Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1906)
- Date
- 1906-07-14
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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,,.„y .i^ihjWL ., WW MWMMMWWWWWWWWWMWDWWM 440 -- Der Sabbl von Oachsrsch. Ein Beitrag zur Charakteristik Heines. X. önnte man es sich heute wohl vorstellen, daß Heinrich Heine eine Zeitlang — es war 1828 in Florenz — jeden Tag auf die Post lief, um dort einen Brief abzuholen, in dem er seine Ernennung zum Professor erwartete?) Professor Dr. Heinrich Heine, nicht wahr, das klingt komisch? Und doch ist es vielleicht gar nicht so komisch, wie man glaubt, denn in Wahrheit hat Heine viel mehr studiert und gewußt als man gemeinhin glauben möchte. Es ist ein albernes Vorurteil, das ein Kritiker dem anderen nachschreibt, Heine habe weder gründliche Kenntnisse, noch die nötigen wissenschaftlichen Vorbedingungen für eine solche Stellung gehabt. Die biographischen Ermittlungen haben inzwischen zu anderen Resultaten geführt. Namentlich in jungen Jahren widmete er sich zeitweise mit großem Eifer wissenschaftlichen Arbeiten, und seine große Begabung, sein rasches Erfassen auch der schwierigsten Materien ermöglichten ihm ein ungleich besseres und tiefer eindringendes Verständnis wissenschaftlicher Grundgedanken als vielen seiner Studiengenossen und — Kritiker. Dies zeigt sich auch im „Rabbi von Bacharach". Ernste und eifrige Studien hat Heine zu dieser Arbeit gemacht, und wenn wir heute seinen Quellen nachgehen, so staunen wir geradezu über den Umfang und die Gewissenhaftigkeit seiner Vorstudien, indem wir zugleich die diskrete Art würdigen lernen, mit der er diese Quellen benutzt hat. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen, „in dem Schmutz alter Scharteken zu wühlen". Am meisten zog ihn natürlich die Geschichte der spanischen Juden, „dieser Blütentraum der Weltgeschichte", an. Und auf diesem Hintergründe wollte er seinen Roman aufbauen. Leider war aber diese Periode, wie überhaupt die ganze jüdische Geschichte und Literatur, damals noch sogut wie unbekannt; vergeblich sehnte sich Heine „nach ergiebigem Stoff". Er mußte sich schließlich an sekundäre Quellen wenden. Allerdings hatte er den größten Kenner der jüdischen Geschichte und Literatur, Leopold Zunz, als Berater zur Seite; aber auch selbst dieser konnte ihm damals nur „höchst dürftige" Notizen geben. Gleichwohl muß man sich darüber wundern, was Heine aus diesen Notizen gemacht hat.2) Die Vorgeschichte beruht ganz auf historischem Grunde. Bacharach war einst ein römisches Munizipium. Der Sage fl I. XXIV. 2) Die Quellen, die Heine benutzte, sind folgende; Schudt: Jüdische Merkwürdigkeiten i Frankfurt 1717—18. IV.), Basnage: Histoire de la religion des Juifs depuis J4sus Christ jusqu’ä present (Rotterdam 1707. V.), Bartolocei: Bibliotheca magna rabbinica. (Rom 1675-94. IV.), Wolf: Bibliotheca hebraea (Hamburg 1715—33, IV.), Majus: Praeco salutis (Frankfurt 1712). Baratier: Voyages de Rabbi Benjamin (Amsterdam 1784. II). Wen er mit Bagl meint, habe ich nicht eruieren können. Am Ende ist es nur ein Schreibfehler und soll vielleicht die Abkürzung von Bartolocei bedeuten? Ich will bei dieser Gelegenheit noch bemerken, daßHeine, wieichvon HeinrichLaube selbst weiß, die Absicht hatte, den Roman seinem Freunde Zunz zu widmen. Er wurde jedoch an der Ausführung dieser Absicht dadurch verhindert, daß die Widmung seines Buches über Börne an Heinrich Laube zu spät in Hamburg eintraf, um noch dem Buche einverleibt zu werden, während er Laube bereits mitgeteilt hatte, daß er ihm sein nächstes Werk dediziere, so daß er sich nunmehr veranlaßt sah, Heinrich Laube die unmittelbar daraus erschienene „Legende des Rabbi von Bacharach" heiter grüßend