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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-14 · Heft 37 (14.7.1906) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 37 (14.7.1906)
Date
1906-07-14
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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- 434 Vergnügen und Gastlichkeit. Da die Eitelkeit doch einmal eine Eigenschaft der meisten Menschen ist, ist allenfalls zu verstehen, daß diejenigen, die wie die Juden wenig mit Rang, Titeln, Orden, Ehrenstellen Prunken können, es mit großen Gastereien tun. Der jüdische Protz hätte also schon mancherlei zu seiner Entschuldigung; nur daß Neid und Mißgunst und Haß sie nicht gelten lassen würden, auch wenn sie ausreichten, was sie allerdings nicht tun. Gastfreundschaft war in der Tat vordem leine sehr schöne jüdische Tugend, als nämlich noch der jüdische Gelehrte der gern gesehene Ehrengast in den besten jüdischen Familien war, als selbst der Schnorrer und Plätt-Esfer (Billet-Esser) an Sonnabenden und Festtagen wie ein Gleichgestellter an der Tafel des wohlhabenden Juden sitzen durfte. Wer Verlangen nach Verkehr mit gebildeten Leuten hat, sucht diese in ganz anderen Kreisen als denjenigen, die gewöhnlich das Hauptkontingent zu den Gesellschaften der reichen Leute stellen, um nachher diejenigen zu verspotten, deren kostbare Weine sie getrunken und deren teure Zigarren sie geraucht, um nachher den Sohn desjenigen als unwürdig zu bezeichnen, in sein Offizierkorps ausgenommen zu werden, an desseir Tafel er sich gütlich zu tun pflegt. Wir sind die allerletzten, die den Juden gesellschaftliche Abschließung empfehlen möchten; im Gegenteil, nur sollen sie sich nicht aufdrängen und nicht moralisch Minderwertige, solche, die sie doch nicht als auf gleichem Fuße behandeln, heranzerren. Heute kann jeder gebildete Jude in Deutschland Anspruch erheben, mit jedem gebildeten Menschen als gesellschaftlich gleichberechtigt behandelt zu werden, gleichviel wie es noch um die politische Gleichstellung stehen mag, und wer diesen Anspruch der Juden nicht vollständig anerkennt, sollte lieber jüdischen Häusern fernbleiben und serngehalten werden. Die reichen Juden haben heutzutage wahrlich Gelegenheit genug, ihr Geld in würdigerer Weise „unter die Leute zu bringen" — damit pflegt man auch die extravaganten Festlichkeiten zu beschönigen — als es für undankbare Schmarotzer zu verschwenden, die gegen den jüdischen Protz hinterher immer weit unnachsichtiger sind als gegen den noch so vulgären christlichen. Wir wissen, daß wir hier und da durch diese Bemerkungen vielleicht Anstoß erregen werden, und es ist uns nicht leicht gefallen, sie zu machen. Aber schließlich überwog bei uns der Gedanke, daß wir Juden uns rühmen dürfen, stets die strengsten Selbstkritiker gewesen zu sein. Früher gab es denn auch in den Synagogen Musfarpredigten; jetzt, da die Synagogen nicht mehr so oft besucht werden und die Mussarprediger auch überaus rar geworden sind, ist ein gelegentlicher Mahnartikel in einem jüdischen Blatte nicht ganz unangebracht, sollte nicht für unangebracht gehalten, vielmehr als wohlgemeint hingenommen werden. Wir Juden haben in verhältnismäßig kurzer Zeit die deutsche Sprache uns ganz zu eigen gemacht, wir sind in die deutsche Literatur so tief eingedrungen wie alle gleichgestellten germanischen Mitbürger, wir haben so sehr viel gelernt, als das Lernen uns noch schwer gemacht wurde, so müßte es doch ganz seltsam sein, wenn wir nicht auch noch mehr lernen könnten. Diejenigen unter uns, die aber nicht mit geistigenGaben und materiellen Gütern prunken können, sollten erst recht bescheiden und zurückhaltend sein, namentlich in der Oeffentlichkeit. Sie sollen stets daran denken, daß sie durch ein den alten jüdischen Sitten durchaus nicht entsprechendes Verhalten Rischus machen und so dem Judentum schaden, daß sie mechalel haschem sind, d. h. die größte Sünde begehen, die je in unserer Gemeinschaft als solche gegolten hat. Sir Woche. Berlin, 11. September, im preußischen Kriegsministerium ist eine Untersuchung über den Modus der Wahlen der.Reserve-Offiziere im Gange, Diese Untersuchung ist ohne Zweifel