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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-14 · Heft 37 (14.7.1906) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 37 (14.7.1906)
Date
1906-07-14
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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M '/ \ “' . -^— 441 •—— ftus dem „Tagebuch elner Vrrlsrenen". ' . Bon Dr. S. Grzymisch. . ..:. „Verflucht sei, wer das Recht des . Fremdlings, der Waise und der , . > Witwe beugt, und das ganze Volk """ spreche: Amen" (V. Mose 27,19). as Nachdenken über, diesen Vers des Thoraabschnittes, der am vorigen Sabbat in den Synagogen verlesen wurden über diesen herrlichen Vers, welcher den Stiefkmdern der Gesellschaft eine gesicherte Heimstätte gewährt, führt mich wieder einmal zum ,-Tagebuch einer Verlorenen?. NoM mcht lange, kaum "ein Jahr ist es her, da hatte/dieses merkwürdige Buch eine beherrschende Stellung in unserer Erzählungsliteratur inne, da war es das Modebuch gewesen, das jeder Gebildete gelesen haben muhte. Heute ist es schon in -den-Hintergrund gedrängt und andere schriftstellerische Erzeugnisse nehmen seine Stelle ein, man spricht nicht mehr von ihm. Verdient dies Buch das Schicksal, vergessen zu werden? Nach meinem Dafürhalten nicht. Gewiß, es gibt viele Werke, die ihm an straffer Regelmäßigkeit des Aufbaues, an Reichtum tiefgründiger Gedanken, an Glanz des Ausdrucks überlegen sind, aber nur wenige sind so natürlich geschrieben, aus wenigen dringt so schlicht und doch so übermächtig ergreifend die Wahrheit. Auch ist es ein sehr heikles Gebiet, das wir hier betreten; mitten im Schmutze des Lebens und noch dazu des sexuellen Lebens wandern wir, und so manches tugendfame Menschlein wird mit Abscheu und Entrüstung von diesen ,-unsittlichen" Schilderungen sprechen, — um sich im Geheimen mit desto größerer Lüsternheit daran,/zu berauschen^ .Doch die offene, freie Seele, ivelchebie Tilgend 'wahrhaft liebt, * Und darum auch dem Laster mit klarem Blicke ernstprüfend ins Gesicht schaut, kann nur aufs tiefste erschüttert sein von dem Schicksal, das hier an ihr vorüberzieht, denn mitten in jenen dunklen Regionen, in denen die tierische Leidenschaft des Menschen ihre Orgien feiert, mitten unter den Dirnen sieht sie ein Mädchen ringen, dessen Seele sich von Niedrigkeit und Roheit freihält, ja sogar ein höheres geistiges Leben führt, ein Mädchen, das zudem ohne eigene Schuld in diese Tiefen hinabgesunken ist. Einfach, wie es ihm ums Herz ist, erzählt es seine Kämpfe und Leiden dem einzigen zuverlässigen Freunde, der es auf seiner ganzen Lebensbahn begleitet, dem Papier, und diese Bekenntnisse sind so ursprünglich frisch, daß auch der, welcher in jenen Kreisen nicht daheim ist, die feste Ueberzeugung erhält: das ist volle Wirklichkeit, ungeschminktes Leben. Dann aber bemerken wir auch, daß in dieser Beichte Juden und Judentum eine gewisse Rolle spielen; es dürfte daher wohl angemessen sein, diese Rolle einmal eingehender zu betrachten. Der Inhalt des Buches ist wohl noch bekannt. Welch eine herbe Tragik enthüllt er uns; nicht eine gekünstelte, sondern eine wirkliche Tragik, die tagtäglich in den Straßen unserer Großstädte umherwandelt! Es ist, als würde ein Schleier von unseren Augen genommen, eine Welt, die wir nur von außen gesehen und mit Verachtung behandelt haben, öffnet uns ihr Inneres, wir lernen sie verstehen, wenn auch nicht verzeihen und werden nicht nur von innigem Mitleid ergriffen, sondern empfinden auch das dringende Bedürfnis, diesem Elend zu steuern. Denn was die eine hier erduldet, das erdulden ja viele, viele andere um uns her, und wovor sie hätte bewahrt werden können, davor kann ja noch immer eine große Zahl bewahrt werden. Ist das nicht ein Ziel, des Schweißes der Edlen wert, und