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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-14 · Heft 37 (14.7.1906) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 37 (14.7.1906)
Date
1906-07-14
Page
Seite 442 (sequence 10)
Language
German
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m -— 442 und nicht aus roher Sinnenlust, und als er bemerkt, daß ihr Denken und Fühlen noch nicht versumpft ist, will er sie auch auch sofort einem ehrlichen Leben gewinnen. Instinktiv ahnt sie den sittlichen Ernst, die Redlichkeit und den Zartsinn seines Wesens; darum liebt sie ihn auch allein unter allen Männern und liebt ihn unentwegt bis zu ihrem letzten Atemzuge. Er erwidert diese Liebe allerdings nicht mit gleicher Wärme, verhehlt aber nicht sein tieferes Interesse für sie und bekennt, daß nur der Gedanke an Weib und Kind sein Gefühl mäßige. Als aber der Graf sie zu sich nimmt, bricht er sofort alle Beziehungen zu ihr ab; sie ruft ihn, sie eilt selbst zu ihm und wirft sich ihm an den Hals; er erklärt ihr freundlich aber bestimmt, „daß er nicht in anderer Leute Revier pürschen gehe", daß sie dem Grafen gelobt habe, ihn: allein anzugehören und nun auch ihr Wort halten müsse. Erst später, als er sie schwer krank vor sich sieht, und sie mit Gründen und flehentlichen Bitten, mit Verzweiflung, Todessehn sucht und bitteren Tränen ans ihn einstürmt, gelingt es ihr, ihn zu erweichen. Zu diesem Pflichtgefühl gegen seine Familie und zu dieser strengen Ehrlichkeit gesellt sich aber noch echte Treue. Als Thymian zu Grabe getragen wird, da findet sich von all ihren Freunden nur einer ein, um ihr auf ihrem letzten Wege das Geleit zu geben, unser Doktor; die anderen Herren, die ihr auch zugetan waren, haben wohl kostbare Kränze gespendet, sind aber nicht selbst erschienen. Er aber hat mit tiefstem Gefühl ihr Leben in sich ausgenommen, das so traurig verlaufen war und doch bei ihrem Geiste, ihrer Anmut und ihren schönen Charakterzügen sich so reich hätte entfalten müssen, und seine innerste Ueberzeugung spiegelt sich in seinen Worten wieder: „Die Philosophie aller Philosophen klingt doch darin aus, daß man das Glück und die innere Zufriedenheit mehr in abstrakten als in konkreten Dingen suchen muß." Fürwahr, eine geschlossene Persönlichkeit steht hier vor uns, ein Charakter, der sich in seinem warmen, ernsten, edlen Glanze wohltuend von einer leichtlebigen, genußsüchtigen Umgebung abhebt. Allein Thymian hat auch Juden kennen gelernt, die anders ausschauen. Während sie dank der Freigebigkeit des Grasen ein ruhiges, reiches Leben führt, empfindet sie das Bedürfnis, von ihrem Ueberflusse an Arme bedeutende Gaben zu spenden, und da sie vor der Welt als anständige Privatiere gilt, wird sie nicht nur in einen wohltätigen Verein ausgenommen, sondern sogar in den Vorstand desselben gewählt. Wie freut sie sich, daß es ihr nun endlich gelungen ist, sich ein Plätzchen in der Gesellschaft zu erobern, doch ach, diese Freude sollte nicht von Dauer sein. Einmal weilt sie bei einer Frau Dr. als Gast, da bemerkt sie, wie deren Bruder, ein Herr Israeli, ein Jüngling von 25 bis 26 Jahren, plötzlich sein Monokel einktemmt und ihr unverwandt und frech ins Gesicht schaut. Bald darauf, in einem Augenblicke, wo er sich unbeobachtet glaubt, raunt er ihr zu, was sie denn hier zu suchen habe, und als sie darauf nicht eingeht, fügt er scharf hinzu: „Ach was, verstellen Sie sich doch nicht, ich habe Sie früher oft genug im Cafe Keck und National (zwei von der Halbwelt besonders besuchte Lokale) getroffen. Mein Freund Abraham kann jeden Augenblick kommen, er kennt Sie auch. Ich will durchaus nicht, daß er Sie hier bei meiner Schwester antrifft, richten Sie sich bitte danach." Sie will erwidern, er aber unterbricht sie brüsk: „Machen Sie keine Wippchen, Thymian, wenn mein Schwager wüßte, wen er hier zu Gaste hat, könnten Sie sich freuen, und wenn Sie sich nicht freiwillig zurückziehen . . ." Die letzten