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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-14 · Heft 37 (14.7.1906) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 37 (14.7.1906)
Date
1906-07-14
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
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436 Offizier geworden; in Preußen wäre er überall bei der Wahl durchgesallen. Weshalb? Einzig und allein, weil er Jude war. Der Kriegsminister hat im Reichstag erklärt: „Die Juden sind der allgemeinen Wehrpflicht unterworfen wie alle andern, sie müssen dienen, und ich muß offen sagen, ich habe nicht gehört, daß sie schlecht dienen. . . Also gegen die jüdischen Soldaten ist nichts zu sagen, und ich bin der Ueberzeugung, meine Herren, daß sie auch tatsächlich überall ihre Schuldigkeit im Frieden tun und daß sie sie auch im Kriege tun würden." Der General von Einem fuhr fort, er sei überall den Klagen, die ihm entgegentraten, daß Einjahrig-Freiwillige nicht zu Reserveoffizieren befördert worden sind, daß Unteroffiziere nicht das Qualifikationsattest bekommen haben, auf das Gewissenhafteste nachgegangen. Er habe sich die Zeugnisse kommen lassen und immer gefunden, der junge Mann sei aus den oder den Gründen, die genau angegeben waren, nicht geeignet, zum Reserveoffizier befördert zu werden. „Sie können jedem sagen, der es hören will, daß die jüdische Religion unter keinen Umständen einen Grund abgeben kann, Juden nicht zu befördern." Aber der Minister wird wissen, daß es manche Dinge zwischen Erde und Himmel gibt, von denen die Akten nichts erzählen, und er wird auch wissen, daß Beschwerden in den weitaus meisten Fällen nicht erst erhoben werden, wenn sie nach aller Erfahrung aussichtslos erscheinen. Jedermann weiß seit langen Jahren, daß Juden, in Preußen nicht Offiziere werden, auch wenn gar kein Grund gegen sie vorliegt als eben ihre Religion. Welchen Eindruck muß es auf Männer, die selbst Offiziere sind und das Eiserne Kreuz auf der Brust tragen, machen, wenn ihre Söhne um des Glaubens willen vom Osfizierstand ausgeschlossen werden?" In früheren Jahren haben selbst vernünftige Konservative solchen Argumenten zugestimmt. Heute rasen die Vertreter dieser Partei, wenn ein christgeborener „Judenstämmling", der sogar Kirchenvorsteher war, Kolonialdirektor wird. O, wir haben es herrlich weit gebracht auf dem Wege zur Humanität und Kultur! ft Sehr lehrreich sind im Anschluß an diese Erörterungen die gerade zurechtkommenden Erinnerungen des ehemaligen französischen Kriegsministers General Andree. Sie zeigen, wie ein entscheidendes Vorgehen auch in der Armee alle antisemitischen Velleitäten unterdrücken kann. Das französische Heer befand sich nach seiner Artssage damals in einem Zustand dauernden Widerstandes gegen die gesetzliche Regierung. Er erzählt unter anderem: „Was Israeliten gegenüber geschieht, das läßt alles hinter sich. Schneiden ist das Wenigste, was man ihnen antut. In manchen Regimentern unterwirft man die Offiziere einer Prüfung. Man fragt sie nach ihrer Religion. Einer, der einen scheinbar jüdisch klingenden Namen trug, wurde in Verruf erklärt, solange er nicht seinen Taufschein vorgelegt hatte. Mit der Zulassung in die Offiziersschulen ist es noch schlimmer. Ein Offizier erklärt, er leide keinen Juden in seiner Schule. Ich versetze ihn. Der Kommandant der Schule erhebt Einspruch und verlangt seine Amtsenthebung. In einer anderen Schule gibt ein Prüfer einem israelitischen Kandidaten die Note 14. Der Vorsitzende Oberst erklärt, er lasse keinen Juden zu und drückt die Note kalt lächelnd aus zwei hinab." Das war der Boden, auf dem die Dreyfus-Affäre hervorprießen mußte. * Im Gegensatz zur katholischen Bevölkerung, die infolge der jüngsten päpstlichen Enzyklia sich anschickt, dem Gesetze der Trennung von Staat und Kirche Widerstand entg Zusehen, haben die Juden Frankreichs sich dem Schickst. und gleich nach Dotierung des Gesetzes begonnen, ^meindewesen auf der Basis der Selbsthilfe vom Grunde auf neu zu reorganisieren. Die Initiative dazu ging vom Pariser Zentralkonsistorium aus, dessen vom Baron