Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1906)
- Date
- 1906-07-14
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
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437 In bezug auf Jesajas sagt Wellhausen: „Auch darin zeigte sich Jesajas als praktischer Mann, daß er seine Hausgenossen, seine Schüler und Anhänger um sich sammelte und sich in einer Partei einen Rückhalt zu schaffen suchte. Diese prophetische Partei erhielt sich nach seinem Tode und setzte seine Bestrebungen fort. Sie war der Keim der späteren Gemeinde der Frommen." Es ist nicht unmöglich, daß die Weisen aus diesen den Propheten nahestehenden Kreisen hervorgegangen und die Verbreiter ihrer Ideen geworden sind. Doch was wissen wir von den Weisen? Wie mit Moses, nach der Tradition, die Reihe der Propheten beginnt, mit Aron die der Priester, so läßt sie mit Salomo die Reihe der Chakamim beginnen. Die Weisheit Salomos äußerte sich zunächst in seiner Herrschertugend als Richter und Regent. Ueber seinen Richterspruch in dem Prozeß der beiden Frauen über das Besitzrecht des lebenden Kindes wird geurteilt: „Und ganz Israel hörte den Ausspruch, den der König getan, da fürchteten sie sich vor dem Könige, denn sie sahen, daß die Weisheit Gottes in ihm sei. Recht zu üben." Seine Weisheit tut sich weiter kund in der Gabe, die Rätsel (Chidoth), mit welchen ihn die Königin von Saba auf die Probe stellte, zu lösen. Zusammenfassend lautete der Bericht über die salomonische Weisheit: „Die Weisheit Salomos war größer als die Weisheit aller Söhne des Morgenlandes und als alle Weisheit Aegyptens. Er war weiser als alle Menschen,' als Etam der Esrachi, als Heman, Kalkal und Darda, die Söhne Machol, sein Name verbreitete sich zu allen Völkern ringsum. Er redete dreitausend Sprüche (Mascha!); seiner Lieder (Schiro) waren tausend und fünf. Er redete von den Bäumen, von der Zeder, welche auf dem Libanon, bis zum 4)sop, der aus der Mauer herauswächst; er redete vom Vieh, von den Vögeln, von den Würmern, von den Fischen." (1. K. 5, 9 ff.) 1. K. 4,30—33. Diese Verherrlichung Salomos, wenn auch ohne historischen Wert, erlaubt doch einen Rückschluß auf die Tätigkeit der Chakamim auch in der vorexilischen Zeit. In zweifelhaften Rechtsfällen wurden sie um Rat gefragt. Man wendet sich an ihre Intelligenz, an ihren gesunden Menschenverstand. Und was sie bieten, hat nichts gemein mit dem Dabar des Propheten oder der Thora des Priesters. Ihr Amt kommt ihnen nicht zu krast göttlicher Berufung oder kraft Vererbung, sondern aus freier Wahl widmen sie sich der Erziehung des Volkes. Sie sind Forscher, Grübler, die durch Betrachtung der Natur und des Lebens, unabhängig von jeder Offenbarung, aber doch tief gewurzelt in Gott, die großen Probleme zu lösen und durch eigenes Nachdenken zu einer Weltanschauung zu kommen suchen. Die Wunder der Schöpfung haben ihren Lippen herrliche Töne entlockt. In dem Kreise dieser Chakamim mag denn auch die Schöpfungsgeschichte, wie wir dieselbe in der Genesis besitzen, formuliert worden sein. Und bezugnehmend auf die kosmogonische Poesie der Weisen mag es wohl in dem angeführten Berichte über Salomo heißen, daß er geredet hat von den Bäumen und vom Vieh und von den Vögeln und von den Würmern und von den Fischen. Aber auch Lieder anderer Gattung werden sie gedichtet haben, von denen sich nur noch Fragmente erhalten haben. So ist Salomos Tempelweihspruch 1. K. 8, 12 f. nach der Septuaginta „dem Buche der Lieder" entnommen. Ob damit „das Buch der Rechtschaffenen", das zweimal erwähnt wird : Jos. 10, 12 s. S. 18, gemeint ist, kann mit Sicherheit nicht behauptet werden. Jedenfalls geht aus den angeführten und anderen Stellen hervor, daß das vorexilische Israel im Besitze einer oder mehrerer Liedersammlungen lvar. Ein weiterer Zweig, dessen Pflege die Weisen sich Hingaben, war die didaktische Poesie. Durch Maschül und Chidäh, durch Gleichnis und Sinnspruch, durch Sentenz und Sprüchwort, durch Fabel und Parabel haben sie ihrem Empfinden und Denken Ausdruck gegeben. Wir kennen eine große Anzahl solcher Meschalim und Chidoth aus der vorexilischen Zeit. Es sei hier erinnert an die älteste Parabel im Bliche der Richter e. 9, weiter an 2. König. 14, 8; 2. Sani. 12. Von Interesse ist, daß gleichwie dem Prophetenstand Frauen sich anschlossen, so gehören auch Frauen der Gilde der Chakamini an. So läßt Joab eine weise Frau, isebad schakainah, holen, um eine Versöhnung herbeizuführen zwischen David und seinem Sohne Absalom. Eine Anzahl sprüchwörtlicher Redensarten mit der Bezeichnlmg Maschal aiis der vorexilischen Zeit kommt vielfach in den kanonischen Schriften vor. 1. S. 24, 14 wird ein uralter Spruch „Moschal hakadmoni“ zitiert: „Von Frevlern kommt Frevel." (Vgl. Jos. 10, 12; 2. Sam. 5, 8; Jes. 14, 4; Jer. 31, 28, 29; Ez. 18, 2; Jas. 17, 2 ff. Chidah Maschal. das. 12, 22, 23.) Aus dem hier Dargestellten ergibt sich zunächst, daß Israel in der vorexilischen Zeit eine Literatur besaß, die Schirim, Meschalim, Chidoth zum Inhalt hatte. Wer waren die Verfasser dieser Literatur? Propheten und Priester standen vor anderen Aufgaben. Der Prophet sprach nur, wenn er vom Geiste ergriffen wurde. In der prophetischen Extase war er nicht imstande, Meschalim und Chidoth zu dichten. Das sind Produkte einer ruhigen Reflexion - Wohl bediente auch er sich des Maschal, um seinem Gesichte mehr Nachdruck 31t geben, sein Beruf jedoch wies ihm ein anderes Gebiet seiner Tätigkeit zu. Mit diesem vertrug sich auch nicht die Tätigkeit eines Liedersängers. Und der Priester, er hatte seine kultischen Verrichtungen. Seine Aufgabe war: „zu unterscheiden, was heilig und unheilig, was unrein und rein ist, und die Kinder Israels zu lehren alle Satzungen, die der Ewige zu ihnen geredet durch Moses". So sind wir denn genötigt, die Chakamim, die nach Jeremias Rat zu erteilen hatten, als diejenigen anzusehen, die kraft ihrer geistigen Begabung, kraft innerer Berufung sich freiwillig in den Dienst des Volkes stellten. Sie waren die Meister auf dein Gebiete der didaktischen Poesie. Sie waren. Israels Denker, die Repräsentanten des Wissens ihrer Zeit. Ihre Muse war der Pflege-der Maschal-, Chidah- und Schir- Literatur geweiht. Dies besagt der angeführte Bericht in 1. Könige 5, 9 ff. An Salomos Namen knüpft daher die zum größten Teil der nachexilischen Zeit angehörende Weisheitsliteratur an. Die dreizehn Artikel des Maimomdes und das Glsubenslyttem des modernen Judentums. Von Dr. K. Köhler, Rektor des Hebrew Union College in Cincinnati. III. B. Die göttliche Ofseubarung. er von'den Rabbinen unter Androhung des Verlustes des jenseitigen Lebens aufgestellte Glaubenslehrsatz: Torah min ha-Schamajim — „Die Thora ist von Gott", ist bei Maimonides in vier Artikel zerlegt, davon der erste die Wahrhaftigkeit der Worte der Propheten, der zweite die der Prophetie des Moses als des Hauptes der Propheten, der