Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1906)
- Date
- 1906-07-14
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
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BP! WW -- 443 Gesamtheit noch weit mehr verbreitet sind; erklärt man doch sogar öffentlich das rücksichtslose Draufgehen, das derbe Fluchen und Züchtigen als berechtigte Ausbrüche der Stärke und Kernhastigkeit, als charakteristisches Merkmal der germanischen Rasse. Hören wir hingegen das Urteil uirserer Verfasserin, die das Leben gründlich kennen gelernt hat rind wahrheitsgetreu schildert: „Wenn ich Israeli als Judenjunge bezeichne, will ich damit nicht sagen, daß man bei einem Juden überhaupt solche Frechheiten und Unverschämtheiten voraussetzen kann. Ich habe im Gegenteil gerade von Juden immer ein chevalereskes Verhalten konstatieren können. Julius' (des Doktors) Eltern waren ja auch Juden, aber Israeli gehört zu jenen Exemplaren, die durch ihre Arroganz und Flegelhaftigkeit den Antisemitismus rechtfertigen." (Seite 278.) Dieses Urteil trifft den Nagel auf den Kopf. Gewiß, es gibt unter uns leider schlechte Menschen, aber die sind eben Ausnahmen, und wenn der Judenfeind ihre Sünden der Gesamtheit zur Last legt, so müßte er auch folgerichtig behaupten, unser ganzes deutsches Volk bestehe aus Dieben und Mördern, weil einzelne Diebe und Mörder erwiesenermaßen sich in seiner Mitte befinden. Jene abstoßende Individuen können also durch ihre Arroganz und Flegelhaftigkeit den AntisemitiSrnus zwar nicht rechtfertigen, wohl aber psychologisch erklären und in seinem ganzen Unverstand beleuchten. Möchte diese Erkenntnis endlich in den. Köpfen all derer heimisch werden, die sich sonst ihrer Würde und Bildung rühmen, dann wird gewiß die gesellschaftliche Ghettomauer unserer Zeit fallen. Fassen wir das Gesagts^kürz zusammen. Das „Tagebuch einer Verlorenen" richtet an den Juden die'ernste Mahnung, seine Kinder durch eine angemessene Behandlung rechtzeitig von den Abgründen der Sittenverderbnis zurückzuhalten, die heute mehr denn je sie bedrohen, und die dringende Bitte, sich der armen Verführten mit aller Kraft anzunehmen, daß wie einst, so auch fürderhin das Gottesgebot gelte (V. Mose 23, 18): „Es soll keine Buhlerin sein unter den Töchtern Israels." Das „Tagebuch einer Verlorenen" läßt uns mit Genugtuung erkennen, daß der sittliche Adel des Judentums sich oft in seinen Kindern, ohne daß sie es selbst ahnen, offenbart, ja selbst dann offenbart, wenn sie ihre angestammte Gemeinschaft schon verlassen haben; das „Tagebuch einer Verlorenen" führt uns endlich das häßliche Betragen gewisser Elemente vor Augen und erfreut uns durch ein unbefangenes und zutreffendes Urteil über die Juden. Ich glaube, daß diese Momente uns jenes Buch interessant und wertvoll zu machen vermögen. Aus trüber Leit. ° Eine historische Erzählung. III. ^^^iego war durch die Bewegung, die seine Tochter machte, aufs tiefste erschrocken und beobachtete sie mit unsäglicher Aengstlichkeit. Er hätte in der Tiefe ihres Herzens lesen mögen, ob die schreckliche Enthüllung eine ewige Scheidewand zwischen ihnen errichten oder das Band der Liebe noch fester um sie schlingen würde. „Und nun, Meine Tochter," nahm er wieder das Wort, „ich weiß, daß mau Dich gelehrt hat — was sage ich — ich selbst habe Dich gelehrt, daß es die heiligste Pflicht ist, diejenigen, die, wie