Gustav de Rothschild dem Pariser Grandrabbin Dreyfus, Nareis Leven und anderen Unterzeichneter Aufruf alle Juden Frankreichs aufforderte, allerorts zu Kultusvereinen, Associations Gulturelles lsraelites zusammenzutreteu. Jede solche Vereinigung soll eine völlig selbständige Körperschaft bilden, die sämtliche Funktionen des aufgelösten lokalen Konsistoriums zu übernehmen hätte. Erwünscht wäre, daß diese lokalen Organisationen dem in Paris sich bildenden Zentralkonststorium beitreten, wobei sie zehn Prozent ihrer Einnahmen an diese Körperschaft abzuliefern hätten. Aus dem so gebildeten Fond sollen ärmere Vereinigungen subventioniert und das Pariser Seminar unterhalten werden. Des weitern soll das neue Zentralkonsistorium bei innerhalb einer Union ausbrechenden Streitigkeiten das Amt eines Schiedsrichters übernehmen. Die Zentralstelle selbst soll aus Delegierten der einzelnen Vereine derart gebildet werden, daß jede von ihnen für je 500 Mitglieder einen Vertreter entsendet. Außerdem sollen noch drei von der Rabbinerkonferenz zu entsendende Rabbiner in dem Zentralkonsistorium Sitz und Stimme haben. Letztgenannte Konferenz soll an Stelle des früheren Großrabbinats treten, das mit dem Tode seines letzten und größten Vertreters, des unvergeßlichen Zadoc Kahn, gleichsam von selber zu bestehen aufgehört Hai. So soll und wird die Reorganisation des Judentums in Frankreich aussehen. Bereits haben auf Grund dieses Entwurfes fast sämtliche Gemeinden sich bis auf wenige noch fehlende Details vollständig reorganisiert; jedenfalls aber ist die Frage der Aufbringung der Vs Millionen Franks, die zur Unterhaltung des jüdischen Religionslebens in Frankreich unentbehrlich sind, sogut wie gelöst. Haben doch schon die ersten Sammlungen nicht weniger als 142760 Franks erbracht, von denen 136276 Jahresbeiträge sind! ft Als Seitenstück zu der neulich mitgeteilten Aeußerung des Philosophen Eduard v. Hartmann über den Zionismus niöge heute eine Aeußerung Tolstois mitgeteilt sein. Sie ist dem jüngst in Frankreich erschienenen Werke „Les Revolutionäres“ entnommen und ist echt Tolstoisch. Der russische Denker und Dichter sieht in dem Zionismus eine ungesunde Bewegung; in einem alten, intelligenten, erfahrungsreichen Volke sei ein heftiges, und unangebrachtes Verlangen erwacht, zu regieren, eine Rolle zu spielen und als eine Nation zn paradieren. Das sei Entartung. Der Zionismus sei unpopulär. Wenn die Juden wirklich ein so heftiges Verlangen hätten, nach Palästina zurückzukehren, dann hätten sie in den achtzehnhundert Jahren schon eine Gelegenheit dazu gefunden. Der wirklich jüdische Geist wisse nichts von einem eigenen begrenzten Vaterland. Das Vaterland der Juden sei ihre Bibel, ihre Religion. Die zionistischen Führer verkennen diese Tatsache, ignorieren die religiösen Fragen und befassen sich mit der Auswanderung und Politik. Das aber entspreche gar nicht dem Geschmack des jüdischen Volkes. Dieses sehe das Vergebliche der zionistischen Bestrebungen und wende sich von der Bewegung ab. Der Zionismus sei nicht von Gott, sondern habe zuviel von menschlicher Erfindung an sich; dagegen nichts Nationales. Er sei Fleisch vom Fleische des zeitgenössischen Europäertums, dessen schwächlicher und verstümmelter Sproß, der die Aeltern kopiere und Staaten wie Kartenhäuser aufbaue. Im Glauben, daß die Macht Europas in den Kanonen mit dem militärischen Schreck in deren Gefolge liege, hatten die Führer des Zionismus den Plan gefaßt, ihre alten Männer in Soldatenuniformen zu stecken und ihnen Gewehre in die Hand zu geben. Sie wünschten einen neuen Judenstaat zu schaffen, aber die zivilisierte Menschheit verfolge heute das entgegengesetzte Ziel: die Beseitigung der Kanonen und der Gruppierungen, die jetzt nur durch Waffengewalt aufrecht erhalten werden; die heutige Menschheit suche eine viel weitere Vereinigung. Die Menschheit wolle nichts wissen von abgegrenzten Staaten, während der Zionismus einen alten Lappen aufzuputzen trachte und diese barbarische Bestrebung Forschritt nenne. Sehr einverstanden ist Tolstoi

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