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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-14 · Heft 37 (14.7.1906) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 37 (14.7.1906)
Date
1906-07-14
Page
Seite 444 (sequence 12)
Language
German
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444 Juanita unterbrach zuerst das Schweigen. „Armer Vater, wie unglücklich mußtest Du Dich fühlen!" „Mein Herz schaudert noch," fuhr Diego seufzend fort, „wenn ich mich an das erinnere, was meine Augen gesehen haben. Ich habe jenen schrecklichen Metzeleien, mit denen sie Gott zu preisen vermeinen, beigewohnt. O, die Teufel! Du ahnst nicht die Foltern, die sie erfunden haben, ihre Opfer zu martern. Ach. ich habe meine besten Freunde gesehen, längst gebrochen durch die Schrecken des Kerkers, durch die höllischen Quälen, ich habe sie den Scheiterhaufen besteigen sehen; ich habe die fanatischen Mönche und die vertierten Volksmasfen diesem infamen Schauspiel wie einem Opfer, dargebracht dem Höchsten, beiwohnen sehen. Auch ich war da, ja ich selbst! — Ich mußte wohl, denn hätte ich mich ferngehalten, man hätte michverdächtigt, und der Verdacht der Inquisition — tötet! Ich war dabei, mein Herz war zerrissen von Schmerz und Mitleid, ineine Seele empört von solcher Verderbtheit und Grausamkeit, und doch mußte ich alle meine Gefühle in die tiefste Tiefe meines Innern zurückdrängen. Ich mußte kalt, noch mehr, ich mußte befriedigt, im Herzen erfreut scheinen. Denn ich wurde ohne Zweifel beobachtet, eine Bewegung des Mißfallens oder des Bedauerns, und ich war verloren .... Welch eine Strafe! Mein Gott, welch eine Strafe!" Diego hielt iune; die Erinnerung an jene schrecklichen Allgenblicke rief den Schmerz in seiner Brust wieder wach. „Und auch Du," fuhr Diego fort, „auch Du wärest verloren gewesen, denn diese Elenden kennen keine Rücksicht. Ihre unversöhnliche Wut keirnt keine Schonung für die Jugend, für die Unschuld. Sie vernichtet alles, was ihrer Macht im Wege steht, sie verderben alle diejenigen, deren Güter ihre Habsucht reizen." „Und der König?" warf Juanita ein, „weiß der König, daß man seine Untertanen in der Weise mißhandelt?" „Der König?!" antwortete Diego bitter lächelnd, „ersteht mit der Inquisition im Bunde, wenn er sich überhaupt noch stark genug fühlt, sich nicht zu ihrem Schergen zu erniedrigen. Wehe diesem unwürdigen Hirten der Völker! Ich selber habe ihn der grausamen und unverdienten Hinrichtung seiner braven und treuen Untertanen beiwohnen sehen. Unter den zahlreichen Opfern, die an einem Tage umkamen, befand sich auch ein Weib, jung und schön, wie Du, meine Juanita." Juanita schauderte. „Ach ja," sprach Diego träumerisch weiter, „sie war noch schön, trotz der Leichenblässe, die ihr edles Antlitz bedeckte, trotz der schrecklichen Qualen, die sie hatte offenbar erdulden müssen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber die Unglückliche glaubte sich auf dem Wege zunr' Henkertode dadurch retten zi« können, daß sie sich unter den Schutz der königlichen Majestät flüchtete. Sie entschlüpfte den Händen ihrer Mörder und warf sich der Königin zu Füßen. Sie beschwor sie bei ihrer Jugend, bei denen, die sie liebte, bei ihrer Mutterliebe — die Arme hatte ebenfalls Kinder — Mitleid mit ihr zu haben, sie zu retten, sie beteuerte ihre Unschuld.... Die Königin war gerührt, sogar der König machte eine Bewegung des Mitleids: da trat der Großinquisitor hervor mit dem schwarzen Kruzifix in der Hand, und das Königspaar, die Beschützer des Volkes, blieben ohnmächtig gegenüber dem frechen Auftreten eines Pfaffen . . . Der Scheiterhaufen verlor sein Opfer nicht." „Großer Gott! Was hatte sie verbrochen?" fragte Juanita. „Ihr Gatte, der einige Zeit abwesend war, sollte nach Hause kommen. In