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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-14 · Heft 37 (14.7.1906) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 37 (14.7.1906)
Date
1906-07-14
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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439 entkleiden (Sabbat 13 b; Abot d. (ft. Nathan I), wie ja auch das Buch Jonah bezeugt, daß nicht jede Prophetie in Erfüllung gehen muß. Nur insoweit die Propheten die messianische Hoffnung verkünden, heißen sie in der Liturgie „die Propheten der Wahrheit". (Siehe Maseket Soferim Xlll, 9 und dazu Joel Müller.) Aber auch das Dognra von der unerreichten Erhabenheit der Prophetie Mosis findet in der rabbinischen Literatur keine Stütze. Im Gegenteil. Zum Bibelverse: „Es erstand kein Prophet in Israel gleich Moses", bemerkt der Midrasch (Lehre zu Deuteronomium 34, 10): „Nicht in Israel, wohl aber unter den Heiden, und zwar war Bileam ihm ebenbürtig." Der Standpunkt des Maimonides wird nicht aus der jüdischen, sondern aus der mohammedanischen Literatur erst begre iflich. Um die jüdischen Philosophen des Mittelalters richtig zu verstehen, muß man die beiden Geistesströmungen in Betracht ziehen, die das religiöse Denken im Islam beeinflußt haben, die rationalistische, die, von Alkindi, Alfarabi und Jbn Sina vertreten, in Jbn Roschd, dem Zeitgenossen des Maimonides, ihren Höhepunkt erreichte, und die mystische, die vom Neoplatonismus her die Gemüter bewegte und in Ghazzali den mächtigsten und originellsten Systematiker fand. Um nun die Tatsache der Prophetie, auf welcher der Koran sogut wie die Thora beruht, mit dem aristotelischen Gedankensystem in Einklang zu bringen, nahm Alfarabi seine Zuflucht zur aristotelischen aktiven Intelligenz in der höchsten (zehnten) Himmelssphäre, durch welche alle niederen Sphären bewegt und. beeinflußt werden, um so der göttlichen Providenz zu Dienste zu stehen; und soll nun der Prophet eben durch diese höchste Intelligenz vermöge seiner ihm innewohnenden Verwandtschaft mit derselben und je nach dem Grade seiner eigenen Verstandestätigkeit die Wahrheit erschauen. Diesem rein rationalistischen Gesichtspunkt folgend, fügte Jbn Sina noch ein gewisses sittliches Element als Vorbedingung hinzu, indem er behauptet, daß nur ein Zustand sittlicher Reinheit den Propheten für die Erlangung der Wahrheit befähige und daß .durch asketische Hebungen der Geist erst die rechte Empfänglichkeit erlange. (Siehe S. Horovitz, „Die Prophetologie in der jüdischen Religionsphilosophie", 1883, S. 10—30.) Auf dieser eigentümlichen Anschauung beruht die ganze Theorie des Maimonides von der Prophetie in ihren verschiedenen Stufen, bis sie in Moses ihren Höhepunkt erreicht (-lesocke ha Torah VII und Moreh II, 32—48). Und dieser Intellektualismus, der mit seiner Annahme von intelligiblen Himmelssphären unserem gesunden Denken widerstreitet, versteigt sich schließlich im Bestreben, die Offenbarung Gottes an ganz Israel am Berge Sinai zu einem reinen Verstandesakt zu machen, zu der sonderbaren Erklärung, daß, wenn es heißt, das Volk habe das erste und zweite der Zehn Gebote unmittelbar von Gott vernommen, so bedeute das, daß die beiden hier ausgesprochenen Prinzipien von der Existenz und der Einzigkeit Gottes durch den bloße» Verstand vom Volke erfaßt wurden, während es von den übrigen Geboten nur die Laute vernahm und Moses allein durch seine prophetische Gabe sie begreifen konnte (Noreli II, 33). Nirgendwo wird hier das Problem der Offenbarung für uns der Lösung näher gebracht. Einer weit tieferen Erfassung und Würdigung der Begriffe von Prophetie und Offenbarung, die auch mehr in Einklang mit der Schrift und dem Wesen der Religion steht, begegnen wir bei Ghazzali, der diese als einen inneren Vorgang der Seele, der außerhalb des Bereiches der Vernunft liegt, als die Wirkung einer