Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1906)
- Date
- 1906-07-14
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
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436 - mit den jüdischen Auswanderung?- und Kolonisationsbestrebungen, die aber schon vor dem Zionismus existiert hätten, der ihnen nur einen unpassenden und unzweckmäßigen Charakter gebe. Die Vision eines Iudenstaates kompliziere nur das einfache und natürliche Bestreben, die Städte zu verlassen und der einzigen für uns passenden, heiligen Beschäftigung zu obliegen: der landwirtschaftlichen. Das neue russische Kabinettsprogramm findet weder bei den Reaktionären noch bei den Liberalen Beifall. Ueber die Juden enthält es den folgenden nichtssagenden Passus: „In gleicher Weise soll unverzüglich zur Durchsicht der Judenfrage geschritten werden, um diejenigen Beschränkungen sofort auszuheben, welche nur Erbitterung Hervorrufen und sich überlebt haben, und um die anderen, welche die Beziehungen der Juden zu den Russen betreffen, den legislativen Behörden zur Prüfung vorzulegen." Mit dieser Refornr der Beziehungen zwischen Juden und Russen soll die Aushebung des Ansiedelungsrayons und die Gleichberechtigung der Juden gemeint sein. Im Auslande wird man die Reformverheißungen Stolypins wohl allgemein mit noch größerer Skepsis aufnehmen als in Rußland selbst. Auch sind die russischen Verhältnisse so verfahren, daß es der Regierung, selbst wenn sie den festesten und ehrlichsten Willen zu Reformen hätte, beinahe unmöglich sein muß, in absehbarer Zeit geordnete und erträgliche Zustände zu schaffen. Im übrigen bringen verschiedene Blätter die folgende Nachricht: „Das auswärts verbreitete Dementi der Berufung Wittes nach Peterhof ist Erfindung. Die allgemein aufsehenerregende Berufung erfolgt wegen der dringenden Beschaffung einer Anleihe. Witte trifft am 20. September am Zarenhofe ein." Der Zusammenhang dieser Nachricht mit dem obenzitierten Passus des Kabinettsprogramms braucht, wohl nicht weiter erörtert zu werden. pus der lörrlmer Gemeinde. Berlin, 7. September, ie Eröffnung der neuen Räume des Vereins für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Bnei-Brith Logen N. O. B. B., fand am 2. d. M. statt. Edel der Mensch, der dem Bruder in Not Hilfreich und freudig reichet das Brot! Edler jedoch — der ihm Möglichkeit schafft, Sich zu ernähren aus eigener Kraft! Mit diesen Worten schloß der Vorsitzende des Vereins, Dr. Max Ginsberg, seine kurze und inhaltreiche Ansprache, mit der er in den neuen Räumen des Vereins, am Monbij ou platz 10, die zahlreich erschienenen Gäste begrüßte, und in der er ausführte: Unser Arbeitsnachweis, dem eine entscheidende Rolle bei der Lösung großer sozialer und ethischer Aufgaben zusteht, kann mit einem gewissen Stolz auf die Tätigkeit und die Erfolge der letzten zehn Jahre zurückblicken. Weit über 22 000 Bewerbern sind Stellungen verschafft worden. Der 70 jährige Greis, wie der bei einem Handwerksmeister untergebrachte 14jährige Junge klopfte nicht vergeblich bei uns an. Dem ehemals wohlhabenden Kaufmann, der durch mißliche Verhältnisse gezwungen ist, sich im reifen Alter nach einem Broterwerb umzusehen, zahlreichen Familienvätern, die für Weib und Kind nicht das tägliche Brot im Hause hatten, war unser Arbeitsnachweis die Zufluchtsstätte, die manche Träne trocknen half, die alle diese Bewerber vor moralischem und materiellem Verfall bewahren konnte. Der Vortragende wies darauf hin, daß die Möglichkeit, diese segensreiche Tätigkeit ausüben zu können, in erster Reihe der Initiative der Berliner Bnei-Brith-Logen zu danken ist. die im Jahre 1896 unter der Devise: „Arbeit — nicht Almosen" mit geringen Kosten die erste Arbeitsvermittlungsstelle begründeten. Nachdem sich der rein nunmehr zehn Jahre