nur geflüsterten Worte enthielten so deutlich eine Drohung, daß sie, von Scham niedergedrückt und von Zorn „über den unverschämten Judenbengel" erfüllt, aus der Gesellschaft verschwand. Kurz darauf erhielt sie von dem Vereine, bessern Vorstand sie arrgehörte, die bestimmte Aufforderung, ihr Amt niederzulegen. Sie war von neuem aus der Gesellschaft ausgestoßen. Wir können ihr glauben, was sie uns erzählt, daß dieser Vorfall sie so tief aufgeregt habe, daß sie vierzehn Tage krank daniederlag; sah sie doch ein mühsam entzündetes Lebenslicht mit einem Male verlöschen, jedoch wir dürfen nicht, von Mitleid bewegt, nun ganz in ihrem Sinne die Handlungsweise dessen beurteilen, der sie wieder in diese Finsternis hinabgestürzt hat. Er wußte ja nicht, wie es in ihr ausfah, wie sie so heiß sich mühte, unter ehrlichen Menschen ein edles Leben zu führen, er hielt sie für eine der gewöhnlichen Dirnen, die er in jenen Cafes kennen gelernt, für ein rohes, geineines Wesen, das. in raffinierter Schlauheit es verstanden hatte, sich in die feineren Kreise einzuschleichen. Wer kann es ihm verübeln, wenn er sie dort nicht zu sehen wünscht; nicht bloß der Jude, sondern jeder Mensch würde so empfinden, das könnte man wahrlich niemandem verdenken. Gewiß, es leben in der anerkannten Gesellschaft viele Männer und Frauen, die an innerer Haltlosigkeit, an häßlichen Charakterzügen noch unter jenen Mädchen stehen, und deren Verbannung ein dringendes Gebot der reinen Sittlichkeit ist; aber wenn die Menschen noch nicht reif genug sind, gebieterisch zu verlangen: „Sondert euch von dieser Gemeinde ab" (IV. Mose 16,21), so dürfen sie deshalb doch noch nicht Buhlerinnen, solange sie eben nichts weiter sind, in ihrer Mitte dulden. Wie begreiflich aber jener Wunsch Israelis ist, so häßlich ist die Form, in welcher er zum Ausdruck gelangte. Ein alter Weiser Israels fordert: „Empfange jeden Menschen mit freundlichem Angesichte," unter allen Umständen aber ist eine rohe Zurückweisung zu verwerfen. Es gibt doch wahrhaftig noch andere wirksame Mittel, unsympathische Menschen von sich fern zu halten, als daß man zu groben Worten seine Zuflucht nehmen müßte, ja ich behaupte, es gehört nicht einmal immer auf einen groben Klotz ein grober Keil. Solches Auftreten muß eutschieden abstoßen, und leider — wir müssen der Wahrheit die Ehre geben — hat Israeli unter den Jungen wie unter den Alten gar manche, die es ihm darin gleichtun. Männer, die im Besitze eines größeren Vermögens sind, ja selbst blutjunge, untergeordnete Handlungsgehilfen, wenn sie gerade über ein paar Mark verfügen, tragen an öffentlichen Unterhaltungsstätten zuweilen ein geradezu unerträgliches Benehmen zur Schau, nicht bloß, daß sie überlaut, gespreizt, großtuerisch sich geberden, sie befehlen und tadeln auch über das geziemende Maß hinaus. Entspricht das aber dem jüdischen Wesen? Fordern nicht Bibel und Talmud an zahlreichen Stellen Zartsinn und Milde? Wird nicht von Mose, dem Schöpfer der israelitischen Religion, gerühmt, er sei der bescheidenste aller Menschen gewesen, haben sich nicht Hillel und die größten Talmudlehrer, Moses Maimonides und die bedeutendsten rabbinischen Gelehrten gerade durch Schlichtheit und Liebenswürdigkeit ausgezeichnet? Danach darf man aber auch nicht, von dem Benehmen einiger ausgehend, den Juden die entgegengesetzten Eigenschaften andichten. Nein, mit aller Entschiedenheit weisen wir Hoffart und Aufdringlichkeit, Trotzen und Protzen als gänzlich unjüdisch zurück und verlangen, daß man endlich aufhöre, den Namen „Jude" mit solchen Unarten zu verbinden. Nur Dummheit, Roheit oder Bosheit haben Ausdrücke wie „frecher Judenjunge" und „Judenbengel" geprägt, der Unparteiische, der die Geschichte und den Geistesinhalt des Judentums kennt, wird Charaktere wie den des Arztes als jüdischen Charakter bezeichnen. Uebrigens lehrt die Erfahrung, daß jene Untugenden außerhalb der jüdischen

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