sollten nicht unsere jüdischen Wohltäter darauf ihr besonderes Augenmerk richten, zumal wenn es sich um Jüdinnen handelt? Freilich aus der jüdischen Gemeinschaft hat das Dirnentum nie große Kräfte ziehen können. Mochte auch das heiße Blut der Orientalin in den Adern der Jüdin rollen, mochten auch einst unter den heidnischen Völkern, welche Palästina umschlossen, Mchlechtliche Ausschweifungen etwas Gewöhnliches gewesen, ja sogar als Teil des Gottesdienstes gehandhabt worden sein unter den Stämmen Israels hat sich die Unzucht nie behaupte»! können, solange »nan den» Einig-Einzigen huldigte, und je tiefer diese Verehrung in das Volk eindrang, un» so mehr ward jene Unzucht daraus verdrängt. Denn im Pentateuch verbot ja der Gesetzgeber aufs strengste derartige Verfehlungen; nicht minder stark schleuderten die Propheten ihre Blitze dagegen, und die Sprüche Salo»nos schilderten gar anschaulich die Verlockungen der Buhlerin, daß man sich vor ihr hüte. Dy auch Talmud und rabbinisches Schrifttum in den gleichen Bahnen wandelten, »var es kein Wunder, daß der Geist reiner Sittlichkeit in den jüdischen Häusern herrschte, kein Wunder, daß man zu den drei Hauptvorzügen des Juden Keuschheit zählte, und Unzucht nach dem Religionsgesetz zu jenen drei Verbrechen gehört, zu denen »nan sich unter keinen Umständen hergeben darf, auch dann nicht, wenn das Leben auf dem Spiele steht. In der Tat, wieviele Jüdinnen haben in den grausainen Verfolgungen des Mittelalters sich in den Tod gestürzt, um den Begierden ihrer Feinde zu entgehen! Die jüdische Jungfrau wird daher auch in der nichtjüdischen Literatur als Muster der Keuschheit gerühmt; ich brauche nur zmn Beweise dafür auf Walter Scotts herrliche Erzählung „Jvanhoe" hinzuweisen. /;. v<;r; ® finsteren Mittelalter gewesen; kann man dieses Lob in gleich, »»neingeschränkter Weise auch der Gegenwart zuerteilen? O, daß dies der Fall wäre, allein die Erfahrung bestätigt es nicht. Sehen wir uns in den Großstädten Polens, Rußlands und Galiziens un», oder in den gewaltigen J»»denvierteln Lo>»dons und Newyorks, ur»d »vir tverden so manche Tochter Israels antreffen, die ans Abwege geraten; auch in unseren» eigenen Vaterlande werden wir, wenn auch nicht so häufig, dieselbe Beobachtung »nachen. Muß aber nicht bei dem Gedanken daran demjenigen, in »reichem der Geist des Judentums noch lebendig ist, das Herz bluten, erscheint ihm nicht dieses Nebel als eine der schwersten Befleckungen dieses Geistes, muß er nicht versuchen, ihm mit aller Kraft zu Leibe zu gehen, ehe es größeren Umfang anniinint? Das »väre einmal eine wahrhaft da»»kbare Aufgabe für unsere Frauen, die verirrten Mädchei» zurückzuführen, eine Aufgabe freilich, die nicht leicht ist, die große Selbstüberwindung und Geduld, liebevolle Behandlung und Zartsinn, Opfer an Geld und Kraft erfordert, dere»» Erfüllung aber ein Beweis echter werktätiger Menschenliebe und zugleich ein Dienst wäre, den sie ihrer eigenen Gemeinschaft eriveisen. Darum möchten wir die Aufmerksamkeit vor allem unserer Bnei-Briß-Logen, die sich auf kulturelle»»» Gebiete schon große Verdienste . erworben haben, auf dieses Wohltätigkeitsfeld lenken. Das wäre die eine Lehre, die das „Tagebuch einer Verlorenen" »»ns Juden gibt; damit aber ist seine Bedeutung für uns noch nicht erschöpft. Es ist bezeichnend, daß der einzige, den» diese Thymian mehr ist als ein schönes Weib, nämlich ein Mensch mit höherer» Empfindungen und höheren Ansprüchen, der sie darum aus diesein Sun»pfe zu ziehen »»nd einem sittlich reinen Leben zuzuführen strebt, daß dieser einzige der Sohn jüdischer Eltern ist. In ihin, dem vielbeschäftigten Arzte, ist eben der Geist seiner Ahnen noch kräftig; nicht aus eigenen» Antriebe ist er zu ihr gekornmen

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