschichte des Rabbi Jalr Chajjim Bacharach hätte den Dichter, wenn anders er sie gekannt hat, eines Besseren belehren können. Denn auch dieser berühmte Rabbi hat harte Schicksalsschläge erleben müssen; aber er harrte getreulich bei der Gemeinde aus und zog erst dann aus der teuren Heimat, als jene mit ihm in die Ferne zog. Heine hat diesen Fehler wohl selbst herausgefühlt und die Flucht des „Rabbi" einigermaßen zu motivieren gesucht durch die Worte:') „Aengstige Dich nicht, schöne Sarah, auch unsere Freunde und Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meinen! Blute lechzen die Ruchlosen." Aber diese Motivierung ist doch nur sehr schwach und nicht aus der Erkenntnis des geschichtlichen Geistes hervorgegangen, der jene Helden und Märtyrer auf ihren weiten Zügen und Leidensstationen erfüllt und erhalten hat. Auch der eigentliche Held des Romans, Isaak A barban el oder richtiger Abravanel, hat wirklich gelebt. Er war ein Enkel des berühmten Schriftgelehrten gleichen Namens, und ein Sohn des Juda Abravanel, der in der Geschichte der Renaissance unter dem Namen Leone Hebreo als Autor der „Dialoghi di amore“ berühmt ift.3) Dieser Abravanel wurde auf Befehl des portugiesischen Königs Joao II. zwangsweise getauft und als Christ in Lissabon erzogen. Erst später gelang es ihm, nach der Türkei zu entfliehen und dort wieder das Judentum öffentlich zu bekennen?) Also auch der galante Maranne Jsaac Abravanel ist eine historische Persönlichkeit. Wenn wir nun von dem historischen Fehler, der eigentlich mehr ein psychologischer ist, absehen, daß Rabbi Abraham aus Bacharach seine Gemeinde in der Stunde der Gefahr verläßt und mit seiner Gattin entflieht, so ist gerade das geschichtliche Moment in Erzählung, Sitten und Gebräuchen in diesem Werke streng gewahrt. Man muß darüber staunen, welche Kenntnis Heine von dem religiösen jüdischen Leben und dessen Gebräuchen hatte. Es ist geradezu unmöglich, daß er sich diese Kenntnisse erst in Berlin, innerhalb zweier Jahre angeeignet hätte. Eine solche intime Bekanntschaft mit allem, was Sitte und Brauch war im Leben der alten ') L. c. S. 37 ff. -) IV. 232. Es dürfte von Interesse sein, zu erfahren, daß auch der erste oder mindestens einer der ersten jüdischen Dichter in deutscher Sprache, Lipmann Moses Büschenthal, der Autor des Dramas „Der Siegelring des Salomo", in Bacharach geboren wurde, wie sein Grabstein (Nr. 1960) auf dem alten jüdischen Friedhof in Berlin ausdrücklich angibt. Danach ist die Meldung Fürst's in seiner Bibl. Jud. I., 138 zu berichtigen, wo Straßburg als dessen Geburtsort angegeben wird. 8) S. meine Geschichte der jüdischen Literatur, II. 858. 4 S.) Cassel: Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur,S. 428 Seine Kenntnis der Lebensgeschichte Abravanels verwendet Hein, übrigens noch oft. Vgl. III. 158, V. 811 u. a. O. Auch die Geschicht, von dem Messias, die ihm angeblich ein Manasseh ben Naphtali aus Krakau erzählt haben soll (VII. 349 ff.), weist auf die früheren Studien hin. Es ist dabei wohl zu beachten, daß Heine zu derselben Zeit, da der „Rabbi' erschien, an seinem Buche über Börne schrieb. Die dort über die Juden ausgesprochenen Ansichten stimmen mit denen des dritten Kapitels völlig überein.