ich, falsche Kinder der Kirche sind, beiin Tribunal des heiligen Offiziums anzugeben. ..." „Wie, ich Dich angeben? Vater! Ich Dich der Inquisition überliefern?" flüsterte Juanita, und mit einer stürmischen Bewegung trat sie wieder zu ihrem Vater. Mit einein Arm umschlang sie Diego, während sie den andern wie zur Abwehr des Feindes vor ihn: emporhob. „Ich teile Deinen Glauben und Deine Gefahren, Du bist mein Vater und mein Lehrer. Dein Glaube muß der wahre sein." Entzückt schloß Diego seine Tochter in seine Arme. „Ich erwartete es nicht anders von meiner Juanita. O, Du bist in Wahrheit mein Fleisch und Blut, braves Mädchen. Aber Du bist so bleich mein Kind, rege Dich nicht zu sehr auf. Du hast ja immer ruhig und friedlich gelebt. Vorsicht und Verschwiegenheit ist jetzt das einzig Erforderliche." In der Tat war das arme Mädchen tief ergriffen von den Mitteilungen, die sie soeben erfahren hatte. Gestern noch eröffnete sich vor ihren Augen eine glückliche, freie und schöne Zukunft — und heute sah sie sich überall von Gefahren unigeben, von Schrecken umringt. Diego merkte wohl die Gefühle, die ihr Herz bewegten. „Vergib mir, meine Tochter," fuhr er nach einigen Augenblicken peinlichen Stillschweigens fort, „vergib mir, daß ich Dich in diese schmerzlichen Beängstigungen des geheimnisvollen Streites eingeweiht habe. Ich hätte Deiner Jugend gern die Kämpfe, die unser hartes Los sind, erspart. Ich habe lange gezögert, aber könnte ich mein Stillschweigen jetzt noch vor Gott rechtfertigen? Schuldete ich Dir nicht die Wahrheiten, die ich besitze! Denn darin besteht jetzt vor allem unsere Pflicht und unsere Größe, unfern Nachkommen, trotz der zahllosen Gefahren, trotz der grausamsten Martern, mit wahrhafter Todesverachtung den Glaubensschatz, der seit Jahrtausenden den Trost und die Hoffnung unseres Volkes ausmacht, ungefälscht zu überliefern. Und fürwahr, er bietet uns tausendfachen Ersatz für die Unmasse unserer schweren Prüfungen. Später, wenn Du mehr wissen wirst, wirst Du begreifen, welche beseligende Genugtuung, welchen erhabenen, bittern Stolz die Erfüllung unserer heiligen, aber schmerzlichen Mission uns verleiht, wie sehr wir uns geadelt fühlen durch diese unvergängliche Hingebung an den Glauben der Väter, durch diesen heimlichen, aber unbesiegbaren Widerstand gegen die grausamste, gegen die furchtbarste aller Mächte, durch den Trotz gegen die Gefängnisse, die Folterqualen und Scheiterhaufen! Glaube mir, mein Kind, ich habe Dich immer unaussprechlich geliebt, um so mehr, als ich dazu berufen war. Dich inmitten unversöhnlicher Feinde zu erziehen. Dich zu bewahren vor ihren Schlingen; nun denn. Du bist mir tausendmal teurer, seitdem Du so mutig die Gefahren teilen willst, die Du jetzt kennst. Ach, ich habe schon viel gelitten für meinen Glauben! Ich habe grausame Schicksalsschläge überstanden, aber in diesem Augenblick fühle ich mich reich belohnt durch Deine Liebe und Hingebung." Die Stimme Diegos zitterte, während er die letzten Worte sprach. Juanita vergaß beim Anblick der Erregung ihres Vaters des eigenen tiefen Seelenschmerzes. Sie dachte nur an ihn, und bebend warf sie sich in Diegos Arme. „O, mein Vater," murmelte sie halblaut, „ich werde Dich stets lieben." Sie konnte nicht fortfahren, heiße Zähren erstickten ihre Stimme. Vater und Tochter verharrten einige Zeit in inniger, stummer Umarmung.