Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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449 steter Zunahme ist. Diese wird sicherlich den Namen ihres edlen und vielgefeierten Autors in englisch-jüdischen Kreisen während mehrerer Generationen unvergeßlich machen. — Augenblicklich, wo während der allgemeinen Ferien das englische Parlament, unsere Gerichtshöfe, unsere Schulen und die meisten hiesigen Theater geschlossen sind, beschäftigen sich verschiedene lokale Tagesblätter mit der Besprechung von gewissen sozialen Fragen, die ihnen den vorhandenen Mangel an sonstigem interessanten Stoff teilweise ersetzt. Demnach bildete kürzlich in einigen solcher Zeitungen der jetzige Kirchenbesuch von seiten der Einwohner der englischen Metropole ein recht willkommenes Thema für ihre Diskussion. Nur brachte letztere die Tatsache zum Vorschein, daß nämlich der Besuch des Gottesdienstes in fast allen Kirchen Londons während der letzten zwei oder drei Dezennien in auffallender Weise abgenommen hat, und daß man jetzt überhaupt in hiesigen christlichen Kreisen weniger Interesse für religiöse Dinge bekundet, als es ehemals der Fall zu sein pflegte. Daß fast ähnliche Zustände innerhalb der Londoner jüdischen Gesamtgemeinde vorherrschen, kann keineswegs abgeleugnet werden, doch ist es Tatsache, daß verschiedene in neuester Zeit hier gegründete jüdische Vereine das Wesen des englischen Judentums nach verschiedenen Richtungen hin in größerem oder geringerem Maße gefördert haben. Unter diesen Vereinen zeichnen sich „The Union of Jewish Literary Societies“ und „The Jewish Historical Society“ besonders aus. — In meinem früheren Briese aus London erwähnte ich, daß die Regierung der Kap-Kolonie neulich den jüdischen Jargon als eine der modernen Sprachen anerkannt hat und bemerkte zugleich auch, daß diese Tatsache wohl manche Vorteile für gewisse jüdische Einwanderer in die besagte Kolonie habe, doch keineswegs als summum bonum für die gesamte Judenheit angesehen werden könne. Letztere Ansicht scheinen aber die Herausgeber des bekannten, hier erscheinenden „Jewish Chronicle“ nidfjt zu teilen, da sie jüngst begonnen haben, Beilagen zu veröffentlichen, die in dem Jargon abgefaßt sind. Dadurch wird also der Sprache des Ghetto ein offizieller Charakter in der englischen Judenheit verliehen, welches Faktum eher bedauert als begrüßt zu werden verdient. — Der hiesige, unter dem Namen Jto nunmehr weit bekannte jüdische Verein hat in jüngster Zeit mehrere einflußreiche Anhänger unter Juden und Nichtjuden in verschiedenen Ländern gefunden. Einer der letzteren ist keine geringere Persönlichkeit als Lord Selborne, der erste Repräsentant der englischen Regierung in dem Transvaal, im Süden von Afrika. Dieser hielt in einer von dem Jto-Verein kürzlich in Johannesburg veranstalteten Versammlung eine recht interessante und auf die Juden im allgemeinen Bezug habende Ansprache, wovon folgende kurze Auszüge auch in diesen Blättern -reproduziert zu werden verdienen. Lord Selborne sagte inter aha etwa wie folgt: „Meine Anwesenheit hier in dieser großen Versammlung hat hauptsächlich den Zweck, meinen jüdischen Landsleuten beit hohen Respekt zu zeigen, den ich für sie habe, und zugleich auch meine Indignation zu. bekunden, die ich fühlte, als ich die traurigen Berichte von den schrecklichen Leiden las, die ein großer Teil des jüdischen Volkes in jüngster Zeit erfahren hat. Wenn ich andererseits wieder auf mein eigenes Vaterland, auf England zurückblicke, so danke ich dem Schöpfer, daß dieses ein gleiches Gesetz für alle seine Einwohner konstituiert hat, und