Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
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446 Laster wird schließen seinen Mund und der Frevel wie ein Hauch dahinschwinden, wenn du tilgen wirst die Herrschaft des Uebermnts von der Erde und wenn du herrschen wirst allein als Herr über all deine Werke auf dem Berge Zion,, der Stätte deiner Herrlichkeit." Und auf diesen Ton sind alle Gebete des Festes gestimmt, die auf der Höhe des prophetischen Universalismus stehen, die Vereinigung aller Menschen in dem Glauben an Gott, die Vernichtung aller Bosheit und aller Tyrannei auf Erden und die Verbindung aller Menschen zu einem Reich des Friedens und der Freiheit verkünden. Sollen aber die Grenzen dieser Herrschaft des Gottgedankens sich immer weiter ansdehnen, bis sie die. gesamte Menschheit umschließen, so müssen die Völker immer von neuem belehrt und aufgeklärt, gebildet und gehoben, gereinigt und geläutert werden, damit Recht und Gerechtigkeit in der Menschenwelt immer tiefere Wurzeln schlagen. In diesem Sinne ist das Kaiserwort für uns ein Mahnwort von höchster Bedeutung. Denn der Thron des einen Gottes ruht auf Recht und Gerechtigkeit, wie es in dem Gebet des Neujahrsfestes heißt. Wo diese fehlen, wo das Unrecht sein freches Haupt erhebt und die Gewalttätigkeit ihre eisernen Arme ausstreckt, um den Schwächeren zu erdrücken, wo die Willkür das Szepter führt und die Waffe allein das Schiedsrichteramt ausübt, wo ein wehrloses Volk vergebens nach Schutz und Sicherheit verlangt, da ist kein Raum sür den Thron des einigen Gottes. Wo aber der mächtigste der Monarchen ein Friedensherrscher, die Völker mahnt, in dem Kainpf um diesen hartbedrängten Gottesglauben sich zusammenzuscharen, da ist die Idee des Gottesreiches und der Gottesherrschaft auf fruchtbaren Boden gefallen, denn dieses Wort, das frische, freie, lebendige Wort der Wahrheit, ist eine Macht: wie ein Feuer zündet es, verzehrt das Schlechte und Ungerechte, erwärmt und ermuntert die Schwachen und Schwankenden, und wie ein Hammer zertrümmert es den Wahn, der in seiner Verblendung sich als ein Herrscher der Welt dünkt. 'Mögen darum die Zeitverhältnisse auch noch so trüb erscheinen, möge der Horizont unserer Geschichte sich immer wieder düster umwölken, wir vertrauen dem Geiste, der in der Weltgeschichte so wunderbar sich zeigt und der in unseren Rosch- Haschonohgebeten einen so erhabenen Ausdruck gefunden hat. Der Zusammenhang der Kaiserrede mit der Predigt des Neujahrsfestes ist für uns ein neues Zeichen, daß wir dem Gedanken der Messiaszeit immer näher rücken, daß wir, die wir unter Tränen gesäet haben, Saaten der Wahrheit und Freiheit, der Gerechtigkeit und der Liebe mit Jubel ernten werden, daß die bösen Geister der Verleumdung, die unsere Lehre, unser Leben und Streben mit den schwärzesten Farben äusmalen, bald verbannt und in ihre Schlupfwinkel zurückgedrüngt sein werden, und daß die Fürsten der Erde und ihre Gesetzgeber die Forderungen der Humanität für Israel zum Gesetz erheben und daß alle Völker dieser Erde dermaleinst einig und verbunden sein werden durch Wahrheit und Gerechtigkeit, durch Liebe und Treue. ««WA- Die Woche. Berlin, 19. September, er deutsch-nationale Handlungsge hilfenverb a n d. Mit dem wir uns schon oft zu beschäftigen genötigt waren, hat bisher seine Verbindung mit den Antisemiten, speziell mit der deutsch - sozialen Partei, krampfhaft in Abrede gestellt. Nun aber hat er sein Visier enthüllt. Schon auf dem in voriger Woche hier abgehaltenen Verbandsstiftungsfest zeigte sich die große Intimität mit den Antisemiten aller Richtungen und Schattierungen, von