Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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450 darüber, daß ihn das Volk nur für einen Gleichnisredner hält und für den prophetischen Ernst seiner Reden kein Verständnis hat. „Ach Herr, o Gott!" ruft Ezechiel aus, „ste sagen von mir: Redet dieser nicht lauter Gleichnisse?" — Als Chakam vertieft er sich in die „Mysterien der Lehre", gibt er eine Darstellung des göttlichen Thronwagens und wird Begründer der Eschtalogie in Israel. An ihn knüpft die spätere Apokalhptik an, auch Maaseh Merkabah und Chokmah genannt. Babyl. Berachot 57 d heißt es: „Wer Ezechiel im Traume sieht, der hoffe auf Weisheit." Und als Priester entwirft er den Plan einer kultischen Verfassung. Gottesdienst und Kultus werden aufs Genaueste geregelt und in seiner künftigen Theokratie soll der Tempel in Jerusalem das Zentrum bilden. Der Einfluß des Priesters wächst immer mehr. Ganz auf prophetischer Höhe steht nur noch der jüngere Zeitgenosse Ezechiels, der große Unbekannte „Deuterojesaja". Wie in einem Brennpunkte sammeln sich in ihm alle herrlichen Gedanken der Propheten. Der moralische Monotheismus und der mit ihm verbundene Universalismus der Religion steht im Mittelpunkt der prophetischen Verkündigung. Das levitische Kultuspersonal wird in Zukunft nicht in Betracht kommen. Israel ist der Priester Gottes und zugleich der Priester der Menschheit. In dem Zukunftstempel, der ein Bethaus für alle Völker werden soll, wird Gott auch ans den Heiden sich nehmen „zu den Priestern, zu den Leviten". (61, 6, 66. 21.) Eine solche Stimme steht jetzt vereinzelt da. Die dem großen Unbekannten folgenden nachexilischen Propheten stehen mehr oder weniger unter priesterlichem Banne. Haggai knüpft seine prophetische Predigt an die Thora der Priester an. (2, 11.) Charakteristisch ist folgende Stelle aus Sacharja 7, 2 ff: „Und es sandten in das Gotteshaus Scharezar und Regem Melech und seine Leute zu flehen vor dem Angesichte des Ewigen, zu sagen den Priestern, die beim Hause sind des Ewigen der Heerscharen, und den Propheten zu sagen: Soll ich weinen im fünften Monate in Enthaltsamkeit, so wie ich es getan diese manchen Jahre?" — Freilich ist die Antwort des Sacharja im prophetischen Geiste erteilt worden. Auf die früheren Propheten sich berufend, sagt er: „So sprach der Ewige der Heerscharen also: Wahrhaftiges Gericht richtet und Liebe und Barinherzigkeit erweiset einer dem anderen. Und Witwe und Waise, Fremdling und Arme bedrückt nicht, und Bosheit sinnet nicht in Eurem Herzen, Einer gegen den Andern." (7, 9. 10.) So spricht der Ewige der Heerscharen: „Das Fasten des vierten und das Fasten des fünften, und das Fasten des siebenten und das Fasten des zehnten werden dem Hause Juda zur Wonne und Freude und zu fröhlichen Festzeiten, aber Wahrheit und Frieden liebet." (8, 19.) Aber trotzdem die religiösen Pflichten ihm höher stehen als die kultischen, ist ihm doch der Hohepriester Josua der einzige Repräsentant des erwählten Volkes! Tempel Gottes! Tempel Gottes!, das ist der Ruf, der jetzt von allen Seiten ertönt. — Wir stehen am Endpunkte einer glänzenden Epoche in der Entwicklung der religiösen Idee. Die menschenbeglückende Sonne des Prophetismus neigt sich zum Niedergange. Der Talmud drückt das so aus: Haggai, Sacharja und Maleachi sind die letzten Propheten; mit ihnen ist der heilige Geist aus Israel gewichen. (Sota 48, 6.) Die dreizehn Artikel des Maimonides * und das Glsubrnslyltrm des modernen J Judentums. jl