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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-14 · Heft 37 (14.7.1906) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 37 (14.7.1906)
Date
1906-07-14
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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WWMWWWWMMWWWWWMWWWWWWWWW WWWWWWM8M - 438 - nächste den göttlichen Ursprung des von Moses gegebenen schristlichen wie mündlichen Gesetzes, und der letzte die Unwandelbarkeit dieses Gesetzes betont. Doch hat bereits Joseph Albo den fundamentalen Charakter sowohl des zweiten, wie ganz besonders des vierten Artikels bestritten. Dieser als bloßer Nachschreiber seines Lehrers Crescas verschriene Populärphilosoph hat mit anerkennenswerter Klarheit und Konsequenz den Beweis erbracht, daß das von Gott gegebene Gesetz von Adain bis Moses stete Umwandlungen und Veränderungen erfahren hat, daß ferner das Mosesgesetz unter gewissen Umständen nach den Erfordernissen des Augenblicks zeitweilige Veränderungen, nach der Meinung auch der Rabbinen des Talmuds, unterworfen wurde, und daß besonders nach dem Talmud in der messianischen Zeit viele Gesetze ihre Geltung verlieren werden. Kann also, selbst vom rabbinischen Gesichtspunkt aus, die Unwandelbarkeit des Gesetzes kaum ein fundamentaler Glaubenssatz des Judentums sein, höchstens ein praktischer Lehrsatz — siehe Schlesingers Jkkarim S. 663 —, so fällt dieses Dogma angesichts der heutigen Erkenntnis vom allmählichen Entstehen und Wachstum der biblischen und rabbinischen Gesetze und Institutionen erst recht in Nichts zusammen. Man täusche sich ja »licht über die Tragweite des rabbinischen Glaubensgrundsatzes: „Die Thora ist von Gott." Er besagt, daß wer den göttlichen Ursprung und Charakter auch nur eines Verses der fünf Bücher Moses oder der traditionellen Auslegung eines einzigen Buchstabens desselben leugnet, der ist ein Ketzer, der des jenseitigen Lebens verlustig geworden ist. (Sanhedrin 99a.) Es ist das vollkommen konsequent. Soll dem Pentateuch göttliche Autorität zukommen, so muß auch der Auslegung desselben die gleiche Autorität zuerkannt werden. Mit vollem Recht leitet daher der Rabbinismus die Ueberlieferung in ununterbrochener Linie von Moses bis auf Hillel und Akiba herab und schließt derselbe die priesterlich-sadduzäische Urheberschaft und Praxis von dieser Ueberlieferungskette mit vollem Bewußtsein aus. Daß diese Kette, wie sie in der Mischnah Abot I, 1 und sonst dargestellt ist, auf reiner Fiktion beruht, braucht dem Geschichtskenner nicht erst gesagt zu werden, vor dessen prüfendem Blick so manche Institution, wie die „der Männer der großen Synode", in Dunst zerfließt. Erweisen sich nun aber alle Institutionen derShnagoge, wie z. B. die Feste mit ihren verschiedenen Bräuchen, als aus einem ganz anderen Entwicklungsprozeß hervorgegangen, wie die rabbinische Ueberlieferung behauptet — und das läßt sich an der Hand der vortalmudischen Schriften leicht dartun —, so ist das Maimonidische Priyzip der Unveränderlichkeit der Thora durchbrochen. Ganz abgesehen also von den Resultaten der historisch-kritischen Bibelsorschung, gegen welche die Anhänger der Breslauer Schule von Zacharias Frankel oder die der Wiener Schule von Jsaac Hirsch Weiß und Meier Friedmann die Augen scheu verschließen, kann von einem gewissenhaften Bekenntnis zum Maimonidischen Glaubensartikel auch seitens derer, die die rabbinische Schriftauslegung nicht als sinaitische Ueberlieferung anerkennen, keine Rede sein. Aber auch Maimonides selbst konnte kaum die logischen Konsequenzen seines eigenen Dogmas anerkennen, sobald er in seinem philosophischen Werke Moreh III, 26—49 zeitliche und lokale Begründungen für die verschiedenen mosaischen Gebote, wie die Opfer- und Speisegesetze, angab, da diese iüit einem unwandelbaren Gesetz, das, wie er selbst im Mischnah-Konimentar sagt, „einen Unterschied zwischen Schale und Kern nicht kennt", einfach