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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-21 · Heft 38 (21.9.1906) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 38 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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452 und Zeichnungen der Gemeindemitglieder abgedruckt wären. Dagegen ist mir in einem Sammelband der Berliner Königlichen Bibliothek folgendes merkwürdige Schriftchen zugänglich geworden. Es führt den Titel: „Zirkular der Bau-Kastenmeister und Vorsteher an die wohlhabendes!) Glieder der jüdischen Gemeinde zu Offenbach. Bei Gelegenheit der Vermählung des Herrn Erbprinzen von Isenburg Durchlaucht mit der Gräfin Tochter des Herrn Grafen von und zu Erbach-Erbach Exzellenz einess!) freiwilligen Geschenkes betreffend nebst einem Lobgedicht in orientalischer und deutscher Sprache. 1795." s29SS.) Die orientalische Sprache ist natürlich die hebräische. Das hebräische und deutsche Gedicht in 13 mit wenigen Ausnahmen fünfzeiligen Strophen >) ist eine überschwengliche Huldigung an den Fürsten Wolfgang Ernst H., dessen Gerechtigkeit, Wohltun und Liebe verherrlicht werden. Neben ihm findet „die fromme Mutter Belgika" (vielleicht seine Gattin) und die tugendhafte Viktoria rühmende Erwähnung. Das größte Lob wird aber dem hohen Bräutigam, dem Prinzen Karl zuteil, wahrscheinlich demselben, der 1806 durch seinen Beitritt zum Rheinbunde die Souveränität und die Oberhoheit über die Besitzungen aller Grafen Isenburg-Büdingen und anderer gräflichen Familien erlangte, 1815 aber mediatisiert wurde. Er wird mit echt biblischen Formeln, die im ganzen Gedicht häufig wiederkehren, angeredet, zum Beispiel in der folgenden Strophe, die als Probe für die keineswegs völlig deutsche Redeweise und die gänzlich unmetrische Form des Gedichtes dienen mag: Möchtest Du doch immer steigen hoch wie Zedern Libanons! Sey fruchtgesegnet, gleiche dem Palmbaum! Dein Name werde kund wie Sonnenlicht!2) Vererbe Deinem spätesten Enkel das goldne Diadem! Und all Dein Werk gelinge! Zum Schluß wird feine mit Sieg belohnte Tapferkeit im Türkenkriege hervorgehoben und die Freude der Stadt und des Landes (Offenbach und Isenburg) verkündigt. Vor diesem Gedichte nun, das, wie erwähnt, in der Literatur des 18. Jahrhunderts zahlreiche ebenbürtige Parallelen hat, steht der, Offenbach, 27. September' 1795 datierte, von den „Baumeistern, Vorstehern und Kastenmeistern" — oft gebrauchte Ausdrücke für die verschiedenen Vorstandsmitglieder — Unterzeichnete Aufruf. Als Vorstandsmitglieder signieren: Israel Nohel, Isaak Schnapper, Meyer Elsaß, Jacob Scheuer. In dem Aufruf heißt es, daß die Vermählung des erbprinzlichen Paares am 16. September stattgefunden habe, daß man bei dem Einzug ein Geschenk überreichen müsse. Da die Landbevölkerung ein Gespann Pferde ausgesucht und auch Art und Farbe erforscht habe, an welcher der Erbprinz besonderes Wohlgefallen finde, so bliebe der Stadtbevölkerung nichts übrig, als den dazu passenden Wagen zu beschaffen. Ein solcher koste eintausend Taler. Diese Summe solle und könne nicht dem Aerarium (Gemeindesäckel) aufgehalst, sondern müsse von den wohlhabenden Mitgliedern getragen werden; von sreiy Die deutschen Strophen bestehen aus reimlosen Versen, die hebräischen aus gereimten, doch ist die Reimstellung sehr verschieden. Bald reimen 1, 3, sowie 2, 4, 5, bald 1, 4 und 2, 3, 5; in vierzeiligen Strophen reimen 1, 2 und 3, 4; stehen Namen am Ende des Verses, so fällt der Reim weg, denn Isenburg und „Offenbach", die mehrmals am Zeilenende stehen, lassen sich nicht zum Reim verwenden und auch aus wird sich schwerlich ein hebräischer Reim finden lassen. 