der Freude legte die Unvorsichtige Festgewänder an . . . es war ein Sonnabend . . . man klagte sie des Judaisierens an. Der Gatte kam erst nach einigen Tagen an, sie wurde der Ketzerei verdächtigt und eingesperrt. Einer ihrer Bedienten sagte aus, daß sie ihre Hände segnend auf die Häupter ihrer Kinder gelegt habe... wie die Juden tun ... das war ihr Todesurteil." „Schrecklich, schrecklich!" sagte Juanita leise. „Du stehst mein Kind," fuhr Diego fort, „welche Vorsicht uns not tut. Darum, sei mutig und vorsichtig, lebe ruhig wie bisher, erfülle regelmäßig diese leeren Bräuche, um den Verdacht zu entfernen; aber in der Tiefe des Herzens erhebe Dich zum einzigen, unsichtbaren Gott, er wird Dir vergeben, er wird Dein Gebet erhören, denn Du bist rein und unschuldig und er ist allliebend. Traue niemandem, antworte keinem Zeichen, denn die Spione lauern überall. Hüte Dich vor unfern Dienern, vor Jago und Joseph«. Ich habe sie mit Wohltaten überhäuft, aber sie meinen ihre heiligste Pflicht zu erfüllen, wenn sie uns denunzierten. Vergiß ganz, daß Du Jüdin bist, Du seiest denn allein vor Gott oder bei mir." „Und er — Fernando?" fragte bebend das junge Mädchen. „Mein Kind." antwortete Diego lächelnd und seine Augen nahmen wieder einen tiefen, zärtlichen Ausdruck an. „mein Kind, glaubst Du wirklich, daß ich so wenig besorgt um Dein Glück hätte sein können. Dir einen Gatten anderen Bekenntnisses zu wählen? Auch er gehört dein verfolgten, heimatlosen Stamme an. Ein edles Herz! Auch er versteht schon zu leiden und zu schweigen. Aber Du bist sehr aufgeregt, meine Tochter, brechen wir unser Gespräch ab; ich glaube überdies herannahende Stimmen zu hören, man tritt in das Vorzimmer. . . .- Gehen wir hinaus, Juanita, und nun — Vorsicht und Kaltblütigkeit!" (Fortsetzung folgt.) Literarilchr Mitteilungen. « Wenige Wochen vor seinem Tode sprach der unvergeßliche Zadoc-Kahn Herrn S. Debre, Rabbiner in Neuilly und Dozent an der Talmud-Thora in Paris, gegenüber den Wunsch aus, er möge Dr. M. Güdemanns Schrift „Das Judentum in seinen Grundzügen und nach seinen geschichtlichen Grundlagen" ins Frairzöstsche übertragen und so die Verbreitung des Werkes unter den französischen Juden ermöglichen. Das ist nunmehr geschehen, das Buch ist soeben erschienen. Im Vorwort schreibt der Uebersetzer als Erklärung für die Sympathie, die der leider zu früh verstorbene Oberrabbiner für diese Arbeit hegte: „Mild und friedlich aufs äußerste, jeder heftigen Diskussion abhold, aber mit Herz und Seele an unserem alten Judentum hängend, war er glücklich zu sehen, daß ihm eine gerechte Beurteilung zuteil würde durch einen Schriftsteller, der gleichzeitig maßvoll und gelehrt wäre." Wie diese Worte treffend ein schönes Bild des edlen Charakters des verewigten Großrabbiners entwerfen, so gereichen sie nicht minder dem bedeutsamen Werke des Wiener Oberrabbiners zur Ehre. V. M. Sprechlaal. Hochgeehrter Herr Redakteur! dem Leitartikel Ihres geschätzten Blattes „Väter und Söhne"' erwähnen Sie die Abstammung des Herrn Ober-Landesgerichlsrates Dr. Sommer — wie es leider schon früher in anderen Zeitungen der Fall gewesen — in durchaus falscher Weise. Ich erlaube mir nun, Ihren Irrtum richtig z» stellen. Wenn ich auch sonst mit dem Sinne Ihres Artikels völlig einverstanden bin, auch an sich gegen die Abstammung von einem armen Viehhändler gewiß nichts zu sagen ist, so trifft sie in diesem Falle nicht zu,, denn der Vater des Herrn Ober-Landesgerichtsrats Tr. Sommer war nicht ein armer Viehhändler, sondern ein in guten Verhältnissen lebender, bei Inden und Christen hochangesehener Kaufmann zu Rothenburg. Köln, im September 1906. Hochachtungsvoll B. H. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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