das Ergebnis von Verhandlungen, die in den letzten Jahren im Reichstage stattgefunden haben. Es wurden zahlreiche Fälle vorgebracht, in denen tüchtige Aspiranten anscheinend aus konfessionellen Vorurteilen abgelehnt worden waren. Ein liberales Blatt bringt hierzu die folgenden sehr zutreffenden Bemerkungen: „Es handelte sich dabei um die Ausschließung der Juden vom Offizierkorps. Aber nicht nur der Juden. Hier und da glaubten sich die Katholiken zu Klagen berechtigt. Es soll auch vorgekommen sein, daß bei überwiegend katholischen Offizierkorps protestantische Anwärter auf Schwierigkeiten stießen. So offenkundig und grundsätzlich allerdings ist die Zurückweisung nirgends, wie den Juden gegenüber; und zwar nicht im ganzen Deutschen Reich, sondern in Preußen. Was der Kriegsminister von Einem zur Entschuldigung dieser Tatsache vorgebracht hat, ist hinfällig. Er wird sich dessen selbst bewußt sein. Er erzählte im Reichstag, ein jüdischer Herr habe ihn gefragt, was er machen solle, um seinen Sohn zum Reserveoffizier gewählt zu sehen. „Stellen Sie ihn zur Wahl bei dem betreffenden Landwehroffizierkorps! . . . Warum sollte Ihr Sohn da nicht gewählt werden?" „Nein, das glaube ich nicht, sie wählen ihn nicht." „Dann schicken Sie Ihren Sohn an das und das Bezirkskommando." Der Rat wurde befolgt, der junge Mann dorthin versetzt, nicht als Soldat, sondern als Beamter. Es kam zur Wahl, die — ablehnend ausfiel. Einige Offiziere hatten rundweg erklärt: „Ich wähle ihn nicht, weil er Jude ist." Der Kriegsminister schrieb dem kommandierenden General: „Das ist unmöglich ein Grund, um einen jungen Mann, der das Qualifikationsattest zum Reserveoffizier hat, abzuweisen." Der kommandierende General war derselben Meinung, ordnete eine Neuwahl an, zu der sich der Aspirant stellte, und der Aspirant wurde — einstimmig abgelehnt. „Weder der kommandierende General noch ich hatten nun Mittel, diesem jungen Mann seinen Wunsch, Reserveoffizier zu werden, zu erfüllen." Was ist mit diesem Vorgang bewiesen? Etwa daß die Ablehnung nicht aus konfessionellen Rücksichten erfolgte? Aber angenommen auch, in diesem einzelnen Falle hätten die konfessionellen Rücksichten wirklich nicht den Ausschlag gegeben, so ist doch dem Kriegsminister nicht unbekannt, daß seit einem Vierteljahrhundert oder mehr in Preußen überhaupt fein Jude Reserveoffizier wird, wie viele auch die Qualifikation erworben und sich zur Wahl gestellt haben. Sie konnten die ausgezeichnetsten Soldaten sein, die glänzendsten Zeugnisse und Empfehlungen vom Regiment haben, Offiziere wurden sie nicht. Es macht dem Kriegsminister alle Ehre, daß er dem Vater, der ihn um Rat fragte, ein Bezirkskommando nannte, an das sich der Sohn wenden möge, und ihm nicht den einzig sichern Weg zum Erfolg zeigte: „Er muß sich taufen lassen!" Ja, wenn ein jüdischer Einjähriger sich dieser Prozedur, die mitunter recht dringend empfohlen wird, rechtzeitig unterwarf, konnte er hundert gegen eins wetten, die Epaulettes zu erhalten. Bei den Akten des Kriegsministeriums wird sich eine Statistik befinden, die dem Kriegsminister von Einem darüber Auskunft gibt. Oder wenn der junge Mann in Bayern diente oder seine Uebungen machte, auch das war etwas anderes; jenseits des Mains war er zum Offizier geeignet, diesseits nicht. Hierzulande glaubt ihm selbst der Kriegsminister nicht helfen zu können. Will aber Herr von Einem behaupten, seit Jahrzehnten sei in Preußen kein Jude militärisch und gesellschaftlich, nach Leistung und Charakter, der rechte Mann gewesen, Offizier zu werden? Es hat doch vordem in Preußen sogar einen aktiven Major Burg, der Jude war und blieb, und hat eine stattliche Anzahl jüdischer Offiziere in den Befreiungskriegen und in und kurz nach dem Kriege von 1870/71 gegeben. Es gibt jüdische Offiziere in Menge in Oesterreich, England, Amerika: jüdische Obersten und Generale in Frankreich: ein jüdischer Kriegsminister in Italien hat vom deutschen Kaiser das Großkreuz des Roten Adlerordens erhalten. Einer der erfleu Offiziere, die im Kampfe mit den Aufständischen ihr Leben ließen, war ein Jude; er war in Bayern ir7flig»nTTB«am

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