daß demnach der englische Jude zugleich mit seinem christlichen Nachbar alle im Reiche vorhandenen Rechte und Privilegien in gleichem Maße genießen darf. Dies warmeiner Meinung nach, eine noble Handlung von seiten Englands, wofür es auch reichlich belohnt worden ist. Denn die Millionen Juden, die unter dem Schutze der englischen Flagge leben, .bilden wahrlich einen ansehnlichen Teil unter den Untertanen des britischen Reiches, die letzterem mit großer Loyalität und Treue ergeben sind. Es ist geschichtlich bekannt, daß die Juden schon im grauen Altertum die verschiedenen damals vorhandenen Professionen, und vorzugsweise die Bodenkultur, gehandhabt und begünstigt haben, und es ist kaum anzunehmen, daß die Juden der Gegenwart sich hierin von ihren einstigen Vorfahren viel unterscheiden. Ist dies nun wirklich der Fall, so scheint mir der vorliegende Plan, eine Kolonie zu bilden, wo die daselbst ansässigen Juden eine gewisse Autonomie in zivilen und religiösen Sachen haben sollen, nicht allein weise und gut, sondern auch praktisch und ausführbar zu sein. Als britischer Untertan freue ich mich recht sehr, daß die Aussicht existiert, daß eine derartige Kolonie, wie verschiedene andere Kolonien des britischen Reiches, im Laufe der Zeit sich vorteilhaft entwickeln, und neue Macht und Stärke dem gesamten Vaterlande verleihen werde. Gebe Gott, daß das Licht der Freiheit stets fortfahre, im britischen Reiche in ungetrübter Weise zu scheinen, und daß unter dessen Flagge jeder Bedrückte und Verfolgte den nötigen Schutz und eine willkommene Ruhe finde." Krielter, Propheten und Meile in Ursel. Von Professor Dr. G. Klein-Stockholm. IV. Untergong der Prophetie. Propheten, Chakamim und Priester sind die geistigen und geistlichen Vertreter Israels in der vorexilischen Zeit. Unter diesen drei Ständen erweist sich als der kräftigste der Priesterstand. Er ist der geborene Organisator, Erzieher des Volkes. Schon bei der Auffindung des „Gesetzbuches" unter Josia spielt der Priester eine wichtige Rolle. Es war der Priester Hilkia, der „das Gesetzbuch" im Tempel gesunden. Und seiner Energie ist es höchstwahrscheinlich zu verdanken, daß Priester und Propheten gemeinsam den König dazu vermochten, die große Kultusreform vorzunehmen. Jur Deuteronomium wird zum erstenmal Prophetenlehre in Priestergewand gehüllt. Im babylonischen Exil setzen die Priester ihre Arbeit theoretisch fort. Freilich war es Prophetengeist, der die Totengebeine der Verbannten belebte, der das Hoffen des Restes der Ratio,r wachhielt. Allein der Priester war dabei kein müßiger Zuschauer. Zeuge dessen ist Ezechiel, der in sich die drei Würden vereinigt, die des Propheten, des Priesters und des Chakam. Gleich seinen prophetischen Vorbildern verkündigt auch er den Gott der Liebe und der Gerechtigkeit, dessen Willen im Dekalog offenbart ,st. (S. Kap. 18 und 33.) Und wenn Israel, von seiner Sündenlast fast erdrückt, seinen Lebensmut verliert, so vernimmt sein Wächter, sein treuester Seelsorger, den himmlischen Ruf: „Und du, Menschensohn, sprich zu dem Hause Israel: Mit Recht sprechet ihr also: Ja, unsere Missetaten und Sünden lasten auf uns, und durch sie schwinden wir hin, und wie mögen wir leben? Sprich zu ihnen: Sv wahr ich lebe, ist der Spruch Gottes des Herrn, daß ich kein Wohlgefallen habe an dem Tode des Sünders, sondern au der Rückkehr des Frevlers von seinem Wandel, daß er lebe. Kehret um von eurem bösen Wandel, denn warum wollt ihr sterben, Haus Israel?" (33,10. 11. 18, 23.) Als Weiser ist ihm die Dichtungsart von Mascha! und Chidah geläufig. (3. Kap. 17.) Der Prophet klagt sogar