2) Was mag sich der Uebersetzer, der, vielleicht weil ihm selbst die Sache fraglich war, ans Ende dieser Zeile ein Fragezeichen gesetzt hat, dabei gedacht haben? Der hebräische Text dazu lautet: -pW -py WftW ’JsVlwilligen Beiträgen ausgeschlossen sei daher „sowohl der ärmere als mittelmäßige Teil, nämlich die geringste Schatzung tragende, als auch der unter tausend Gulden tragende Teil". Mit der letzteren, nicht sehr klaren Bezeichnung sind wohl diejenigen gemeint, die tausend Gulden Jahreseinkommen haben. 1000 Fl. bedeutet nach heutigem Geldwert etwa 4000 Mark; die Ausschließung dieser Klasse bezeugt jedenfalls einen ziemlichen Wohlstand der übrigen Gemeindemitglieder. Auf den Aufruf folgt die Aufzählung der gezeichneten Beiträge. Da in jenem die Vorstandsmitglieder versichern, sie würden, wie es ohnehin sich von selbst versteht, auch das Ihrige beitragen, so erwartet man sie an der Spitze der Spender zu sehen, dies ist jedoch nicht der Fall. Den unbestrittenen Vorrang hat Isaak Michael Speyer, der 275 Fl. zeichnet, dann folgt einer mit 110, die vier Vorstandsmitglieder zeichnen zwischen 50 und 11 Fl. Der niedrigste Sonderbeitrag ist 5 Fl. 30 Kr. Neun Gemeindemitglieder, die weniger zeichneten, werden als Spender einer Gesamtsumme von 24 Fl. 45 Kr. aufgezählt. Trotz des beweglichen Aufrufes, daß das Aerarium nicht belastet werden solle und trotz des sehr deutlichen Hinweises auf Publizität der Zeichnungsliste, wurde die verlangte Summe von 1000 Taler nicht erreicht. Es kommen vielmehr nur, wenn ich recht gezählt habe, 927 Fl. 15 Kreuzer zusammen. Das Aerarium mußte 57 Fl. 45 Kreuzer zuschießen. Ebenso interessant wie Gedicht, Aufruf, Zeichnungsliste, sind nun die von den Zeichnern ihren Beiträgen zugesügten Bemerkungen?) Manche Zeichner, und zwar gerade die der höchsten Beträge, verzichten auf Demutsfloskeln und begnügen sich mit der Bemerkung, daß sie mit größtem Vergnügen gezahlt haben, andere kündigen einfach ihren „untertänigsten Beitrag" an, andere bekennen, sie zahlen mit „Liebe und Treue". Bedenkt man nun, daß das ganze Schriftchen, wie es ausdrücklich heißt, dem Fürsten und seinem Nachfolger vorgelegt wurde, so daß diese also von den Summen und den beigefügten Bemerkungen Kenntnis nahmen, so wird man die volle Aufrichtigkeit einzelner dieser Zusätze bezweifeln müssen. Ich weiß von dem Fürsten Wolfgang Ernst von Büdingen- Isenburg zu wenig, um seine Judenfrenndlichkeit zu beurteilen, aber nach unserer Auffassung liegt doch recht wenig Zartsinn in dieser Art, eine nicht große und nicht reiche Gemeinde zu Familienfesten in Tribut zu setzen, denn daß eine solche „freiwillige" Huldigung durch einen mehr oder minder zarten Wink von oben ins Werk gesetzt, ja daß noch die Höhe der Leistung von maßgebender Seite bestimmt wurde, wird keiner bezweifeln, der die Geschichte der Juden in Deutschland kennt. Gerade deswegen ist das hier behandelte Schriftchen so interessant. Der Vorgang an sich war ja ziemlich gewöhnlich — er mag oft genug vorgekommen sein — nur die Art, wie hier die Spende zu einem kontrollierten Steuerakt wird, macht diese Hochzeitsschenkung zu einem kulturhistorisch-merkwürdigen Akt. h S. II heißt es: „Wir bemerken noch, daß vermöge getroffener Einrichtung unser gnädigster Fürst und des Herrn Erbprinzen Durchlaucht von der Art des Beitrages im ganzen und von jedem insbesondere werden unterrichtet werden; indem wir Höchstdenenselben sowohl gegenwärtiges Zirkular als auch die Subskriptionsliste originaliter zur beliebigen Einsicht durch einen der fürstlichen Räte vorzulegen gesonnen sind.'

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