Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Siedlce 5× ep/1000982
- Odesa 1× ep/1000834
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447 Vollkommenheit abzuändern. Dagegen ist er sehr wohl imstande, die widerspenstigen, von ihm selbst ernannten Richter abzusetzen und an ihrer Stelle Leute zu nominieren, die auf seine Intentionen einzugehen gewillt wären. Das russische Ministerium Stolypiu hat gezeigt, daß es nicht die Entschiedenheit und Kraft besitzt, die schmählichen Gewalttaten, die jetzt auch in Siedlce an den Juden stattfanden, zu strafen und weiteres Unheil dieser Art Zu verhindern. Denn was daselbst von seiten des Militärs und vermutlich auch der Polizei begangen worden ist, erscheint fast so schlimm als die Vorkommnisse in Bialystock und ruft deshalb die allgemeine Entrüstung von neuern hervor. Eine kurze, zusmnmenfassende Schilderung der Ereignisse, wie sie von objektiver Seite gegeben wird, mag dies erhärten: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Pogrom seit längerer Zeit geplant und wohldurchdacht war. Sein Veranstalter war der Chef der sogenannten „Ochrana" (eine Art politische Polizei), der Dragoneroberst Tichanowskij, dessen Name zu ewiger Schande der Oeffentlichkeit übergeben sei. Wenn man in Bialystok noch den Schein zu wahren suchte, das Schleudern einer Bombe auf die Prozession vorschützte und die Hooligans unter dem Schutze des Militärs ihr Handwerk treiben ließ, so warf man hier die „Maske" herunter und beorderte das Militär mit vollkommenem Zynismus zur Ermordung wehrloser Menschen. Ursprünglich wollte man damit das in Siedlce stationierte Ostrolenka-Regiment betrauen. Die Offiziere und die Mannschaft wollten sich aber dazu nicht hergeben und erklärten offen, daß sie einen Pogrom nicht dulden und die Hooligans, die einen solchen zu versuchen wagen sollten, ohne weiteres niederschießen würden. Man versetzte daher das Regiment und berief statt seiner das bereits bei dem Pogrom in Bialystock und den Strafexpeditionen in Livland erprobte Libau-Regimenl. Gleich nach seinem Eintritt in die Stadt tauchten dunkle Gerüchte von einem bevorstehenden Pogrom auf. Diese Gerüchte nahmen am Freitag eine sehr beunruhigende Form an. Viele wohlhabenderen Einwohner beeilten sich, die Stadt zu verlassen. Doch verliefen der Freitag und der Sonnabend ruhig. Bei Eintritt der Dunkelheit öffneten die Juden ihre tagsüber geschlossenen Läden, und als sie sie um 6 Uhr, wie ungeordnet war, schließen wollten, wurden sie daran durch die Soldaten gehindert. „Heute können die Läden bis 10 Uhr geöffnet bleiben." hieß es. Gegen 9 Uhr fiel ein Revolverschuß, auf dem Rathausturme erschien die rote Signatlaterne und das Rauben und Morden begann. Eine Abordnung der Bürgerschaft gab vor dem Gouverneur die Erklärung ab, daß die ersten Revolverschüsse nicht von Juden, sondern von Osfizierburschen und Reservisten abgegeben wurden. Laut amtlichen Berichten sollen die Revolutionäre aus das Militär vielsach von den Dächern und aus den Fenstern geschossen haben. Es sollen von ihnen einige hundert Schüsse abgegeben worden sein. Es müßte somit eine gewisse, wenn auch nur eine kleine Anzahl Soldaten getötet oder wenigstens verwundet worden sein, zumal der brave Oberst dem Berichterstatter eines hiesigen Blattes eine Anfrage über den Anlaß zu dem Pogrom mit folgenden Worten beantwortete: „Die Revolutionäre überfielen meine Soldaten und die müssen sich doch verteidigen." Die Revolutionäre waren somit die Angreifer und die Soldaten befanden sich in der Defensive, sie mußten also viel von dem Feuer gelitten haben. Nun amtliche Quellen bezeugen, daß nur ein einziger Soldat und auch nur durch die Unvorsichtigkeit seines Kameraden, dem das Gewehr losging, verwundet worden ist. Der Polizeikommissar, befragt, wie das möglich ist, erwiderte kein Wort. Derselbe Kommissar zeigte den Berichterstattern ein Haus, aus dem man auf das Militär geschossen haben soll. Als die ersten Schüsse von dort fielen, wurde das Haus sofort untersucht, aber keine Seele darin gefunden. Kaum haben es aber die Soldaten verlassen, fielen schon wieder Schüsse. Das Haus wurde neuerdings, doch diesmal