Von Dr. K. Köhler, Rektor des Hebrew Union College in Cincinnati. £ G. Vergeltung und Jenseits. ^^je vier letzten Glaubensartikel Maimunis besitzen durchaus nicht gleichen Wert. Der zehnte betont die göttliche Allwissenheit, sofern dieselbe die Taten und Gesinnungen der Menschen umfaßt. Wie diese Allwissenheit Gottes, die ja auch ein Vorauswiffen einschließt, mit dem freien Willen des Menschen, auf dem alle sittliche Verantwortlichkeit beruht, vereinbar ist, war stets ein Gegenstand philosophischer Spekulation (Saadja Emunot we Deot II, 9; Moreh III, 17; Kuzari V, 20; Crescas Or Adonai II, 5; Jkkarim IV, 1—12). Von diesem, Postulat aller Sittlichkeit schweigt der Maimonidische Glaubenslehrsatz. Tatsächlich bildet der elfte Glaubensartikel, der die vergeltende göttliche Gerechtigkeit betont, mit dem zehnten eine unzertrennliche Einheit. Aber auch in dieser Fassung ist er lückenhaft. Die jüdische Glaubenslehre betont, daß die strafende Gerechtigkeit Gottes' in der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit ihr Gegengewicht, ihr Korrelat, habe. Wenn nun Maimonides diese unerwähnt läßt, so ist das nicht etwa, wie Profesior Margolis meint, ein bloßer Unterlaffungsfehler. Nein. Sein intellektuelles System hat für die göttliche Gnade keinen Raum. Gerechtigkeit ist ein Gebot der Vernunft; Gnade ist ein Postulat des Glaubens, ein Vorzug, der dem Menschen als Kind Gottes gewährt, oder, wenn man es subjektiv fassen will, vom Menschen als Gotteskind in seiner Bedürftigkeit beansprucht wird. Die Lehre von Gottes verzeihender Gnade und Barmherzigkeit gegenüber dem reumütigen Sünder, diese kostbarste Frucht des jüdischen Lebensbaums, welche dem Versöhnungstag seine unvergleichliche Hoheit und Heiligkeit verliehen hat, ist nicht das Ergebnis der Vernunft, sondern der Gegenstand einer besonderen göttlichen Offenbarung. (Siehe Exodus 34, 6—9; Numeri 14, 20; Hosea 1, 6; 12, 7; 14, 2—5; Ezekiel 18.) Sie liegt ganz und gar außerhalb des Bereichs des aristotelischen Systems des Maimonides und wurde deshalb von ihm in seinen Glaubensartikeln ignoriert. Was nun die Idee der vergeltenden Gerechtigkeit anlangt, so .stellt sich diese vom Gesichtspunkt geschichtlicher Erfassung der Religion aus als eine in den verschiedenen Zeiten und Entwicklungsstufen des Judentums verschiedentlich angeschaute dar. Sowohl im Dekalog und im Pentateuch als bei den Propheten, bis auf Ezekiel, ist die Nation als solche der Gegenstand der göttlichen Fürsorge und Gerechtigkeitswaltung. Alle Lohnverheißnngen und Strafandrohungen der Bibel, mit Ausnahme des späten Buches Daniel, beziehen sich auf die Nation. Das Individuum in seinem Verhältnis zur göttlichen Gerechtigkeit kommt erst beim Zusammenbruch des nationalen Lebens in den Vordergrund der Betrachtung. Eine Lösung der Frage durch den Hinweis auf eine Vergeltung im jenseitigen Leben versuchte jedoch weder der Verfasser des Hiob, noch Ben Sira und wer immer den alten sadduzäischen Lehrmeinungen folgte. Das pharisäische oder rabbinische Judentum erhob die Lehre vom Jenseits zum Dogma, verband aber den Glauben an die Auferstehung der Toten mit der Hoffnung der nationalen Wiedererstehung. Daher kam es, daß man den wunderbaren Vorgang der Wiederauferstehung der Leiber ausschließlich an das heilige Land knüpfte. (Siehe den Artikel „klesurrection" in der Jewish Encyclopedia.) Nur die Glieder der jüdischen Nation <1 z h ti z <ä 2 £ li 2!l ii d % d % Q a 2 e t n d n ( u 11 h 2 d £ 2 r t ii r d z i k s t 11 9 u 3 d il