Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
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-448 Posten sei schwierig, da eine gemischte Bevölkerung mit vielen Juden Rostow bewohne. Als Dratschewsky erwiderte, die zu erfüllende Aufgabe sei leichter geworden, da durch die Pogrome viele Juden erschlagen, viele geflüchtet seien, schüttelte der Kaiser mit dem Kopf unvfügte hinzu: Es sind nicht so viele tot; ich erwartete, es würden mehr sein. Diese Aeußerung ist allgemein in russischen bureaukratischen Kreisen bekannt geworden, weil Dratschewsky nunmehr wohlgemut in seinen Kreisen erklärte: Er ginge leichten Herzens auf seinen Posten, weil er mit der Unklarheit und den Schwankungen der ministeriellen Polllik nicht mehr zu rechnen habe; er sei beim Kaiser gewesen, und seitdem kenne er durch die obige Aussprache mit dem Zaren die allein maßgebenden Intentionen. Als Graf Witte der Nachweis geführt war, daß die bluttriefenden Pamphlete des schwarzen Hunderts in einer Geheimdruckerei, die sich im Ministerialgebäude selbst befand, hergestellt wurden, und als festgestellt war, daß diese Druckerei auch gegen Witte selbst und gegen seine Frau schmutzige Flugblätter herstellie, und als ihm Fahnenzüge dieser Flugblätter mit dem Signum: „Truckfertig Trepow" vorgelegt wurden, weigerte sich der Ministerpräsident doch, rücksichtslos gegen die Urheber dieses Treibens vorzugehen und fest zuzugreifen. Er sagte bei der -einschlägigen vertraulichen Konferenz: Und was soll ich tun, wenn nur Fahnenabzüge und Schriftstücke finden, auf denen nicht Trepow, sondern Nikolaus steht. Er kannte die Zusammenhänge, und er wußte, was bei der Verfolgung dieser Spur zu finden war, und so geschah nichts, as daß die Druckerei aus dem Ministerium verbannt wurde; ihre Tätigkeit wurde aber nicht behindert, und man wagte sich an den Leiter der Druckerei, der seine Nolle beim schwarzen Hundert noch heute sehr aktiv fortspielt, nicht heran." Aber selbst wenn alle diese Nachrichten dementiert werden sollten, was ist damit geholfen? Herr Stolypin war ja offen genug, dem Hilfsverein auf dessen Bitte um schleunige Intervention in Warschau zu depeschieren, er werde sein Möglichstes tun, das heißt gar nichts! So werden in der Tat unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Warschau sich diesmal, wie es in der Schrift heißt, am Feste „mit Beben freuen". Das finb Zustände, die jeden noch nicht völlig abgestumpften und herzlosen Menscher: tief erschüttern, mit Mitleid und mit Entrüstung erfüllen müssen. Aber wenn auch die Regierungen zivilisierter Staaten amtlich sich in Schweigen hüllen, die öffentliche Moral fordert die russischen Machthaber vor ihren Richterstuhl und spricht über sie das schärfste Urteil, nicht nur vom Standpunkt der Gerechtigkeit, sondern auch von dem der einfachsten politischen Klugheit. Was sollen die Folgen solcher Gemetzel sein? Etwa die Wiederherstellung der Ordnung, die Befestigung der Macht des Zaren und seiner Satrapen? Sicherlich nicht, sondern nur immer häufigere und verwegenere Mordanschläge auf die Träger und Werkzeuge eures elenden, abgewirtschafteten Regierungssystems, das von der gesitteten Welt einmütig verurteilt wird. Die Nekrologe auf den eben verstorbenen General Trepow werden die Regierung darüber aufklären, wie man über sie in Europa denkt. Dieser Trepow war einer der schlimmsten und verwegensten von allen russischen Reaktionären. Wenn seine Biographie objektiv geschrieben wird, so wird sie ein merkwürdiges Aktenstück zur Geschichte menschlicher Bosheit und Politischer Verirrungen bilden. * Der