mit der größten Genauigkeit untersucht — mit demselben Erfolg. Andere Häuser, trotzdem man aus ihnen auf das Militär nicht gefeuert hat, wurden weniger geschont, man beschoß sie erbarmungslos und Lötete die Einwohner. Aus Kurzweil zündeten die Soldaten einige Häuser an. „Es wird so heller sein," meinten sie. Während einer kurzen Pause im Feuern erschien bei Tichanowsky eine Bürgerdeputation und flehte ihn an, das Feuern einstellen zu lassen. „Gebt die Revolutionäre, die auf das Militär feuern, heraus!" war die Antwort. „Es feuern ja aber keine!" „Gebt die Revolutionäre heraus, soust lasse ich die Stadt bombardieren!" Die armen Einwohner konnten keine auf das Militär feuernde Revolutionäre ausliefern, da keine da waren. Der brave Oberst hielt Wort, wie es einem Braven ziemt und ließ die Stadt bombardieren. Fünf Häuser liegen in Trümmern, 14 sind abgebrannt, 150 arg beschädigt, das jüdische Krankenhaus verbrannt. Einige hundert Läden wurden geplündert, 142 Menschen getötet, 450 verwundet. Aber Revolutionäre wurden sogar in den Häusern, aus denen geschossen wurde, trotzdem man diese vom Dach bis zum Keller untersuchte, nicht gefunden! Unter den Verhafteten dagegen fanden sich mehrere vor, die man gleich nach der Prüfung ihrer Legitimationen freigelassen hat/ Das deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle sendet uns einen wichtigen und ausführlichen Bericht über die Vorgänge in Siedlce, der im wesentlichen sich auf die Aussagen eines den gebildeten Kreisen ungehörigen Augenzeugen nichtjüdischer Konfession stützt. Wir dürfen denselben, da er durch die großen Tageszeitungen veröffentlicht wurde, als bekannt voraussetzen. Ebenso liegen uns auch zwei ausführliche Berichte des Hilfsvereins der deutschen Juden über die Schreckenstage von Siedlce vor, die auf den Mitteilungen eines angesehenen Warschauer Notars, der katholischen Bekenntnisses ist, beruhen. Diese Berichte stellen die Vorgänge im wesentlichen so dar, wie sie in der Zuschrift des Bureaus der Alliance Israelite Universelle geschildert sind. Beide Vereine haben sofort das Hilfswerk organisiert. Die für eine ausgiebige Hilfe — soweit sich der Umfang bisher übersehen läßt — erforderlichen Mittel sind vorhanden und bereits zur Verfügung gestellt. Wie uns ferner berichtet wird, wurden bereits auf Antrag des Hilfsvereins der deutschen Juden aus dem Londoner Zentralfonds bei Lord Rothschild, zu dem alle großen jüdischen Organisationen beigesteuert haben, 40000 Rbl. für die Notleidenden in Siedlce zur Verfügung gestellt. Die Zeitungen bringen noch fortwährend schauerliche Details über die Vorgänge in der polnischen Landstadt, die 28000 Einwohner, darunter 15000 Juden zählt. Aber nicht um diese Details handelt es sich, sondern die Frage erfüllt uns mit banger Sorge: Was soll das werden? Was heute in Siedlce passiert, kann morgen in Warschau oder in Odessa passieren. Dasselbe Verhängnis kann über die Juden in anderen russischen Orten jeden Augenblick hereinbrechen. In der Tat hat der Hilfsverein deutscher Juden in diesen Tagen entsetzliche Nachrichten aus Warschau erhalten, die einen Pogrom befürchten lassen. Das Militär wird „im Namen des Zaren" aufgehetzt gegen die Juden, und alle Nachrichten stimmen damit überein, daß ein Pogrom offen vorbereitet wird. Ja, man meldet sogar aus Petersburg, daß Herr Stolypin seine Maske bereits abgelegt und mit den Pogrom-Urheber in Siedlce offen sympathisieren soll. Hoffentlich wird diese Nachricht ebenso wie die folgende, die die „Nation" in ihrer letzten Nummer bringt, bald offiziell dementiert. „Es ist bekannt, daß das schwarze Hundert sich bei seinen Agitationen direkt aus den Willen des Zaren beruft, und es ist gleichfalls nachweisbar, daß die Minister vor diesen aus Peterhof geschützten Elementen Halt machen, und zwar selbst dann, wenn sie in eigenem Interesse zugreifen möchten. Unter den vielen Tatsachen, die zur Unterstützung dieser Auffassung in Rußland in den am besten unterrichteten Kreisen von Mund zu Mund gehen, nur zwei besonders beweiskräftige: Als neuer Stadthauptmann für Rostow stellte sich General Dratschewsty dem Kaiser vor. Der Zar sagt ihm, sein