inneren Erleuchtung, eines Einblicks in das Geistesleben, dem jede höhere Wahrheit entspringt, erklärt. Auf dieser Anschauung hat Juda ha Levi in seinem Kuzari (Siehe Kaufmanns Geschichte der Attributenlehre S. 202, Note 180) sein theologisches System begründet, welches in jeder Hinsicht dem Geist des Judentums näher steht. Indem er sich sogar des Ghazzalischen Ausdrucks „das innere Auge" für die prophetische Befähigung bedient, behauptete er, das; Gott dieselbe als besonderen Vorzug seinen Auserwählten habe zuteil werden lassen, damit sie die durch bloße Spekulation unerreichte Wahrheit erschauen mögen, und daß diese nur vom Volke Israel, das „das Herz der Menschheit" bilde, und zwar auf dem oder durch den geheiligten Boden Palästinas wirklich erlangt wurde (Kuzari I, 103, II, 12—14, IV, 3). Diese mehr geschichtliche und völker-psychologische Auffassung bildet eine weit sichere Grundlage für das jüdische Glaubenssystem, als die rationelle des Maimonides. Prophetie und Offenbarung sind psychologische Erscheinungen, die ihre Wurzeln im religiösen Gemütsleben haben und auch bei anderen Völkern, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, sogut wie bei Israel Vorkommen, wie die Schrift, wo sie von Bileam, Abimelech und Laban redet, selbst bezeugt. Nur unterscheiden sie sich im selben Maße von der jüdischen Prophetie und Offenbarung, als diese einen höheren religiösen Inhalt als jene haben, oder um es bestimmter auszudrücken, im selben Maße, als der Gott des Judentums sich von den heidnischen Gottheiten unterscheidet. Immerhin bilden sie die Formen, in welchen sich der das Judentum kennzeichnende und ihm allein eigentümliche ethische Theismus in der Weltgeschichte kund gab. Und versuchen wir beide zu definieren, so erkennen wir in der Offenbarung die Selbstkundgebung Gottes als Quelle aller Sittlichkeit, als Gott der Gerechtigkeit und der gesetzlichen Ordnung; in der Prophetie dagegen den Gemüts- und Geisteseindruck, den der empfängt, zu dem oder durch den Gott redet. Das will sagen, in der Offenbarung tritt das Objektive, in der Prophetie das Subjektive des religiösen Inhalts mehr in den Vordergrund. Beide aber gehören unzertrennlich zueinander. In,der Offenbarung erscheint Gott als die handelnde Persönlichkeit, die sich selbst als die Wahrheit knndgibt; in der Prophetie wird die nrenschliche Persönlichkeit von der Wahrheit, die sie erschaut oder vernimmt, ergriffen und überwältigt. In beiden Fällen ist es kein intellektueller Vorgang, kein Denkprozeß, sondern ein Zusammenwirken der Empfindung und der Einbildungskraft im Gemütsleben, in dem wahrhaft Schöpferisches sich zeigt. Keine bloße Verstandesoperation erklärt uns das Plötzliche Aufflammen und Hervorblitzen des Genius, jener tief in der Seele verborgenen, durch Intuition, durch Eingebung einer höheren Macht, wirkenden Kraft, die hier Kunst und dort Religion hervorbringt. Hier findet eine aller Berechnung und Beobachtung sich entziehende geheimnisvolle Berührung des Menschengeistes mit dem Wcltengeiste statt, die uns in Staunen versetzt. Das Walten des Genius ist und bleibt etwas Wunderbares. So hat denn der jüdische Genius, der in den Tiefen des Gemütslebens uüt wundersamer Kraft der Intuition, der religiösen Ahnung, waltende jüdische Volksgeist, den ethischen Theismus geschaffen. Weder Moses, noch Elias und Ainos, sondern Abrahmn, der Vater des jüdischen Stammes, bezeichnet den Springpunkt, den Anfang der jüdischen Religion, und so erscheint das gesamte jüdische Volk, wie es um den Offenbarnngsberg Sinai versammelt ist, als Empfänger der jüdischen Wahrheit. Hierin sind Tatsachen ausgesprochen, die von der Vibelkritik niemals wesentlich berührt oder gar bestritten werden können, wenn sie auch im Lichte geschichtlicher Forschung neu erfaßt und richtig verstanden werden müssen.

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