unvereinbar sind. Nimmt ,nan zum Beispiel an, daß die priesterlichen Opfergesetze nicht bloß zeitweilig suspendiert sind, wie der Talmud und die synagogale Liturgie voraussetzen, sondern daß sie überhaupt bloß für eine niedere Religionsstufe als Konzession gegeben wurden, und das ist ja die Meinung des Maimonides als Denker, dann fällt sein Dogma von der Unwandelbarkeit der Thora über den Haufen. Wir müssen uns also auf den höheren Standpunkt stellen, den die Propheten und einzelne Psalmisten eingenommeil haben und nur für den inneren sittlichen Gehalt, den Geist des Gesetzes, nicht aber für die Form und den Buchstaben, für das ins Herz eingegrabene Gesetz der Sittlichkeit und Gerechtigkeit, nicht aber für die einzelnen stets wandelbaren Borschristen den göttlichen Ursprung und Charakter in Anspruch nehmen. Von der Thora der Propheten, die sich aus das ganze sittliche Leben erstreckt, nicht aber von der Thora der Priester, die durchaus, des spezifisch und positiv jüdischen Charakters ermangelt und anderen Priestergesetzen bewußt oder unbewußt entlehnt ist, gilt der Glaubenslehrsatz von der göttlichen Offenbarung. Auf der Grundlage der prophetischen Thora wurde das Mosaische Gesetzessystem aufgebaut, welches, weit entfernt davon, unveränderlich dasselbe geblieben zu sein, je nach den verschiedenen Bedürfnissen und Umständen der Zeit verschiedene Formen der Anwendung und der Auslegung annahm. Eine historische Untersuchung dieses Entwicklungsprozesses, die, mit den verschiedenen pentateuchischen und anderen biblischen Gesetzgebungsschristen beginnend, mit Hilfe vortalmudischer Schriften, wie zum Beispiel des aus Johannes Hyrkanus Zeit stammenden Jubiläumsbuches, Philos und Josephus, wie älterer Mischnahs, die sadduzäische und pharisäische Lehre und Praxis bis zur Fixierung der Halakah verfolgt, fehlt uns noch ganz und gar, und haben Geiger, Frankel, I. H. Weiß und Ludwig Rosenthal soweit bloß die Vorarbeiten geliefert. Das Eine nur steht fest: Die Bibel und der Talmlld sind das Werk eines großen Entwicklungsprozesses. Sache des Theologen ist es, zu bestimmen, wie das Evolutionsprinzip mit der Glaubenstatsache der göttlichen Offenbarung in Einklang gebracht werden kann, wo der göttliche und wo der menschliche Faktor zu suchen ist. Auf alle Fälle ist das Maimonidische Dogma für uns unannehmbar und unbrauchbar. Seien wir uns vor allem klar darüber, daß es einem Maimuni sowenig wie einem Spinoza oder Mendelssohn in den Sinn kommen konnte, das Judentum als eine geschichtlich gewordene und ewig fortschreitende Religion zu begreifen. Es fehlte ihnen, wie der früheren Zeit überhaupt, der geschichtliche Sinn, der erst in Lessing aufdämmerte und im vorigen Jahrhundert sich den Denkern erschloß; die Erkenntnis, daß die Dinge sowohl in der geistigen wie in der körperlichen Welt allmählich zu dem geworden, was sie sind und tatsächlich in ewigem Fluß des Werdens begriffen sind. Wem die Augen für solche Erkenntnis noch nicht aufgegangen sind, der kann in aller Naivität den neunten Glaubensartikel sesthalten. Wer jedoch von der Frucht des Baumes moderner Erkenntnis gegessen, der muß auf eine Neugestaltung der Glaubenslehren bestehen und mit gleicher Entrüstung den Vorwurf zurückweisen, daß das Reformjudentum, wie der Karäismus, eine Rückkehr zum Mosaismus, einer antitalmudischen Ketzerei bedeute, wie den noch schmählicheren, daß es durch Betonung des prophetischen gegenüber dem gesetzlichen Judentum dem Paulinischen Christentum zusteuere, das an Stelle des Gesetzes, auch des Sittengesetzes, den Glauben an den Gekreuzigten gesetzt hat. Bei näherer Betrachtllng sind alle die Offenbarung betreffenden Glaubensartikel Maimunis unhaltbar. Schon der erste, daß die Worte der Propheten unbedingte Wahrheit enthalten, hat keine Stütze int Talmud. Wollten ja die Rabbinen oder Soferim das Buch Ezekiel seines kanonischen Charakters

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