hindurch mit den allerbescheidensten Ansprüchen in bezug auf seine Geschäftsräume begnügt hat und infolgedessen den ehrenamtlich tätigen Vorstandsmitgliedern, die jahraus, jahrein und Tag für Tag mit Eifer ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten, große Opfer zumuten mußte, brach sich die Ueberzeugung Bahn, daß eine gedeihliche Weiterentwicklung nur möglich sein würde durch Beschaffung von neuen, zeitgemäßen und Hellen Räumen. Unser sehnlichster Wunsch ist nunmehr in Erfüllung gegangen. Wir sind heute in der Lage, gewisse jüdische Arbeitsuchende, die bisher einen bestimmten Erwerb nicht hatten, „produktiven" Erwerbszweigen zuzusühren; wir werden jetzt in den Stand gesetzt, eine Schreibstube und Lehrknrse einzurichten, und wir hoffen, mit diesem Versuch einen weiteren Schritt aus dem Gebiete der großen wirtschaftlichen Bestrebungen der Juden vorzunehmen. Der Vorsitzende legte weiterhin dar, daß unser Arbeitsnachweis eine segensreiche Schöpfung nicht nur für den einzelnen ist, sondern daß auch Stadt und Gemeinde ein erhöhtes Interesse daran haben müßten, unsere Einrichtung, die wesentlich zur Entlastung der öffentlichen und privaten Armenpflege beiträgt, in hervorragendem Maße zu unterstützen. Wenn auch die bisher gewährte Gemeindesubvention neben der in so reichlichem Umfange bewiesenen Opferwilligkeit der Logen und vieler anderer Gemeindemitglieder uns die Erfüllung der vielen Aufgaben erleichtert hat, so dürfen wir nicht verschweigen, daß neue große Anforderungen neue große Mittel erheischen und daß wir demnächst unseren Freunden und den Humanitären Instituten unsere Wünsche — mit hoffentlich glücklichem Erfolge — ausführlich zu unterbreiten das Vergnügen haben werden. Daß aber in unseren Reihen Herz und Sinn für diese Schöpfung vorhanden ist, beweist die überaus große Bereitwilligkeit, mit der sich die sämtlichen Vorstandsmitglieder und neben diesen in besonderen: Maße die Logenmitglieder Julius Boden stein und S. Weile, sowie das Damenkomitee, an den Spenden beteiligt haben, die uns die Anschaffung der gesamten neuen Geschäftseinrichtung ermöglichten. Herr Dr. Ginsberg gab am Schluffe seiner Ausführungen der bestimmten Hoffnung Ausdruck, daß diesen Wohltätern noch weitere viele Freunde dieser gemeinnützigen Anstalt folgen mögen. Die Anwesenden, unter denen Professor Dr. Maybaum, ferner als Vertreter der Großloge des Ordens Bnei-Brith Justizrat Timen» dorfer, D. Wolfs und die Präsidenten der drei Berliner Logen, sowie zahlreiche Mitglieder der Gemeindekommissionen, vieler Vereine, der Logen usw. bemerkt wurden, unternahmen alsdann eine Besichtigung der Räume. Rabbiner Professor Dr. Maybaum beleuchtete bei dieser Gelegenheit in einer kurzen Ansprache die Bedeutung und große Wichtigkeit dieser eminent sozialen, von echt jüdischem Geiste getragenen Einrichtung, der er den Segenswunsch für ihre weitere Entwicklung auf den Weg gab. Daß diese segensreichen Bestrebungen von bestem Erfolge gekrönt werden und daß sie weiterhin ein bedeutungsvoller Schritt sein mögen auf dem Pfade, der die Juden zur wirtschaftlichen Selbständigkeit führt, das walte Gott! E. G. prirltrr, Propheten und Weile in Israel. Von Prosessor Dr. G. Klein-Stockholm. III. Die Weisen. Priester und Propheten waren indes nicht die einzigen Träger der Lehre, nicht die einzigen Repräsentanten des Volkes. Neben diesen werden auch noch die Weise n^) genannt. Nach Jer. 18, 18 erwartete man Thora vom Priester, Dabar vom Propheten und Ezah vom Weisen. Welcher Art die Tätigkeit der Weisen in der vorexilischen Zeit ge^kurzn sein mag, geht aus den vorhandenen Quellen nicht klar hervor. Es bedarf daher einer genaueren Untersuchung, um sich von derselben eine Vorstellung machen zu können. . h Auch Sökenim, die Nettesten genannt. Ezech 4, 26.