zuzueignen. Bezüglich der rheinischen Sagenelemente im Roman konnte Heine nur die beiden folgenden Werke benutzen: Niklas Vogt: Rheinische Geschichten und Sagen (Frankfurt a. M. 1817. III.), und A- W- Schreiber: Sagen aus den Rheingegenden (Heidelberg 1819). nach, die selbst ernsthafte Historiker früher noch glaubten, soll die Stadt von einem Altar des Bacchus (Laoobi ara), einem noch jetzt bei niedrigem Wafferstande sichtbaren Steine int Rhein, ihren Namen erhalten haben. Auch die Tatsache, daß die Juden schon zur Römerzeit in Bacharach gelebt haben, ist nicht unwahrscheinlich. Sicher bestand dort erst seit dem Jahre 1019 eine jüdische Gemeinde. fl Dieselbe hatte im Mittelalter viel zu leiden, und es dürste bei diesem Anlaffe nicht unpaffend erscheinen, ein kleines Bild dieser nur sehr wenig bekannten Leidensgeschichte einer jüdischen Gemeinde während des Mittelalters zu entrollend) Die erste Judenverfolgung in Bacharach fand anfangs Mai 1147 statt. Die Saat des Hasses, welche der französische Mönch Rudolf, den Rhein entlang wandernd, während des zweiten Kreuzzuges ausgestreut hatte, reifte vor allem in Bacharach zur blutigen Ernte heran. Die Burg Staleck wurde ihnen zwar zum Schutz überlaffen, sobald sie sich aber aus ihrem Asyl entfernten, lauerten die Wallbrüder ihnen auf, schleppten sie zur Taufe und töteten diejenigen, welche sich widersetzten. Am 6. Mai jenes Jahres wurden drei Juden von Bacharach aus diese Weise erschlagen. Die zweite Judenverfolgung zu Bacharach fand zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts statt. „Der in Mainz entfesselte Blutwahn zog damals würgend durch die Gaue des Rheins Nach Vorspielen in Mellrichstadt, Rockenhausen und Kreuznach (31. März 1283) erhob in den ersten Wochen des April desselben Jahres der Haß seine bittere Anklage. Die Juden, welche man des Kindesmordes zieh, erflehten Schutz vom Kirchenfürsten, den dieser auch zusagte. Doch mächtiger als er waren die Anklagen der Judenfeinde, an deren Spitze ein Ritter, Herbord von Ulm, genannt Ring, nach seiner Angabe ein Verwandter des in Mainz tot aufgefundenen Knaben, stand. Und so war dem Ansbruch der Leidenschaften nicht mehr entgegenzutreten." An demselben Tage, an welchem die Mainzer Juden das Unglück erreichte, am zweiten Ostertage (12. April 1283), wurden in Bacharach 1200 Juden erschlagen. Das Marthrologium von Mainz zählt einfach ihre Namen auf; kein Wort von ihren Heldentaten, kein Wort von ihren Leiden, aber in dieser einfachen Aufzählung der Namen liegt eine Tragik der Weltgeschichte, wie sie kein Dichter je erreichen kann. Und diese Judenverfolgung scheint Heine im Auge gehabt zu haben, trotz des Anachronismus im zweiten Kapitel des „Rabbi", das etwa 200 Jahre später (zwischen 1480 bis 1580) spielen mag. Aber dieser Anachronismus erklärt sich ans sachlichen Gründen. Wohl fanden auch noch später Judenverfolgungen in Bacharach statt, wie wir gleich sehen werden, aber die eben geschilderte des Jahres 1283 erschien dem Dichter besonders charakteristisch durch den Vorwand der Ermordung eines Christenkindes. Und ebenso charakteristisch erschien ihm andererseits wieder für die Schilderung der Frankfurter Judengasse die Zeit des ausgehenden fünfzehnten Jahrhunderts, aus Gründen, die in der Schilderung selbst liegen. Den Vorwurf des Anachronismus hatte der Dichter am wenigsten in einer Zeit zu fürchten, in der die historischen Quellen der jüdischen Geschichte noch so im argen lagen, daß man auch die wichtigsten Nachrichten nur mit Mühe und auf privatem Wege erlangen konnte. 6. X. /' s> Vgl. Aronius, Regeste». S. 114 und 248. fl Ich verdanke^ die hier folgenden Mitteilungen dem gelehrtesten Kenner der Geschichte der Juden am Rhein, Herrn Rabbiner Dr. Salfeld in Mainz.