Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 38. Berlin, 21. September 1906. eitung des Audentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin ». Vororten durch unsere verrriebsst.llen) b.zogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner 9*- Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „AUgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Siraße ^6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Lum Keujahrskelte. Berlin. 18. September, wei große Gedanken hat der Kaiser in seiner letzten Rede in Schlesien ausgesprochen, die nicht hoch genug bewertet und nicht eindringlich genug verkündet werden können: die Einigung der Konfessionen im Kampfe gegen den Unglauben und die Mahnung vor jeder Schwarzseherei. Es ist uns eine wahre Genugtuung, daß diese beiden großen Ideen zugleich auch die leitenden Gedanken des jüdischen Neujahrsfestes sind. Das Rosch Haschonoh-Fest ist das Fest des jüdischen Optimismus und des jüdischen Universalismus. In dem einen Gedanken liegt die Idee der Einigung der Konfessionen zur Erfüllung ihrer höchsten religiösen Aufgaben; in dem anderen aber die eindringliche Mahnung, daß diese Welt nicht als ein Jammertal anzusehen ist und daß alle scheinbare Unvollkommenheit im einzelnen für den, der das Ganze übersieht, sich in Wohlordnung und Vollkommenheit auflösen muß. Dieser unverwüstliche Optimismus des jüdischen Stammes ist durch die Geschichte bezeugt. Sein Familiensinn und seine Hoffnungsfreudigkeit hüben denselben gefördert. Wer mit dem innersten Kern seines Wesens, mit dem glühenden Herzen an der Familie hängt wie der Jude, der kann unmöglich ein Jünger Schopenhauers oder Nietzsches werden. Die Liebe zu seiner Familie und die tiefe Sehnsucht, seine Kinder zu beglücken und ihre Tage zu verschönern, lassen in ihm nicht die peinliche Idee den Sieg davon tragen, daß diese Welt absolut schlecht eingerichtet und daß nichts als Täuschung das Los des Menschen auf Erden sei. Vater und Mutter weisen hastig' von sich den trüben Gedanken, daß ihre Kinder, die sie mit warmer Liebe umfassen und denen sie alles erdenkliche Gute wünschen, das Opfer einer schlecht konstituierten Menschenordnung sein sollten. Auch die jüdische Hoffnungsseligkeit, die nie verzweifelt, solange das Abendrot am Horizonte des Lebens matt schimmert, widerstrebt jeder pessimistischen Regung. Der ausgesprochene Optimismus des jüdischen Stammes kommt in seiner Religion, Literatur und Geschichte zum Ausdruck. Er feiert seinen höchsten Triumpf in den Gebeten des Neujahrsfestes. Schon die Schöpfungsgeschichte schließt mit dem Satze: „Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut." Der Mittelpunkt der mosaischen Gesetzgebung, in der Idealismus und Realismus in wunderbarer Mischung sich vereinigen, ordnet die irdischen Verhältnisse, will das menschliche Leben auf Erden durch Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, durch Freiheit und Gleichheit, durch Liebe und Brüderlichkeit zur Freude seiner Bekenner so schön als möglich gestalten und verheißt dem treuen Gehorsam irdische Belohnung. „Das Gesetz, das ich Dir heute gebiete," so heißt es in der heiligen Schrift, „ist nicht entrückt noch fern von Dir. Es ist nicht im Himmel, daß Du sagen müßtest, wer will für uns in den Himmel hinaufsteigen, daß er's uns hole und uns hören lasse, auf daß wir es tun. Es ist auch nicht jenseits des Meeres, daß Du sagen müßtest, wer will für uns über das Meer hinüber fahren, auf daß er's uns hole und uns hören lasse, auf daß wir es tun. Sondern es ist das Wort Dir sehrnahe in Deinem Munde und in Deinem Herzen, daß Du es tuest." Dieser Ausspruch nimmt für das Judentum das Wort, das Gefühl und die Tat des Israeliten in Anspruch und macht es zu einer idealistisch-realistischen Religion, welche sich vorl dem christlichen Spiritualismus streng unterscheidet, und jeden Pessimismus entschieden zurückweist. Unsere Propheten sind die wahren Helden des Optimismus, die die sittliche Vollendung des irdischen Tuns in den Vordergrund ihrer Reden stellen, die das Volk, dessen Führung sie übernehmen, dem eisernen Arm der Verzweiflung entreißen und durch die Hinweisung auf eine schöne und glückliche Zukunft aufrichten. Ja, die Messiasidee ist der Fels des jüdischen Optimismus, an dem Jammer und Kummer, Not und Elend, in all den Jahrhunderten unserer Geschichte sich brechen mußten, und auf den die Lehrer immer hinwiesen, wenn der Himmel des jüdischen Volkes gewitterschwer und unheilschwanger sich bedeckte. In der Geschichte des Judentums, deren Blätter von Völkerhaß und Völkerdruck erzählen und eines der traurigsten historischen Dramen aufrollen, feiert der jüdische Optimisnms den höchsten Triumpf. Kein Leid, so furchtbar es auch hereinbrechen mochte, war imstande, diesen Stamm in seiner Gesamtheit dem kalten Arm des Pessimismus zu überliefern. Hoffnungsselig und erlösungsgläubig tauchte er immer wieder aus den trüben Fluten aller Verfolgungen empor und blickte mit seinem optimistischen Stannnesauge über sich und um sich. So wird auch der letzte Akt jenes weltgeschichtlichen Dramas, dessen Held er ist, zu seinem Besten sich entwickeln. Sein optimistischer Grundzug wird ihn nickit täuschen. Wer das Mussafgebet des Rosch Haschonoh-Festes mit Gefühl und Verständnis rezitiert, wird er nicht von diesem erhabenen Optimismus, von dem kühnen Flug universalistischer Gedanken mit fortgerissen? „So lasse denn kommen, Ewiger, unser Gott, deine Furcht über all deine Geschöpfe uüd ehrfürchtiges Bangen über alles, was du geschaffen, daß zu dir sich bekennen alle deine Geschöpfe und vor dir sich beugen alle Wesen und alle sich zusammenschließen zu Einem Bunde, deinen Willen zu tun mit ganzem Herzen." Und weiter: „Dann werden die Gerechten es tun und sich freuen und die Redlichen werden jubeln und die Frommen jauchzend frohlocken und das