von uns bereits wiederholt besprochene Entwurf des neuen Einwanderungsgesetzes ist dieser Tage im amerikanischen Repräsentantenhause zur Beratung gekommen. Das Haus hat dabei die wesentlichsten vorgeschlageuen Erschwerungen für die Zulassung von Einwanderern aus dem Entwurf gestrichen. Namentlich soll es nach den Beschlüssen des Hauses bei einem Kopfgeld von zwei Dollars bleiben, während der Entwurf des Senats ein Kopfgeld von fünf Dollars vorsah. Ebenso hat das Haus den sogenannten Bildungstest ab gelehnt, wonach Einwanderer über 16 Jahre ausgeschlossen werden sollten, wenn sie nicht englisch oder eine andere Sprache lesen können. Da die Beschlüsse des Repräsentantenhauses von denen des Senats abweichen, ist der Entwurf an ein gemeinsames Komitee beider Körperschaften gegangen und damit für diese Session abgetan. Und das ist gut. * Ueber die jüngsten Unruhe:: in Mogador haben wir' bereits in der vorigen Nummer kurz berichtet. Die Beunruhigung wurde durch das Auftreten des Kaid Sen-Hoos hervorgerufen, der sich mit 300 Mann des Platzes bemächtigte, die Forderung erhob, daß die Juden sich in das Mellah genannte Stadtviertel zurückziehen, und für den Fall des Widerstandes androhte, die Häuser der Juden in Brand zu stecken und ihre Effekten wegzunehmen. Die Juden riefen infolgedessen den Beistand der europäischen Konsuln an, welche sich an den Gouverneur mit der Forderung unverzögerter Vorkehrungen für die Sicherung der Ruhe wandten. Der Gouverneur hat jedoch erklärt, daß er wegen Mangels an den erforderlichen Machtmitteln nicht imstande sei, diesem Verlangen nachzukommen. Die Gesandten in Tanger, seitens der Konsulate von diesen Vorgängen in Kenntnis gesetzt, haben dieselben dem Vertreter des Sultans für auswärtige Angelegenheiten, Mohammed el Torres, zur Kenntnis gebracht, der sofort die Absendung von Truppen nach Mogador versprach. Spanischen Blätternachrichten zufolge hat Mohammed el Torres für diesen Zweck ein auswärtiges Schiff mieten lassen, das 500 Mann nach dem genannten Orte bringen soll. Der französische Dampfer „Galilee", der nach Mogador abging, soll die Weisung erhalten haben, Personen,. die von dort flüchten wollen, ohne Unterschied der Nationalität und Konfession an Bord zu nehmen und nach Tanger zu führen. Inzwischen sollen sich die Juden, durch die Drohungen des Kaid Sen- Hoos eingeschüchtert, nach dem Mellah-Viertel zurückgezogen haben. Es leben in Mogador etwa 10000 Juden, und zwar seit Jahren im maurischen Viertel. Aber nur wenige sind zu Reichtum gelangt. Lriek aus London. Von Reverend Dr. Chotzner. iner der gelehrtesten und beliebtesten jüdischen Geistlichen im ganzen britischen Reiche ist vor kurzem vom Tode hinweggerafft worden. Es war dies Reo. S. Singer, der mehr als ein Vierteljahrhundert in der fashionablen New- Westend-Synagogue als Prediger und Religionslehrer amtierte und außerdem in der gesamten jüdischen Gemeinde Londons ein unermüdetes Schaffen und Wirken nach verschiedenen Richtungen hin in weitestem Maße entfaltete. Singer war vor etwa 58 Jahren in London geboren und erhielt seine Erziehung zumeist in Jews College, in welcher Anstalt er späterhin selbst als Lehrer eine Zeitlang tätig war. Er besaß ein bedeutendes Rednertalent und seine Predigten und literarischen Vorträge hatten etwas besonders Anziehendes an sich, so daß sie stets ein mit großem Interesse lauschendes Auditorium fanden. Eines der größten Verdienste, die sich der Verblichene um seine englischen Glaubensgenossen erworben, war seine klassische Version des „Siddur" ins Englische, deren Popularität in