Herrn Stöcker bis hinunter zu den entlegensten Ausläufern dieser Partei. Aber auf solche Verbrüderungsfeste ist namentlich itt’ den^ Kreisen wenig Gewicht zu legen. Viel bedeutungsvoller ist die aus Eisenach kommende Mitteilung, daß der deutsch-nationale Handlungsgehilfenverband die Absicht hege, einen antisemitischen Kampffonds für die Reichstagswahlen im Jahre 1908 durch Geldsammlungen aufzubringen. Hierzu wird aus Eisenach geschrieben: „Seitdem die Antisemiten die Wartburgftadt im Reichstag vertreten, treibe» sie mit dem Namen „Wartburg" einen Kult, der unangenehm berührt. Jetzt ist von dem deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverband, dessen Vorsitzender der Reichstagsabgeordnete für den Wahlkreis Eisenach-Dermbach. Wilhelm Schack, ist, eine Wartburg- Vereinigung gegründet worden. Aus einem Rundschreiben, das von Hamburg aus an die Vertrauenspersonen des deutsch-nationalen Handlnngsgehilfenverbandes gesandt wurde, geht, wie die „Eisenacher Tagespost" mitteilt, hervor, daß der Verband einen direkten Einfluß auf das Parlament zu gewinnen hofft, was aber nur geschehen könne, wenn Wilhelm Schack wiedergewählt werde. Es heißt dann in dem Schreiben weiter: „Unsere Gegner von der roten und goldenen Internationale rüsten jetzt schon, um Schack zu Falle zu bringen. Sie hassen ihn wütend. So wird der nächste Wahlkampf in Eisenach ein Kamps auf Leben und Tod worden. Zur gegebenen Zeit wird man mit Strömen von Judengeld gegen uns arbeiten. Wir möchten, daß in aller Stille soviel Geld zusammengebracht wird, daß sowohl 1908 als auch bei späteren Wahlen schon zu Beginn des Kampfes genügende Mittel vorhanden sind, um den Wahlkampf glatt und energisch zu führen." , Man darf gespannt darauf sein, wie weit der antisemitische Opfermut der deutsch-nationalen Handlungsgehilfen reicht. Die „Ströme von Judengeld" sind übrigens eine reizende Phrase, die allerdings Kennern unserer Verhältnisse nur ein wehmütiges Lächeln abgewinnen kann. * Die zahlreichen, von einem Teil der liberalen Presse gemachten Reklamationen über die nrerkwürdige Handhabung der Bestimmungen der englischen Fremdenbill seitens der Hafenbeamten und der zu ihrer Beaufsichtigung eingesetzten Gerichtshöfe haben letztere gezwungen, endlich Farbe zu bekennen und sich als wahre Antialienisten ohne alle Schminke zu deklarieren. In seiner Sitzung vom 27. August erklärte ein Mitglied des Gerichtshofes den anwesenden Vertretern der Presse, daß das Einwanderungsgericht sich um die vom Minister des Innern gegebenen Vorschriften wenig kümmere. Der Gerichtshof sei nach wie vor entschloffen, entgegen den Bestimmungen Mr. Gladstones, Einwanderer, trotzdem sie im Besitze der vorgeschriebenen fünf Pfund sind, dennoch von der Landung zurückzuweisen, falls sie nicht sonst noch den Nachweis erbringen können, daß sie in England sich auskömmlich zu ernähren vermögen. Anderseits fei er gern bereit, junge, kräftige und alleinstehende Leute, welche im Besitz eines geeigneten Handwerks sind, auch ohne die vorgeschriebenen 5 Pfund zur Landung zuzulaffen. Auf den Hinweis eines Berichterstatters auf die klaren Erklärungen des Mr. Gladstone im Unterhause erwiderte der betreffende Richter wörtlich: „Wir sind' dazu da, die Handhabung eines Gesetzes zu beaufsichtigen, das abzuändern Mr. Gladstone nicht berechtigt ist. Im Gesetze aber ist die Höhe der von den Fremden vorzuweisenden Summe nicht angegeben." Wir sind nun neugierig, was Mr. Gladstone zu dieser Erklärung des von ' ihm eingesetzten Gerichtshofes wohl sagen wird. Zwar ist er wirklich nicht in der Lage, das einmal geschaffene Gesetz aus eigener Macht-